Pflegegrad 1: Entwurf könnte 860.000 Menschen den Entlastungsbetrag kosten
Veröffentlicht am: 01.10.2026 um 07:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Bedeutung von Community Nursing und engmaschigen sozialen Netzwerken für die Gesundheit älterer Menschen rückt verstärkt in den Fokus der pflegepolitischen Debatte. Aktuelle Berichte und Gesetzesentwürfe unterstreichen das Ziel, die Lebensqualität von Senioren durch wohnortnahe Beratung und präventive Angebote im Alltag langfristig zu sichern.
Gesetzliche Neuregelungen und pflegepolitische Weichenstellungen
Die Bundesregierung hat einen Gesetzentwurf zum Pflegeneuordnungsgesetz (PNOG) auf den Weg gebracht. Wie aus Berichten vom 30. September 2026 hervorgeht, sieht der Entwurf unter anderem vor, den Beitragssatz der sozialen Pflegeversicherung bei 3,6 % zu stabilisieren.
Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) begrüßte in diesem Zusammenhang die Beibehaltung gestaffelter Leistungszuschüsse für stationäre Einrichtungen sowie die geplante fachliche Pflegebegleitung. DRK-Generalsekretär Christian Reuter mahnte jedoch eine dauerhaft verlässliche Finanzierung an und kritisierte die begrenzte Refinanzierung von Tarifsteigerungen.
Ein kritischer Punkt der geplanten Reform betrifft die Unterstützung bei Pflegegrad 1. Bisher steht Betroffenen ein zweckgebundener Entlastungsbetrag von bis zu 131 Euro monatlich zur Verfügung. Der Referentenentwurf sieht vor, diese Zahlung künftig durch intensivierte Prävention und Pflegebegleitung zu ersetzen.
Nach Einschätzung des Freiwilligennetzwerks Zeitpolster könnten von einer möglichen Abschaffung des Pflegegrades 1 rund 860.000 Menschen betroffen sein. Organisationen wie der Generationenbund BGL äußerten die Sorge, dass insbesondere Senioren mit geringen Renten auf diese finanzielle Unterstützung angewiesen seien.
Erweiterte Kompetenzen im Community Health Nursing
Parallel zur gesetzlichen Neugestaltung liegen Vorschläge zur fachlichen Ausweitung des Berufsbildes vor. Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) und der Bosch Health Campus veröffentlichten Ende September 2026 Konzepte zur erweiterten Aufgabenverteilung in der Primärversorgung.
Demnach könnten Community Health Nurses (CHN) künftig eigenverantwortlich Aufgaben wie Anamnesen, Basisuntersuchungen und die Diagnosestellung bei einfachen Erkrankungen übernehmen.
Das Konzept sieht zudem vor, dass qualifizierte Pflegefachkräfte Arzneimittel nach definierten Pfaden verordnen sowie Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen ausstellen dürfen. Ein entsprechendes Rechtsgutachten habe Fragen zur Haftung geklärt und betont, dass diese Aufgaben keine Konkurrenz zur hausärztlichen Tätigkeit darstellen, sondern eine koordinierende Ergänzung für chronisch Kranke sowie in der palliativen Versorgung bieten sollen.
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Finanzierungshürden und regionale Beratungsmodelle
Während auf Bundesebene über Strukturen verhandelt wird, zeigt die kommunale Praxis unterschiedliche Entwicklungen. In Wien bietet der Fonds Soziales Wien (FSW) kostenlose Beratungen durch Community Nurses an, die sowohl telefonisch als auch persönlich in Bezirksvorstehungen Orientierung im Gesundheitssystem bieten. Das Angebot für das Jahr 2026 umfasst zudem spezifische Einheiten zur Sturzprävention und Ernährung.
Im Gegensatz dazu scheiterte in der niederösterreichischen Gemeinde Strasshof Ende September 2026 ein Antrag zur Einrichtung einer Community Nurse. Trotz zur Verfügung stehender Landesmittel in Höhe von 91.800 Euro lehnte der Gemeinderat das Vorhaben mehrheitlich ab.
Bürgermeister Ludwig Deltl verwies auf fehlende Konzepte und eine nicht dauerhaft gesicherte Finanzierung im laufenden Budget. Die lokale FPÖ kündigte daraufhin an, die Finanzierung ab 2027 erneut zu thematisieren und schlug vor, die Entschädigungen für Gemeindemandatäre – die im Jahr 2026 bei 473.000 Euro liegen – um 10 % zu kürzen, um Mittel freizumachen.
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Initiativen für soziale Teilhabe und Nachbarschaftshilfe
Ergänzend zu professionellen Pflegestrukturen gewinnen zivilgesellschaftliche Modelle an Bedeutung. Das Netzwerk Zeitpolster, das seit 2026 auch in Nordrhein-Westfalen aktiv ist, setzt auf ein Zeitvorsorge-Modell: Freiwillige sammeln durch Nachbarschaftshilfe Stunden, die sie später für den eigenen Bedarf nutzen können.
Regional etablierten sich zudem spezialisierte Fachkräfte wie die psychosoziale Fachkraft „PauLa“, die im hessischen Kreis Bergstraße Seniorinnen und Senioren ohne Pflegegrad präventiv berät. Ähnliche Ziele verfolgt die Thüringer Initiative „Agathe“, die Einsamkeit im Alter entgegenwirken will.
Auch in Kommunen wie Solingen, wo ein Konzept für eine „Seniorengerechte Stadt“ verabschiedet wurde, oder auf Sylt, wo Anfang Oktober 2026 eine flächendeckende Nachbarschaftshilfe startet, zeigt sich der Trend zur Stärkung des Wohnumfelds, um Heimeinweisungen zu verzögern.
