Pflegende Angehörige: 6,4 Millionen könnten 2045 Beruf und Pflege vereinbaren müssen
Veröffentlicht am: 21.10.2026 um 00:09 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie Vereinbarkeit von Pflege und Beruf entwickelt sich zu einer wachsenden Belastung für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Nach Modellrechnungen einer gemeinsamen Untersuchung der Bertelsmann Stiftung und der Prognos AG bindet die unzureichende Vereinbarkeit beider Lebensbereiche im Jahr 2026 rechnerisch rund 184.000 Vollzeitstellen.
Bis zum Jahr 2045 könnten dem Arbeitsmarkt dadurch bis zu 229.000 Vollzeitstellen verloren gehen, was einem Anstieg um knapp ein Viertel entspricht. Eine zweite Modellvariante der Analyse beziffert den potenziellen Verlust bis 2045 sogar auf rund 327.000 Vollzeitstellen.
Die Berechnungen für 2026 und 2045 stützen sich auf Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) sowie des Statistischen Bundesamtes (Destatis). Hintergrund der Entwicklung ist der demografische Wandel: In Deutschland leben rund 6 Mio. Pflegebedürftige, von denen drei Viertel – laut einer weiteren Angabe vier von fünf – zu Hause von Angehörigen versorgt werden.
Zunehmende Belastung der Erwerbsbevölkerung
Die Zahl der Erwerbstätigen, die Pflegeaufgaben übernehmen, nimmt kontinuierlich zu. Im Jahr 2023 widmeten sich 4,6 Mio. Menschen im erwerbsfähigen Alter der häuslichen Pflege, was knapp 9 Prozent beziehungsweise 8,7 Prozent dieser Bevölkerungsgruppe entsprach.
Bis zum Jahr 2045 könnte diese Zahl Modellrechnungen zufolge auf etwa 6,4 Mio. Personen anwachsen, womit gut 13 Prozent beziehungsweise 13,3 Prozent der Erwerbsbevölkerung eingebunden wären. Von den Einschränkungen im Berufsleben sind vor allem Fachkräfte mit langjähriger Berufserfahrung betroffen.
Wer sich mit der Vereinbarkeit von beruflichen Pflichten und privaten Belastungen befasst, findet in diesem Ratgeber wertvolle Strategien für mehr Ausgeglichenheit. Sichern Sie sich 5 Sofortmaßnahmen für mehr Fokus und weniger Stress im Alltag. Kostenlosen Work-Life-Balance-Ratgeber herunterladen
Eric Thode von der Bertelsmann Stiftung wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die gesellschaftliche Alterung dem Arbeitsmarkt entscheidendes Erwerbspotenzial entziehe, die berufliche Entwicklung der Betroffenen hemme und die wirtschaftlichen Wachstumsaussichten eintrübe.
Frauen tragen den Großteil der Pflegelast
Besonders gravierend sind die Folgen für weibliche Beschäftigte. Frauen stellen 63 Prozent der pflegenden Angehörigen und erbringen im Durchschnitt sechs Stunden mehr Pflegearbeit pro Woche als Männer.
Für das Jahr 2045 wird prognostiziert, dass rund 580.000 Frauen ihre Erwerbstätigkeit pflegebedingt einschränken oder ganz aufgeben müssen. Dies entspräche einem Verlust von etwa 173.000 Vollzeitstellen, was ungefähr drei Viertel des gesamten Arbeitskräfteausfalls ausmacht. In der zweiten Modellvariante der Untersuchung schwankt die Zahl der betroffenen Frauen im Jahr 2045 zwischen 580.000 und 779.000.
Michaela Hermann von der Bertelsmann Stiftung betonte, dass der steigende Pflegebedarf nicht mit Rückschritten bei der Gleichstellung bezahlt werden dürfe. Frauen verlören dadurch wichtige berufliche Perspektiven, während der Wirtschaft dringend benötigte Arbeitskräfte abhandenkämen.
Reformforderungen und Reaktionen von Verbänden
Als Gegenmaßnahmen empfiehlt die Untersuchung unter anderem flexiblere Arbeitszeitmodelle, den Ausbau von Homeoffice-Möglichkeiten, gezielte Wiedereinstiegshilfen sowie einen erleichterten Zugang zu Tages- und Kurzzeitpflegeeinrichtungen.
Für alle, die nach Wegen suchen, beruflichen Erfolg und persönliches Glück besser in Einklang zu bringen, bietet dieser Leitfaden konkrete Übungen. Erfahren Sie, wie Sie Zeitdiebe eliminieren und Ihre Produktivität nachhaltig steigern. Mehr Zeit für Freizeit und Familie – so geht’s wirklich
Thomas Greiner vom Arbeitgeber- und Berufsverband Privater Pflege (AGVP) erklärte, Angehörige dürften nicht als stille Reserve betrachtet werden, und forderte, professionelle Pflege als notwendige Arbeitsmarktinfrastruktur anzuerkennen.
Eugen Brysch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz bezifferte die finanzielle Dimension der häuslichen Betreuung: Die Angehörigenpflege entlaste das deutsche Pflegesystem jährlich um 206 Mrd. Euro, während die Aufwendungen für entsprechende Rentenversicherungsleistungen lediglich fünf Mrd. Euro betrügen.
Verena Bentele vom Sozialverband VdK warnte vor Kürzungen bei der rentenrechtlichen Anrechnung von Pflege- und Erziehungszeiten, während der SoVD eine grundlegende Reform anmahnte.
Die Bundesregierung bereitet derzeit eine erste Pflegereform für 2027 vor. Das geplante Pflegeneuordnungsgesetz soll unter anderem einen Anspruch auf fachliche Pflegebegleitung beinhalten. Eine eingesetzte Pflegestrukturkommission soll bis Ende Januar Vorschläge zur Weiterentwicklung des Systems erarbeiten.
