Pflegeheim-Kosten: Eigenanteil steigt auf durchschnittlich 3.364 Euro im Monat
Veröffentlicht am: 27.09.2026 um 00:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Zwischen Finanzierungsdruck und lokalen Modellprojekten zeichnet sich derzeit ein vielschichtiges Bild der deutschen Seniorenpolitik ab. Während Kommunen unter steigenden Sozialausgaben ächzen, entstehen andernorts Pilotprojekte, die Pflege und Teilhabe älterer Menschen neu organisieren wollen.
Der DGB-Arbeitskreis Senior:innenpolitik Mannheim widmete seine Jahrestagung entsprechend der modernen Seniorenpolitik, Pflege, Barrierefreiheit und Teilhabe; Heike Baehrens, Vorsitzende des Landesseniorenrates Baden-Württemberg, war per Video zugeschaltet.
Kommunale Finanzen geraten unter Druck
Der Deutsche Städte- und Gemeindebund (DStGB) verweist auf eine deutliche Kostensteigerung: Die kommunalen Ausgaben für Hilfe zur Pflege stiegen von 4,5 Milliarden Euro im Jahr 2023 auf 6 Milliarden Euro im Jahr 2025 – ein Plus von 33 Prozent.
Hauptgeschäftsführer Dr. André Berghegger fordert eine Begrenzung der Kosten für Kommunen und eine grundlegende Pflegereform mit planbaren Eigenanteilen. Sein Vorschlag eines „Sockel-Spitze-Tauschs" sieht einen fixen Eigenanteil für alle Pflegebedürftigen vor, während darüber hinausgehende Kosten die Pflegekasse übernehmen soll – unter Beteiligung von Bund und Ländern an der Finanzierung.
Auch eine Haushaltsumfrage von Städtetag NRW und Städte- und Gemeindebund NRW unter allen 396 Kommunen des Landes zeichnet ein angespanntes Bild: Knapp 85 Prozent der Kommunen – 334 von 396 – rechnen für die kommenden fünf Jahre mit einer mangelhaften Finanzsituation, das kommunale Defizit liegt bei rund neun Milliarden Euro.
Nur sieben Kommunen können 2026 ihre laufenden Aufwendungen decken, mehr als 98 Prozent haben keinen strukturellen Haushaltsausgleich. 300 Kommunen müssen mit Verlustvortrag arbeiten oder Rücklagen aufzehren, 89 Städte befinden sich bereits in Haushaltssicherung – ein Anstieg von 68 Prozent gegenüber 2025. Bis 2029 könnte die Zahl auf 219 steigen.
Thomas Kufen (Städtetag NRW) und Tobias Stockhoff (Städte- und Gemeindebund NRW) fordern deshalb eine auskömmliche Finanzierung durch Bund und Länder.
Streit um die Reform der Pflegeversicherung
Auf Bundesebene bahnt sich Widerstand gegen die Reformpläne von Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) an. SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf kündigte Widerstand gegen die Pläne an; die für Ende September vorgesehene Kabinettsbefassung gilt als gefährdet, weitere Gespräche waren für Ende des Monats angesetzt.
Linnemann will die Finanzen der Pflegeversicherung stabilisieren, die bislang vorgesehene Finanzspritze des Bundes von 3,2 Milliarden Euro für das laufende Jahr reicht ihm zufolge nicht aus.
Für 2027 plant er die Einsetzung einer Expertenkommission für eine strukturelle Reform. SPD und das Saarland fordern unterdessen einen Pflegedeckel; Saarlands Ministerpräsidentin Anke Rehlinger schlägt eine Begrenzung bei 1.500 Euro vor.
Wie dringlich das Thema für Betroffene ist, zeigen Zahlen der Ersatzkassen: Der Eigenanteil im Heim liegt im ersten Jahr im Schnitt bei 3.364 Euro monatlich (Stand Juli) – 119 Euro mehr als zu Jahresbeginn und 256 Euro mehr als im Juli des Vorjahres. Allein Unterkunft und Verpflegung schlagen im Schnitt mit 1.086 Euro monatlich zu Buche, 50 Euro mehr als ein Jahr zuvor.
