Pflegekrise: Eigenanteile explodieren auf 3.364 Euro monatlich
Veröffentlicht am: 06.08.2026 um 18:08 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die gesetzliche Pflegeversicherung steuert auf ein Rekorddefizit zu. Für 2026 werden 7,5 Milliarden Euro erwartet – nach 490 Millionen im Vorjahr. Bis 2028 könnte die Lücke auf 15 Milliarden Euro anwachsen. Auch die Krankenkassen kämpfen mit Fehlbeträgen: Für 2027 prognostizieren Experten eine Deckungslücke von über 15 Milliarden Euro, die bis 2030 auf 40 Milliarden steigen könnte.
Eigenanteile explodieren: Heimbewohner zahlen drauf
Die Krise trifft vor allem Pflegebedürftige direkt. Im Juli 2026 lag der bundesweite Durchschnitt der Eigenanteile im ersten Jahr des Heimaufenthalts bei 3.364 Euro pro Monat. In Berlin kostet ein Pflegeheimplatz sogar 3.750 Euro – mehr als doppelt so viel wie 2019, als noch 1.850 Euro fällig wurden. Für viele Rentner ist das kaum zu stemmen: Die durchschnittlichen Renten in Ostdeutschland liegen oft nur zwischen 1.300 und 1.500 Euro.
Gesetzgeber reagiert: Sparen auf Kosten der Versicherten?
Der Bund will gegensteuern – mit Maßnahmen, die vor allem Beitragszahler belasten. Das am 10. Juli 2026 beschlossene GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz sieht vor, den Bundeszuschuss ab 2027 um zwei Milliarden Euro zu kürzen. Ab 2028 soll ein Beitragszuschlag von 2,5 Prozent auf die Familienversicherung folgen – Ausnahmen nur bei Kinderbetreuung oder hohem Pflegegrad.
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Das geplante Pflegeneuordnungsgesetz (PNOG) sorgt zusätzlich für Zündstoff. Wohlfahrtsverbände kritisieren: Höhere Hürden bei der Einstufung in die Pflegegrade 2 und 3, gekürzte Rentenansprüche für pflegende Angehörige und die Wiedereinführung der Einkommensheranziehung von Kindern pflegebedürftiger Eltern seien vorgesehen. Auch die Streichung des Entlastungsbetrags von 131 Euro für Pflegegrad-1-Patienten steht im Raum – zugunsten von Beratungsleistungen.
Demografie und Personalmangel: Die nächsten Baustellen
Die Zahl der Pflegebedürftigen lag Ende 2023 bei rund 5,7 bis 6,01 Millionen. Bis 2055 werden etwa 6,8 Millionen erwartet – ein Anstieg von bis zu 37 Prozent. Gleichzeitig fehlen Fachkräfte: Bis 2049 wird eine Personallücke von 280.000 bis 690.000 Kräften prognostiziert. Über 350.000 ausländische Pflegekräfte sind zwar bereits im Land, doch rund 80 Prozent fühlen sich in ihrer Kompetenz nicht ernst genommen. In der Bundesregierung wird deshalb sogar über eine Wiedereinführung des Zivildienstes diskutiert – Experten bezweifeln jedoch, dass ein Pflichtdienst die strukturellen Defizite beheben kann.
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Politischer Streit und verschenkte Digitalisierungschancen
Sachsens Ministerpräsident Kretschmer droht mit einer Blockade im Bundesrat, sollte keine Lösung für die hohen Zuzahlungen gefunden werden. Viele Heimbewohner seien bereits auf staatliche Hilfe angewiesen. Der ZVEI kritisiert derweil, dass das Stabilisierungsgesetz Digitalisierungschancen versäume: Telemedizin und Effizienzsteigerungen könnten jährlich bis zu 47 Milliarden Euro einsparen. Brisant: Über 500 Millionen Euro stecken in riskanten Finanzanlagen von Krankenkassen – rund 220 Millionen davon gelten bereits als Verlust.
