Pflegeversicherung: 10 Milliarden Euro Lücke 2027 zeichnet sich ab
Veröffentlicht am: 01.09.2026 um 20:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Pflegeversicherung steht vor einer Finanzierungskrise, die sich nach Zahlen des GKV-Spitzenverbandes von Ende August 2026 in den kommenden Jahren noch verschärfen dürfte. Für das laufende Jahr weist der Verband ein Defizit von 4,4 Milliarden Euro aus, sofern keine weiteren Hilfen fließen.
Mit einem Bundesdarlehen von 3,2 Milliarden Euro reduziert sich die Lücke auf 1,2 Milliarden Euro. Für 2027 zeichnet sich laut den Angaben eine deutlich größere Finanzierungslücke von 10 Milliarden Euro ab.
Ausgaben wachsen schneller als Einnahmen
Der Grund für die wachsende Schieflage liegt in einer strukturellen Schere: Im ersten Halbjahr 2026 stiegen die Ausgaben der Pflegeversicherung um 11 Prozent auf 39,5 Milliarden Euro, während die Einnahmen nur um 3,9 Prozent zulegten.
Nach Einschätzung des GKV-Spitzenverbandes reichen die Einnahmen ab Oktober 2026 nicht mehr aus, um die laufenden Pflegeleistungen zu decken. Verbandschef Oliver Blatt sprach in diesem Zusammenhang von „Alarmstufe Rot“ bei der Erstattung von Leistungen. Bis zum Jahresende 2026 fehle der Pflegeversicherung demnach ein Betrag von 500 Millionen Euro.
Ein wesentlicher Treiber der Entwicklung ist die steigende Zahl Pflegebedürftiger: Der GKV-Spitzenverband zählte für 2025 rund 6 Millionen Pflegebedürftige – doppelt so viele wie 2017.
Forderungen an den Bund
Der GKV-Spitzenverband richtet konkrete finanzielle Forderungen an den Bund: Er verlangt die Rückzahlung von 5,2 Milliarden Euro an Corona-Schulden sowie die Übernahme der Rentenbeiträge für pflegende Angehörige in Höhe von 5,3 Milliarden Euro jährlich.
Diese Forderung berührt unmittelbar einen politischen Streitpunkt, denn CDU-Politiker Carsten Linnemann lehnte Rentenkürzungen für pflegende Angehörige ab. Der entsprechende Gesetzentwurf soll im September im Kabinett beraten werden.
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Die Koalition selbst versucht, Beitragserhöhungen zu vermeiden, und diskutiert stattdessen strengere Pflegegrade sowie eine Übernahme der Investitionskosten durch die Länder. Der Entwurf von Gesundheitsministerin Warken sieht dabei strengere Kriterien und später wirksame Zuschüsse vor.
Verbände laufen Sturm gegen die Reformpläne
Gegen diese Pläne regt sich breiter Widerstand aus Verbänden und Gewerkschaften. In Hessen kritisiert das Aktionsbündnis Pflege – ein Zusammenschluss aus Verdi, Diakonie, DRK, dem Paritätischen Wohlfahrtsverband und der Initiative „Wir pflegen!“ – das geplante Pflegeneuordnungsgesetz (PNOG) scharf.
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Bemängelt werden die geplante Aussetzung der Tarifbindung für vier Jahre, das Fehlen einer Vollrefinanzierung der Tariflöhne, verschärfte Einstufungskriterien, die nach Berechnungen des Bündnisses zu 12 Prozent weniger als pflegebedürftig eingestuften Menschen führen würden, sowie eine Schwächung der ambulanten Beratung. Proteste sind bereits angekündigt.
Auch bei der Zukunftswerkstatt Pflegepolitik 2026 in Berlin, an der mehr als 40 Verbände teilnahmen, wurden weitreichende Forderungen formuliert: eine uneingeschränkte Tariftreueregelung, die volle Refinanzierung der Löhne, die Rückzahlung der Corona-Hilfen sowie deutlich mehr Mittel für die Telematikinfrastruktur – 9 Milliarden Euro statt der vorgesehenen 1,6 Milliarden Euro.
Zudem forderten die Verbände eine neue Evaluation des Begutachtungssystems. Die Warnung der Teilnehmer lautete, kurzfristiges Sparen führe langfristig zu höheren Kosten.
Der Deutsche Gewerkschaftsbund ruft für den 26. September zu Kundgebungen auf, unter anderem zu einer Demonstration in Frankfurt ab 11 Uhr. Die Pflegebevollmächtigte Staffler hält eine Reform für notwendig, sieht das angekündigte Darlehen aber lediglich als Überbrückung.
Weitergehende Stimmen aus den Verbänden fordern einen grundsätzlichen Systemwechsel hin zu einer solidarischen Pflegevollversicherung und bezeichnen die aktuellen Reformpläne als „Spardiktat“.