Landesförderung und lokale Modellprojekte
Auf Landesebene setzt Bayern auf gezielte Förderung: Gesundheits- und Pflegeministerin Judith Gerlach bewilligte zwei Förderanträge für sogenannte GutePflege-Lotsen in Murnau am Staffelsee und Maisach mit insgesamt rund 510.000 Euro – davon entfallen auf Maisach knapp 375.000 Euro, auf Murnau rund 135.000 Euro.
Die Lotsen sollen wohnortnahe Ansprechpartner für Pflegebedürftige und Angehörige sein und bestehende Angebote besser vernetzen. Gerlach verweist darauf, dass bereits heute mehr als 80 Prozent der Pflegebedürftigen zu Hause betreut würden. Das zugrundeliegende Förderprogramm „Gute Pflege in Bayern – GutePflegeFöR" stellt für das laufende Jahr rund 24 Millionen Euro bereit.
Auch in Rheinland-Pfalz laufen Modellprojekte: Das Diakonie-Zentrum Pirmasens verfolgt mit „Lebensraum" den Aufbau kleiner, auf Dörfern lebender Pflegeteams, gebündelt in einem Pflegekompetenzzentrum aus Tagespflege, ambulanter Pflege, Alltagshilfe, Quartiersmanagement, Beratung und innovativen Wohnformen – mit Blick auf abgelegene Dörfer wie Ludwigswinkel, Schönau und Hermersbergerhof.
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Das Parallelprojekt „Heimvorteil" testet digitale Hilfen zur Ergänzung der Pflege, unter anderem um Menschen mit Demenz länger ein Leben zu Hause zu ermöglichen. Land Rheinland-Pfalz und Pflegekassen fördern beide Projekte mit je 300.000 Euro pro Projekt und Jahr, Ergebnisse werden bis Ende 2027 erwartet und von der Hochschule Ludwigshafen wissenschaftlich begleitet.
Teilhabe, Mobilität und Beratung vor Ort
Neben Finanzierungsfragen rücken auch alltagsnahe Themen in den Fokus. Im Kreis Coesfeld diskutierten Vertreter aus Verwaltung, Politik, Teilhabebeiräten, Verkehrsunternehmen und Bürgerbusvereinen bei einem Workshop zum zielgruppenorientierten Mobilitätsmanagement, dass fast jede Mobilität mit einem Fußweg beginnt und endet.
Fußverkehrs-Checks sollen deshalb in den elf Städten und Gemeinden des Kreises ausgerollt werden, bestehende Angebote wie Pedelec-Trainings, App-Schulungen, Rikscha-Fahrdienste, Bus-Trainings und Rollator-Schulungen sollen stärker vernetzt werden.
Diskutiert wurden zudem reservierte Parkplätze für Mobilitätseingeschränkte ohne Behindertenausweis. Die Ergebnisse fließen in die für Februar 2027 geplante Mobilitätskonferenz und die Mobilitätsstrategie des Kreises ein.
Auch niedrigschwellige Beratungangebote entstehen neu: Die v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel eröffnen zum 1. Oktober 2026 in Kooperation mit dem Kreis Ahrweiler und den Verbandsgemeinden Adenau und Altenahr eine barrierefreie Kontakt- und Informationsstelle im Gemeindehaus der Evangelischen Kirchengemeinde Adenau. Sie richtet sich an Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen, geistiger Behinderung oder Lernbehinderung und bietet kostenfreie, niedrigschwellige Beratung sowie Hilfe bei Antragstellungen. Die Modellphase ist zunächst auf ein Jahr angelegt, mit Option auf Verlängerung; den Großteil der Personal- und Sachkosten trägt der Kreis.
In Bottrop informierte der Seniorenbeirat der Stadt auf dem Wochenmarkt in Kirchhellen über seine Arbeit und verteilte den Seniorenveranstaltungskalender sowie eine neue Broschüre – die 100 mitgebrachten Exemplare waren binnen einer Stunde vergriffen. Für das kommende Jahr ist geplant, den Kalender nach Stadtbezirken zu sortieren und weitere Wochenmarkt-Aktionen in anderen Stadtteilen anzubieten.
