Pflegekrise: 176.000 Vollzeitkräfte nur für Bürokratie zuständig
Veröffentlicht am: 23.09.2026 um 10:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die finanzielle Schieflage der sozialen Pflegeversicherung und die geplanten gesetzlichen Neuregelungen führen zu einer intensiven Debatte über die Effizienz des Systems.
Verbandspräsident Meurer warnte angesichts der Krise vor Leistungskürzungen für die Versicherten und identifizierte stattdessen ein erhebliches Sparpotenzial im Bereich der Verwaltung und der Kontrollmechanismen. Er verwies dabei auf einen hohen Aufwand durch bürokratische Vorgaben, wie etwa die Kontrolle von Klositzen, die er als beispielhaft für unnötigen Aufwand bezeichnete.
Hoher bürokratischer Aufwand in Pflege und Kliniken
Aktuelle Daten verdeutlichen das Ausmaß der administrativen Belastung im Gesundheits- und Pflegesektor. Laut Branchenberichten verlieren Pflegedienste jährlich rund 2,3 Millionen Stunden durch die Verpflichtung zur Nutzung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK). In den deutschen Krankenhäusern sind zudem etwa 176.000 Vollzeitkräfte ausschließlich mit bürokratischen Aufgaben befasst.
Gerald Gaß, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), betonte im Rahmen eines Fachgipfels in Berlin, dass die strukturellen Probleme des Systems stetig wüchsen. Er forderte einen grundlegenden Kurswechsel hin zu einer lernenden Krankenhausversorgung.
Nach Berechnungen der DKG könnten bis zu 15 Milliarden Euro jährlich eingespart werden, wenn 25 von dem Verband vorgeschlagene Maßnahmen zur Effizienzsteigerung und zum Bürokratieabbau umgesetzt würden.
Angesichts des demografischen Wandels und des Fachkräftemangels – laut DKG-Fachkräftemonitor scheiden bis 2035 rund 300.000 Beschäftigte altersbedingt aus – sei eine solche Entlastung zwingend erforderlich.
Geplante Reformen und finanzielle Einschnitte
Die Bundesregierung bereitet derzeit das Pflegeneuordnungsgesetz (PNOG) vor, das laut Planungen Ende September 2026 im Kabinett beraten werden soll. Der Entwurf sieht tiefgreifende Änderungen vor, um die für 2027 prognostizierte Finanzierungslücke von rund 8 Milliarden Euro zu schließen.
Die für 2027 prognostizierte Finanzierungslücke von rund 8 Milliarden Euro trifft Pflegedienste und Pflegekräfte direkt — über gekürztes Pflegegeld in den ersten drei Monaten, angehobene Schwellenwerte und eine Pflegeberatung, die aus der ambulanten Versorgung herausgelöst werden soll. Wer jetzt weiß, welche Regelungen im Referentenentwurf stehen und welche noch offen sind, kann Personal- und Budgetplanung frühzeitig ausrichten. Kostenlosen Reform-Fahrplan Pflege jetzt anfordern
Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) verteidigte die geplanten Anpassungen der Schwellenwerte für die Pflegegrade. Diese sollen angehoben werden, was laut Experten insbesondere für Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen und alleinlebende Antragsteller den Zugang zu Leistungen erschweren dürfte. So soll etwa der Pflegegrad 1 künftig erst ab 15 gewichteten Punkten erreicht werden, statt wie bisher bei 12,5 Punkten.
Zudem sieht der Referentenentwurf vor, das Pflegegeld in den ersten drei Monaten nach einer Ersteinstufung deutlich zu kürzen. In Pflegegrad 2 würde der Betrag in diesem Zeitraum auf 193 Euro sinken, während er regulär bei 386 Euro liegen soll. Das Bundesministerium für Gesundheit kalkuliert durch diese Maßnahme mit Minderausgaben in der Pflegeversicherung von rund 900 Millionen Euro im Jahr 2027.
Politische Reaktionen und Widerstand der Praxis
In der Politik und Fachwelt stoßen die Pläne auf geteiltes Echo. Während Minister Linnemann einen Bürokratierückbau-Entwurf noch für das Jahr 2026 ankündigte und versprach, Dokumentationspflichten sowie Abrechnungsprüfungen risikoorientierter zu gestalten, regt sich in der Praxis Widerstand. Ambulante Pflegedienste kritisierten unter anderem die geplante Umstrukturierung der Pflegeberatung und die Streichung der Verhinderungspflege.
176.000 Vollzeitkräfte in deutschen Krankenhäusern befassen sich ausschließlich mit Bürokratie, Pflegedienste verlieren jährlich rund 2,3 Millionen Stunden durch die eGK-Pflicht — während die DKG bis zu 15 Milliarden Euro jährliches Einsparpotenzial in 25 Maßnahmen identifiziert. Dieser Leitfaden zeigt, welche Dokumentations- und Prüfpflichten auf dem Prüfstand stehen und wo Sie heute entlasten können. Praxisleitfaden Bürokratieabbau jetzt sichern
Innerhalb der Union gibt es zudem Diskussionen über die künftige Finanzierung. Während PKV-Verbandschef Thomas Brahm einen Finanzausgleich zwischen gesetzlicher und privater Pflegeversicherung als verfassungswidrigen Eingriff ablehnt, zeigten sich CSU-Gesundheitspolitiker wie Emmi Zeulner offen für eine Risikoausgleichszahlung der privaten Kassen.
Ziel sei es, eine Verantwortungsgemeinschaft zwischen den Systemen zu schaffen, um die steigenden Kosten der pflegerischen Versorgung aufzufangen. Das Statistische Bundesamt prognostiziert unterdessen einen weiteren Anstieg der Zahl der Pflegebedürftigen von derzeit 5,7 Millionen auf bis zu 7,7 Millionen Menschen im Jahr 2070.
Mehr zum Thema bei Süddeutsche Zeitung: „Gesundheit - Krankenhausgesellschaft: Bürokratie bindet 176 000 Vollzeitkräfte - Politik“
