Pflegenotstand: Bis 2049 könnten bundesweit bis zu 690.000 Kräfte fehlen
Veröffentlicht am: 27.09.2026 um 07:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Der Personalmangel in der Pflege verschärft sich, obwohl die Ausbildungszahlen in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen sind. Gleichzeitig ringt die Bundesregierung um eine Reform der Pflegeversicherung, deren Finanzierung für 2027 als ungesichert gilt.
Aktuelle Zahlen aus Sachsen und bundesweite Statistiken zeigen ein Spannungsfeld zwischen steigendem Fachkräftebedarf, wachsender Bedeutung ausländischer Beschäftigter und politischem Streit um Kürzungen und Beitragserhöhungen.
Sachsen als Beispiel für den Fachkräftemangel
Laut der Regionaldirektion Sachsen der Bundesagentur für Arbeit kommen im Freistaat derzeit auf zwei freie Stellen in der Pflege nur eine arbeitslose Pflegekraft. Dabei ist die Zahl der Auszubildenden in Gesundheitsberufen deutlich gewachsen: Das Statistische Landesamt Sachsen zählte im Februar 11.320 Auszubildende – ein Plus von fast 80 Prozent innerhalb von zehn Jahren. Im Vorjahr hatten rund 4.150 Menschen eine entsprechende Ausbildung begonnen.
Auch die Beschäftigtenzahlen steigen: Nach Angaben von Sachsen Pflege arbeiteten im Februar 113.240 Menschen in der Pflege im Freistaat, seit 2016 kamen rund 23.000 neue Jobs hinzu. Besonders stark wuchs der Helferbereich mit knapp 35.000 Beschäftigten, ein Plus von 50 Prozent.
Dennoch reicht das Wachstum nicht aus, um den absehbaren Bedarf zu decken: Die Regionaldirektion Sachsen geht davon aus, dass bis 2040 voraussichtlich jede zweite Stelle in der Pflege nachbesetzt werden muss.
Eine IAB-Studie beziffert den zusätzlichen Bedarf in Sachsen bis 2040 auf bis zu 21.000 zusätzliche Vollzeitbeschäftigte – wobei der tatsächliche Bedarf wegen des hohen Teilzeitanteils in der Branche noch höher liegen dürfte.
Bundesweit zeichnet das Statistische Bundesamt ein ähnliches Bild: Je nach Szenario fehlen bis 2049 zwischen 280.000 und 690.000 Pflegekräfte.
Ausländische Fachkräfte als tragende Säule
Angesichts dieser Lücken rückt die Bedeutung ausländischer Beschäftigter in den Fokus. Nach Angaben der Bundesärztekammer besitzen 16 Prozent der Ärzte in Deutschland eine ausländische Staatsbürgerschaft, im Krankenhaus liegt der Anteil laut Deutscher Krankenhausgesellschaft (DKG) bei etwa 22,5 Prozent.
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Auch in der Krankenpflege schätzt die DKG den Anteil ausländischer Beschäftigter auf rund 20 Prozent. Am Uniklinikum Augsburg stammen 21 Prozent der rund 7.900 Beschäftigten – etwa 1.600 Mitarbeiter – aus dem Ausland.
DKG-Vorstandsvize Henriette Neumeyer warnte, dass ohne ausländische Fachkräfte lange Wartelisten, Leistungseinschränkungen und verschobene Operationen drohten. Sie forderte bundesweit einheitliche, digitalisierte Anerkennungs- und Visaverfahren.
Derzeit bearbeiten Landesärztekammern die Anerkennung ausländischer Abschlüsse mit unterschiedlichen Anforderungen, Visa-Prozesse sind selten digitalisiert, und Fachkräfte warten laut DKG mitunter Monate bis Jahre auf Botschaftstermine. Die Kosten für Vermittlungsagenturen übernehmen häufig die Krankenhäuser selbst.
Reformpläne: Neue Ausbildung, aber Sparzwang
Parallel zu diesen strukturellen Problemen soll ein Pflegeneuordnungsgesetz, dessen Referentenentwurf vom 5. Juni 2026 noch nicht beschlossen ist, eine bundeseinheitliche Pflegefachassistenzausbildung einführen, die zum 1. Januar 2027 starten und 27 unterschiedliche landesrechtliche Pflegehilfe- und Assistenzausbildungen ersetzen soll.
Die neue Ausbildung ist auf 18 Monate angelegt. Seit Anfang 2026 können zudem Vertragsverhandlungen für erweiterte heilkundliche Aufgaben von Pflegefachpersonen geführt werden.
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Gleichzeitig droht der Branche finanzieller Druck: Das vom Bundeskabinett am 29. April 2026 beschlossene, aber noch nicht durch Bundestag und Bundesrat verabschiedete GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz soll das Pflegebudget der Krankenhäuser ab Januar 2027 dauerhaft deckeln.
Das Wachstum darf demnach nur den allgemeinen Lohnzuwächsen der gesetzlichen Krankenversicherung folgen, in den Jahren 2027 bis 2029 sogar einen Prozentpunkt darunter liegen. Die pauschale Finanzierung pflegeentlastender Maßnahmen, die seit 2025 2,5 Prozent des Pflegebudgets ausmacht, soll ab 2027 entfallen.