Kommunale Strategien im Vergleich
Wie unterschiedlich Kommunen das Thema angehen, zeigen weitere Beispiele: Münster hat seit 2022 ein Age-friendly-City-Netzwerk aufgebaut – mehr als ein Viertel der Bevölkerung, über 81.000 Menschen, ist über 60 Jahre alt. Die Stadt setzt zunächst auf soziale Teilhabe und Engagement, arbeitet mit Begegnungsorten zusammen und hat Richtlinien zur Förderung entsprechender Angebote angepasst.
Eine repräsentative Bürgerbefragung unter 5.000 angeschriebenen Menschen über 60 erzielte laut Angaben der Stadt eine Rücklaufquote von 48 Prozent; 2026 wurde ein Beirat Altersfreundliche Stadt Münster mit zwölf Arbeitskreisen „Älter werden in…" eingerichtet.
In der Schweizer Gemeinde Eggersriet, die gemeinsam mit Grub SG eine Altersstrategie 2035 erarbeitet, ergab eine Bevölkerungsumfrage einen Altersfreundlichkeits-Wert von 6,9 von 10 Punkten; 87,4 Prozent der 180 Umfrageteilnehmer wollen möglichst lange zu Hause leben, notfalls mit Unterstützung.
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Der Gemeinderat will an der Bürgerversammlung im Frühling einen Kredit von 100.000 Franken für eine externe Beratungsfirma beantragen, die unter anderem prüfen soll, ob sich ein Neubau des örtlichen Gesundheits- und Seniorenzentrums lohnt.
Nicht überall stoßen entsprechende Vorstöße jedoch auf Zustimmung: Im österreichischen Strasshof an der Nordbahn lehnte der Gemeinderat einen Antrag der FPÖ zur Einrichtung und Finanzierung von Community Nursing ab.
Die Partei hatte 91.800 Euro aus dem ersten Nachtragsvoranschlag dafür vorgesehen, scheiterte aber mit 11 gegen 24 Stimmen – gegen den Antrag stimmten unter anderem alle 19 SPÖ-Gemeinderäte. Die FPÖ kündigte für die nächste Sitzung an, stattdessen eine Kürzung der Entschädigung für Gemeindemandatare um 10 Prozent zu beantragen, um damit ab 2027 eine alternative Finanzierungsquelle zu schaffen.
Forschung zu Alter und Gedächtnis
Auch die Grundlagenforschung zur Alternsforschung entwickelt sich weiter. Der Wilhelm Woort-Förderpreis für Alternsforschung wurde in diesem Jahr mit insgesamt 25.000 Euro – einmalig aufgestockt von 20.000 Euro – an Stella Wernicke von der University of Cambridge und PD Dr. med. Alexa Häger von der Uniklinik RWTH Aachen und dem Forschungszentrum Jülich vergeben.
Wernickes Studien mit virtueller Realität und computergestützten Verfahren zum räumlichen Arbeitsgedächtnis zeigen, dass ältere Erwachsene egozentrische Informationen weniger genau erinnern, während bei zuverlässigen allozentrischen Informationen keine Altersunterschiede auftreten.
Häger erforscht im Projekt MINDMAPS und der SENIOR-Studie mit kognitiv gesunden Erwachsenen ab 50 Jahren über bis zu zehn Jahre regionale Natriummuster im Gehirn als möglichen Marker für Pathologie, die bei Alzheimer ansteigen. Bewerbungen für den Förderpreis 2027, der in der Regel mit 20.000 Euro dotiert ist, sind bis zum 30. November 2026 möglich.
Die Vielzahl der Initiativen – von kommunalen Beratungsstellen über Mobilitätsprojekte bis zu Forschungsförderungen – macht deutlich, dass Seniorenpolitik in Deutschland derzeit auf mehreren Ebenen gleichzeitig verhandelt wird: zwischen akutem Finanzierungsdruck auf kommunaler und Bundesebene und lokalen Versuchen, Pflege und Teilhabe praktisch neu zu gestalten.
