Pflegekrise, Minister

Pflegekrise: Minister warnt vor 8-Milliarden-Defizit 2027

Veröffentlicht am: 11.09.2026 um 10:32 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Für die Pflegeversicherung zeichnen sich hohe Fehlbeträge ab. Linnemann setzt auf Einsparungen, Strukturreformen und stabile Beiträge ab 2027.

Pflegeversicherung vor Milliardenlücken: Linnemann fordert Reform
Ein leerer, ruhig beleuchteter Korridor in einer modernen Pflegeeinrichtung mit minimalistischer Architektur. Illustration mit AI erstellt.

Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) hat in seiner ersten Rede im Bundestag als Ressortchef die Finanzsituation der sozialen Pflegeversicherung als „desaströs" bezeichnet und eine grundlegende Reform des Pflegesystems angemahnt. Die Zahlen, mit denen er seine Warnung unterlegte, zeigen den Druck, unter dem die Bundesregierung steht.

Milliardenlücken in den kommenden Jahren

Nach Linnemanns Angaben droht der sozialen Pflegeversicherung 2027 ein Defizit von 8 Milliarden Euro, das sich 2028 auf mehr als 15 Milliarden Euro ausweiten könnte. Ähnliche Größenordnungen nennt der GKV-Spitzenverband: Dort wird für 2027 ein Fehlbetrag von bis zu 10 Milliarden Euro erwartet.

Bereits für das laufende Jahr weist der Verband ein Defizit von 4,4 Milliarden Euro aus, bis Jahresende sollen demnach rund 500 Millionen Euro fehlen. Ab Oktober reichen die Einnahmen der Pflegekassen nach dieser Einschätzung nicht mehr aus, um die Leistungen vollständig zu finanzieren.

Linnemann bezifferte die jährlichen Ausgaben des Pflegesystems auf rund 75 Milliarden Euro und hält Einsparungen von rund 10 Prozent für notwendig, um die Finanzierungslücke von rund 8 Milliarden Euro im Jahr 2027 zu schließen. Er verwies zudem auf die demografische Entwicklung: Die Zahl der Pflegebedürftigen soll von derzeit 6 Millionen bis 2050 auf 7,5 Millionen steigen. Ohne eine grundlegende Reform drohe in den Dreißigerjahren ein Kollaps des Systems.

Sparen statt nur neues Geld

Linnemann sagte, an Einsparungen führe kein Weg vorbei. Er kündigte an, Doppelstrukturen und Fehlanreize im System beseitigen zu wollen, und stellte eine „Strukturkommission Pflege" in Aussicht, die grundlegende Änderungen erarbeiten und Reformvorschläge für 2027 vorlegen soll.

Ziel sei es, die Ausgaben an die Einnahmen anzupassen und die Beiträge perspektivisch zu senken. Diese Position deckt sich mit der Forderung des AGVP-Präsidenten Greiner, der Strukturreformen statt reiner Geldspritzen verlangt.

Parallel zur langfristigen Kommissionsarbeit soll im Herbst eine Koalitionsreform im Pflegebereich folgen. Ein PNOG-Entwurf aus dem Haus von Ministerin Warken soll noch im September ins Kabinett gehen, mit dem Ziel, die Beiträge 2027 stabil zu halten.

Die schwarz-rote Koalition beriet zudem über eine nachhaltige Finanzierung, die unter anderem eine Deckelung steigender Eigenanteile in Pflegeheimen, die Entlastung pflegender Angehöriger, bessere Arbeitsbedingungen gegen den Fachkräftemangel sowie eine stärkere Vernetzung ambulanter und stationärer Versorgung umfassen soll.

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Der GKV-Spitzenverband weist für das laufende Jahr ein Defizit von 4,4 Milliarden Euro aus, ab Oktober sollen die Einnahmen der Pflegekassen nicht mehr für die volle Leistungsfinanzierung reichen. Wer Budgets und Beitragsannahmen für 2027 plant, braucht die belegbaren Zahlen und den Stand der Reformbausteine. Der kostenlose Report fasst beides zusammen. Kostenlosen Reform-Report anfordern

Streit um Finanzausgleich zwischen PPV und GKV

Ein besonders umstrittener Baustein der Debatte ist ein möglicher Finanzausgleich zwischen privater und gesetzlicher Pflegeversicherung. Einem Regierungsbericht aus dem Jahr 2024 zufolge könnten dabei bis zu 2 Milliarden Euro pro Jahr fließen.

Da die Beitragseinnahmen der privaten Pflegeversicherung bei gut 5 Milliarden Euro jährlich liegen, entspräche dies einer Erhöhung von knapp 40 Prozent für die PPV – für die gesetzliche Seite wären es dagegen weniger als 3 Prozent der Gesamtausgaben.

Diskutiert wird zudem ein Ausgleich über die Altersrückstellungen der PPV, deren Rücklagen über 40 Milliarden Euro betragen; hier wäre ein Betrag von rund 500 Millionen Euro pro Jahr möglich, gedeckelt auf ein Sechstel der PPV-Beitragseinnahmen.

Der Rechtswissenschaftler Kube bezeichnete einen solchen Finanzausgleich als verfassungswidrig, ein Vertreter der PKV namens Reuther warnte vor einem „Verfassungsbruch".

Hintergrund der Diskussion sind unterschiedliche Risikostrukturen: Laut dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales lag die Pflegebedürftigen-Quote 2021 bei 6,3 Prozent in der gesetzlichen und bei 3,2 Prozent in der privaten Versicherung, die Pro-Kopf-Ausgaben bei 683 Euro gesetzlich gegenüber 234 Euro privat.

Belastung für Beitragszahler und Sparzwang im Haushalt

Berichten zufolge plant die Bundesregierung neue Belastungen für Beitragszahler, wobei vor allem Gutverdiener und Kinderlose deutlich höhere Beiträge zahlen könnten.

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Ein Finanzausgleich zwischen privater und gesetzlicher Pflegeversicherung könnte bis zu 2 Milliarden Euro pro Jahr bewegen — für die PPV entspräche das einer Erhöhung von knapp 40 Prozent. Der Rechtswissenschaftler Kube hält das für verfassungswidrig, die PKV warnt vor einem Verfassungsbruch. Was das für Ihre Kalkulation bedeutet, zeigt der Report. Finanzierungs-Audit jetzt starten

Der Sparkurs betrifft dabei nicht nur die Pflege: Für den Bundeshaushalt 2027 sind Gesundheitsausgaben von rund 14,3 Milliarden Euro vorgesehen, gut 7,4 Milliarden Euro weniger als 2026. Linnemann verwies zudem auf die Gesamtausgaben im Gesundheitswesen von über 350 Milliarden Euro jährlich sowie auf Verwaltungskosten der Krankenkassen von 13,3 Milliarden Euro im Jahr 2025, was rund 4 Prozent der Ausgaben entspricht – auch hier will er die Beiträge senken.

Als weiteres Entlastungsfeld nannte er die Notaufnahmen: Personal solle durch Digitalisierung der Dokumentation entlastet werden, da ein Klinikarzt derzeit knapp drei Stunden täglich mit Dokumentation verbringt. Eine entsprechende Notfallreform befindet sich im parlamentarischen Verfahren. Linnemann sieht angesichts der Reformnotwendigkeiten auch seine eigene Partei vor einer Existenzfrage.

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