Pflegestrukturkommission: Verbände verlangen Sitz und Stimme für Angehörige
Veröffentlicht am: 19.10.2026 um 13:30 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie Reform der pflegerischen Versorgung in Deutschland steht vor tiefgreifenden Weichenstellungen. Während das Bundesgesundheitsministerium eine Pflegestrukturkommission einsetzt, fordern maßgebliche Interessenvertretungen eine stärkere Einbindung der häuslichen Pflege.
In einem Schreiben an Bundesminister Dr. Linnemann verlangen die Bundesverbände wir pflegen e.V., Pflegende Angehörige e.V. sowie die Deutsche Alzheimer Gesellschaft eine gleichberechtigte Beteiligung pflegender Angehöriger in dem Gremium mit Sitz und Stimme. Als gemeinsame Vertreterin nominieren die Verbände Prof. Dr. Notburga Ott.
Häusliche Betreuung als Fundament der Versorgung
Ihre Forderung begründen die Organisationen mit der Versorgungsrealität: Rund 88% der pflegebedürftigen Menschen in Deutschland werden in den eigenen vier Wänden betreut. Da das Mandat der Kommission zentrale Handlungsfelder wie die häusliche Pflege, die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf, soziale Teilhabe sowie Prävention umfasst, sei eine direkte Mitwirkung der Angehörigen unerlässlich.
Die Dimension dieser Aufgaben spiegelt sich in den demografischen Daten wider. Nach Verbandsangaben leben in Deutschland derzeit etwa 1,8 Millionen Menschen mit Demenzerkrankungen, von denen über zwei Drittel zu Hause von Angehörigen versorgt werden.
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Jährlich kommen etwa 360.000 Neuerkrankungen in der Altersgruppe ab 65 Jahren hinzu, wovon schätzungsweise 60% dem Alzheimer-Typ zuzurechnen sind. Bis zum Jahr 2050 könnte diese Zahl auf bis zu 2,6 Millionen Betroffene ansteigen, sofern kein Durchbruch in Prävention oder Therapie gelingt.
Kontroversen um Reformansätze und Finanzierung
Die Initiative der Angehörigenverbände fällt in eine Phase intensiver Debatten über die Ausrichtung der Reform. Fachverbände mahnen an, die Beratungen nicht auf Haushaltsfragen zu verengen.
Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) warnte anlässlich der Kommissionseinsetzung in einem Positionspapier davor, sich rein auf Finanzierungsfragen zu konzentrieren, da eine reine Umverteilung von Finanzströmen den Kollaps der Pflegeversicherung nicht abwende.
DBfK-Präsidentin Vera Lux forderte stattdessen eine grundlegende Strukturreform mit eigenem Leistungsrecht und autonomer Steuerungskompetenz für Fachkräfte sowie die Überwindung starrer Sektorengrenzen.
Auch Elke Eckardt, Vorsitzende der Geschäftsführung der Evangelischen Heimstiftung, mahnte fünf zentrale Stellschrauben an und sprach sich gegen langwierige Kompromisse auf Basis des kleinsten gemeinsamen Nenners aus.
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Auf verbandlicher Ebene bestehen zudem Vorbehalte gegen das geplante Pflegeneuordnungsgesetz (PNOG). VDAB-Hauptgeschäftsführer Thomas Knieling forderte Anpassungen im Gesetzgebungsverfahren, unter anderem eine verlässliche Refinanzierung für nicht tarifgebundene Anbieter sowie die verbindliche Einbindung von Pflegediensten in die Pflegebegleitung.
Politische Auseinandersetzungen im Vorfeld
Dass die Weiterentwicklung der Pflegeversicherung auch parlamentarisch umstritten bleibt, zeigten die Verhandlungen im Bundestag Mitte Oktober 2026. Das Parlament lehnte einen Antrag der Fraktion Die Linke gegen Leistungskürzungen mit den Stimmen von CDU/CSU, SPD und AfD ab, während sich die Grünen enthielten.
Neben Forderungen nach einer Ausweitung der Beitragsbemessungsgrenze stehen auch strukturelle Belastungen im Raum: Nach Angaben des GKV-Spitzenverbands beliefen sich die Mittel der sozialen Pflegeversicherung Ende 2025 auf 5,34 Milliarden Euro, nachdem in den ersten drei Quartalen 2025 ein Defizit von 550 Millionen Euro über Bundesdarlehen ausgeglichen werden musste.
Vor diesem Hintergrund rückt die Frage, wie Angehörige und Leistungsträger in der neuen Kommission vertreten sind, ins Zentrum der gesundheitspolitischen Diskussion.
