Pflegekrise: Strukturkommission soll bis 2027 Reformvorschläge erarbeiten
Veröffentlicht am: 13.09.2026 um 13:52 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Angesichts einer drohenden finanziellen Instabilität des deutschen Pflegesystems bereitet das Bundesgesundheitsministerium eine umfassende strukturelle Neuausrichtung vor. Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) kündigte die Einsetzung einer Strukturkommission an, die mit unabhängigen Fachleuten und Wissenschaftlern besetzt werden soll.
Ziel dieses Gremiums ist es, bis zum Jahr 2027 Vorschläge für eine grundlegende Reform zu erarbeiten, um das System langfristig zukunftsfest zu gestalten. Linnemann warnte in diesem Zusammenhang vor einem drohenden Kollaps der Pflegeversorgung in den 2030er Jahren, sofern keine tiefgreifenden Änderungen vorgenommen werden.
Finanzielle Herausforderungen und gesetzliche Maßnahmen
Die wirtschaftliche Ausgangslage der sozialen Pflegeversicherung gilt als angespannt. Laut aktuellen Prognosen fehlen im Jahr 2027 ohne zusätzliche Einsparungen rund 8 Milliarden Euro. Bei derzeitigen Gesamtausgaben von etwa 75 Milliarden Euro pro Jahr sieht der Bundesgesundheitsminister eine Notwendigkeit für Einsparungen in Höhe von zehn Prozent.
Ungeachtet der geplanten Strukturkommission soll das Pflegeunterstützungs- und -entlastungsgesetz (PNOG) zeitnah umgesetzt werden. Ein entsprechender Kabinettsbeschluss ist für September 2026 vorgesehen, wobei Termine am 16., 23. oder 30. September im Gespräch sind; auch eine Verschiebung in den Oktober gilt als möglich.
In der Debatte um die langfristige Finanzierung lehnt Linnemann einen Finanzausgleich zwischen der privaten und der gesetzlichen Pflegeversicherung ab. Ein Gutachten des Rechtswissenschaftlers Hanno Kube stufte einen solchen Transfer zudem als verfassungswidrig ein.
Dennoch liegen innerhalb des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) Papiere vor, die einen Risikoausgleich prüfen. Dabei stehen ein jährlicher Kostenausgleich von bis zu 2 Milliarden Euro sowie ein Ausgleich der Altersrückstellungen in Höhe von rund 500 Millionen Euro zur Diskussion. Die private Pflegeversicherung verfügt derzeit über Rücklagen von mehr als 40 Milliarden Euro.
Disput über Eigenanteile und Leistungsanpassungen
Ein zentraler Streitpunkt bleibt die Belastung der Pflegebedürftigen. Während der Deutsche Städtetag und die saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger einen Deckel von 1.500 Euro für den Eigenanteil im Pflegeheim fordern, sieht der aktuelle Referentenentwurf zur Pflegereform eine solche Deckelung nicht vor. Das BMG erklärte hierzu, dass eine Begrenzung der Kosten derzeit nicht möglich sei.
Nach Daten des Verbandes der Ersatzkassen (VDEK) vom Juli 2026 lag der durchschnittliche Eigenanteil für Heimbewohner im ersten Jahr bei 3.364 Euro pro Monat. Diese Summe setzt sich unter anderem aus dem einrichtungseinheitlichen Eigenanteil (EEE) von 2.088 Euro, Kosten für Unterkunft und Verpflegung in Höhe von 1.068 Euro sowie Investitionskosten von 521 Euro zusammen.
Der durchschnittliche Eigenanteil im Pflegeheim lag laut Verband der Ersatzkassen im ersten Jahr bei 3.364 Euro pro Monat — eine Deckelung auf 1.500 Euro ist bislang nur eine Forderung, der Referentenentwurf sieht sie nicht vor. Wer die eigene Belastung heute realistisch berechnen will, findet in diesem kostenlosen Leitfaden die relevanten Posten und die geltenden Entlastungen. Kostenlosen Pflegekosten-Leitfaden anfordern
Zur Entlastung greifen Leistungszuschläge nach § 43c SGB XI, die je nach Aufenthaltsdauer zwischen 15 und 75 Prozent variieren. Eine Dynamisierung der Leistungen ist laut Ministerium ab 2028 geplant.
Infrastruktur und barrierefreier Wohnraum
Neben der Finanzierung rückt die pflegerische Infrastruktur in den Fokus. Die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland wird bis zum Jahr 2050 auf voraussichtlich 7,5 Millionen Menschen ansteigen.
Modellrechnungen der Diakonie Michaelshoven für die Stadt Köln verdeutlichen den Bedarf: Dort wird ein Anstieg von 61.200 Pflegebedürftigen im Jahr 2026 auf 72.600 im Jahr 2050 erwartet, was rund 4.500 neue stationäre Plätze und 5.000 zusätzliche Mitarbeiter erforderlich mache.
Gleichzeitig verschärft sich der Mangel an barrierefreiem Wohnraum. Weniger als zwei Prozent der rund 37 Millionen Wohnungen in Deutschland erfüllen diese Kriterien. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Kompakt barrierefrei (KBB) forderte im Rahmen der Bauministerkonferenz im September 2026 eine stärkere Verankerung der Barrierefreiheit in den Landesbauordnungen.
Die Situation wird dadurch erschwert, dass die KfW-Förderung für altersgerechte Umbauten seit dem 30. Juli 2026 aufgrund ausgeschöpfter Mittel nicht mehr beantragbar ist. Der Sozialverband VdK fordert daher eine Aufstockung des Budgets auf 500 Millionen Euro.
Kritik und Forderungen der Akteure
Der Vorstoß zur Einsetzung einer Kommission stieß auf geteiltes Echo. Während die SPD einen verbindlichen Zeitpfad fordert, halten die Grünen das Gremium für entbehrlich. Die Linke schlug vor, Kapital- und Mieteinnahmen zur Finanzierung heranzuziehen, während die AfD eine Steuerfinanzierung versicherungsfremder Leistungen favorisiert.
Die Strukturkommission soll bis 2027 Vorschläge für eine grundlegende Pflegereform erarbeiten — bis dahin bleibt die Finanzierung der Pflegeversicherung offen, und ohne Einsparungen fehlen 2027 rund 8 Milliarden Euro. Wer sich frühzeitig auf den Pflegefall in der Familie vorbereiten will, findet in diesem kostenlosen Vorsorge-Plan die wichtigsten Stellschrauben. Vorsorge-Plan Pflegefall jetzt sichern
Die Caritas-Präsidentin Eva Maria Welskop-Deffaa warnte davor, die ambulanten Pflegedienste durch die Reformbemühungen zu schwächen. Aus der Branche selbst kommen Forderungen nach technologischer Unterstützung; so plädierte Alloheim-Chef Rainer Hehner für eine stärkere Nutzung digitaler Lösungen in der Pflege.
Auch Sozialministerin Stefanie Drese (Mecklenburg-Vorpommern) mahnte auf der Pflegemesse Rostock Verbesserungen für pflegende Angehörige und eine Prüfung der Einbeziehung von Beamten in die Versicherungssysteme an.