Der GKV-Spitzenverband weist darauf hin, dass Pflegepersonaluntergrenzen bereits in rund 12,5 Prozent aller Schichten unterschritten werden. Zwischen 1996 und 2007 wurden über 50.000 Vollkräfte im Pflegedienst abgebaut, erst 2020 wurde wieder das Niveau von 1995 erreicht.
Streit um Pflegereform und steigende Eigenanteile
Die Finanzierung der Pflegeversicherung selbst sorgt für politischen Streit. CDU-Gesundheitsminister Carsten Linnemann bezifferte die jährlichen Ausgaben der Pflegeversicherung auf rund 74 Milliarden Euro und erklärte, für 2027 seien Einsparungen von 8 Milliarden Euro nötig.
Die 3,2-Milliarden-Euro-Finanzspritze des Bundes für die Pflege im laufenden Jahr reiche dafür nicht aus. Linnemann wollte den Gesetzentwurf zeitnah ins Kabinett bringen, um die Finanzen der Pflegeversicherung für 2027 zu stabilisieren.
SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf warnte hingegen vor massiven Kürzungen und erklärte, seine Partei akzeptiere keine Leistungskürzung in der Pflege. SPD-Fraktionschef Matthias Miersch kündigte an, die Reform mit den 120 SPD-Abgeordneten so nicht mitzutragen, sollte nicht auch die private Pflegeversicherung an den Kosten beteiligt werden – andernfalls drohe ein Veto.
Die gesetzliche Pflegeversicherung zählt rund 75 Millionen Mitglieder, die private rund 9 Millionen, darunter Gutverdiener ab einem Jahreseinkommen von 84.000 Euro ab 2027, Beamte und Selbstständige.
Als Alternative zu pauschalen Kürzungen fordert die SPD einen Pflegedeckel: Saarlands Ministerpräsidentin Anke Rehlinger schlägt eine Begrenzung des Eigenanteils im Heim auf maximal 1.500 Euro vor, SPD-Politiker Christos Pantazis einen risikoorientierten Finanzausgleich zwischen gesetzlicher und privater Pflegeversicherung.
Der saarländische Gesundheitsminister Magnus Jung brachte ein zweistufiges Modell ins Gespräch, bei dem ab einem Eigenanteil von 1.500 Euro Zuschüsse greifen sollen.
Hintergrund ist die Kostenentwicklung: Laut Verband der Ersatzkassen kostete ein Heimplatz im ersten Jahr im Juli durchschnittlich 3.364 Euro monatlich – 119 Euro mehr als zu Jahresbeginn und 256 Euro mehr als im Juli des Vorjahres. Allein für Unterkunft und Verpflegung waren im Schnitt 1.086 Euro monatlich fällig, 50 Euro mehr als ein Jahr zuvor.
Die frühere CDU-Gesundheitsministerin Nina Warken hatte zuvor einen Entwurf mit weitreichenden Ausgabenbremsen vorgelegt, der unter anderem eine Anhebung des Pflegebeitrags für Kinderlose auf 4,3 Prozent, Einschränkungen bei der kostenlosen Mitversicherung von Ehepartnern, strengere Pflegegrad-Einstufungen sowie Kürzungen bei Rentenbeiträgen für pflegende Angehörige vorsah. Linnemann wollte darauf möglichst verzichten.
Warnungen vor drohender Finanzierungslücke
GKV-Spitzenverband-Chef Oliver Blatt mahnte, die Pflegereform müsse rasch in den Bundestag eingebracht werden, da der Pflegeversicherung bis Ende des laufenden Jahres ein Defizit von 4,4 Milliarden Euro drohe.
In wenigen Monaten sei das Geld schlichtweg alle, so Blatt. Er forderte, versicherungsfremde Leistungen – etwa Rentenbeiträge für pflegende Angehörige – künftig aus Steuermitteln zu finanzieren, was allein 5 Milliarden Euro einsparen würde. Den Schlüssel dafür sieht er im SPD-geführten Finanzministerium.
Die CSU-Pflegebevollmächtigte Katrin Staffler warnte vor einer Gefährdung der Versorgungssicherheit und kritisierte die Verzögerung durch die SPD. Verdi-Vorstandsmitglied Sylvia Bühler begrüßte hingegen die SPD-Kritik an den Reformplänen.
Auch die Verbraucherzentrale positionierte sich: vzbv-Vorständin Ramona Pop sprach sich gegen Leistungskürzungen und ein Aufschieben der Begrenzung von Eigenanteilen aus. PKV-Verbandsdirektor Florian Reuther warf der SPD dagegen ideologische Forderungen vor.
Sollte das geplante Spargesetz nicht rechtzeitig verabschiedet werden, würden die Pflegebeiträge 2027 um 0,4 Prozentpunkte steigen, jeweils zur Hälfte getragen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Ein für Anfang Oktober angesetztes Krisentreffen von Union und SPD sowie ein Koalitionsausschuss sollen in den kommenden Wochen über den weiteren Kurs entscheiden.
