Pflegekrise: Jeder achte Pflegekraft hat erhöhtes Burnout-Risiko
Veröffentlicht am: 09.07.2026 um 06:31 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Das zeigt das neue Strukturwandelbarometer der Arbeiterkammer (AK) und des ÖGB.
Für die Studie befragte das Institut für empirische Sozialforschung (IFES) 1.500 Betriebsratsvorsitzende. Die Ergebnisse, veröffentlicht am 8. Juli 2026, zeichnen ein widersprüchliches Bild: Die Produktivität steigt – doch die Beschäftigten zahlen den Preis.
Produktivität um jeden Preis?
73 Prozent der Betriebsräte sehen Produktivität als das wichtigste Thema im Unternehmen. Mehr als die Hälfte berichtet von einem Anstieg in den letzten drei Jahren. Doch dieser Erfolg hat eine Kehrseite.
Die Arbeitnehmervertreter kritisieren: Der Zuwachs gehe maßgeblich auf Kosten der Beschäftigten. Die Folge: steigender Leistungsdruck, ein schlechteres Arbeitsklima und anhaltend hohe Krankenstände.
Besonders alarmierend: Ein Drittel der Beschäftigten zweifelt daran, unter diesen Bedingungen bis zur Rente durchzuhalten.
Personalmangel trifft auf Vorbehalte
63 Prozent der Betriebe klagen über Personalprobleme. Doch viele zögern, neue Arbeitskräftepotenziale zu erschließen. Die Studie zeigt deutliche Vorbehalte:
- 35 Prozent der Betriebe zögern bei der Einstellung von Langzeitarbeitslosen
- 29 Prozent haben Vorbehalte gegenüber Bewerbern über 50
- 22 Prozent lehnen Teilzeitmodelle ab
- 17 Prozent sehen Schwierigkeiten bei Menschen mit Betreuungspflichten
Die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit
Als Lösung setzen 61 Prozent der Betriebsräte auf Prozessoptimierung. 59 Prozent nennen die Einbindung der Beschäftigten – doch umgesetzt wird sie nur in jedem neunten Betrieb.
Ähnlich bei der Weiterbildung: 51 Prozent sehen sie als Hebel, aber nur jeder dritte Betrieb handelt danach. Die Digitalisierung nennen 41 Prozent als Werkzeug für den Wandel.
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Pflegebranche im Ausnahmezustand
Besonders dramatisch ist die Lage in der Pflege. Eine AK-Studie aus Vorarlberg mit über 4.000 Fragebögen zeigt: Jeder achte Pflegebeschäftigte hat ein erhöhtes Burnout-Risiko.
37 Prozent fühlen sich nach der Arbeit regelmäßig verbraucht. 61 Prozent leiden unter permanentem Zeitdruck. Fast jeder fünkfte Pflegemitarbeiter denkt über den Ausstieg nach.
Diese Zahlen bestätigen langjährige Trends. Bereits 2024 gaben in Tirol fast 62 Prozent der Pflegekräfte an, dass sich die Bedingungen in den letzten zehn Jahren verschlechtert haben. Über 70 Prozent erwarten eine weitere Verschlechterung.
Standort unter Druck
Die Personalkrise trifft auf eine schwache Konjunktur. Laut KMU Forschung stagnieren Gewerbe und Handwerk im zweiten Quartal 2026. Während Bau und Metalltechnik leichte Zuwächse verzeichnen, leiden Kunststoffverarbeiter und Holzbau unter Auftragsrückgängen.
Noch beunruhigender: Der Druck auf den Industriestandort wächst. Laut Industrieradar 2026 erwägt jedes vierte Industrieunternehmen eine Verlagerung ins Ausland. Eine WKNÖ-Umfrage unter 270 Betrieben kommt zu einem noch härteren Ergebnis: 43 Prozent planen eine Verlagerung innerhalb der nächsten drei bis fünf Jahre.
Die Hauptgründe: hohe Lohn- und Personalkosten sowie der Wettbewerbsdruck durch staatlich subventionierte Konkurrenz aus China.
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Forderungen der Arbeitnehmervertreter
Angesichts dieser Kumulation fordern AK und ÖGB mehr Investitionen in Qualifizierung, gesundheitserhaltende Arbeitsbedingungen und eine konsequentere Einbindung der Belegschaften. Ob die Politik reagiert, bleibt abzuwarten.
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