Pflegedokumentation: KI-Systeme sparen Fachkräften täglich eine Stunde
Veröffentlicht am: 16.09.2026 um 20:32 Uhr | Redaktion boerse-global.de
In der medizinischen und pflegerischen Versorgung gewinnen technologische Ansätze zur Arbeitserleichterung zunehmend an Bedeutung. Ein zentrales Vorhaben in diesem Bereich ist das Forschungsprojekt „Smart Vitality Care“ (SVC) der Hochschule München (HM).
Das Projekt startete im Februar 2026 mit einer Laufzeit bis Januar 2029. Ziel der Initiative ist die Entwicklung eines datenschutzkonformen Open-Source-KI-Ökosystems, das Pflegefachpersonen durch intelligente Assistenzsysteme entlasten soll.
Reduktion des Dokumentationsaufwands und verbesserte Kommunikation
Ein wesentlicher Faktor für die Belastung in der Pflege ist der administrative Aufwand. Untersuchungen der Fachhochschule Vorarlberg (FHV) verdeutlichen die Dimension: Laut Erhebungen wenden 84 % der befragten Pflegefachkräfte täglich bis zu einer Stunde für den Nachweis erbrachter Leistungen auf.
Im Forschungsprojekt ADOPI, das unter der Leitung von Philipp Lizat steht, werden daher digitale Assistenzsysteme für die Pflegedokumentation entwickelt. Dabei kommt eine Human-in-the-Loop-Architektur zum Einsatz, bei der die Künstliche Intelligenz unterstützend wirkt, die finale Entscheidung jedoch beim Menschen verbleibt.
Ergänzend dazu zielt das Projekt EDITCare, an dem die Unimedizin Greifswald, die Unimedizin Rostock und das Kreiskrankenhaus Wolgast beteiligt sind, auf eine verbesserte Kommunikation zwischen Patienten und Personal ab.
Durch den Einsatz der App „Helpchat“, die bereits auf insgesamt 15 Stationen genutzt wird – darunter zehn in Greifswald, drei in Rostock und zwei in Wolgast –, können Bedürfnisse direkt adressiert werden. Das System ergänzt die klassische Patientenklingel und wird durch den Innovationsausschuss des Gemeinsamen Bundesausschusses finanziert.
Digitale Lösungen für Medikationssicherheit und Diagnostik
Neben der Entlastung steht die Patientensicherheit im Fokus technologischer Neuerungen. Der Klinikbetreiber Helios führt das sogenannte Closed-Loop-Medication-Management (CLMM) ein. Dieser Prozess umfasst eine digitale Verordnung, fachliche Prüfungen sowie Unit-Dose-Verpackungen.
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Mittels Bedside-Scans von Patientenarmbändern und Medikamentenbeuteln wird die korrekte Gabe sichergestellt. Das System befindet sich bereits an zwei Standorten im Einsatz; bis Ende 2027 sollen alle rund 80 Helios-Kliniken in Deutschland an das Verfahren angeschlossen sein.
Auch das RHÖN-KLINIKUM Campus Bad Neustadt setzt zum Welttag der Patientensicherheit am 17. September 2026 Schwerpunkte bei der Versorgung chronisch erkrankter Menschen. Durch Instrumente wie externe Risikoaudits, Peer Reviews und das Vier-Augen-Prinzip bei der Medikamentengabe soll die Versorgungsqualität gesichert werden.
Im Bereich der Diagnostik haben Forschende des EKFZ für Digitale Gesundheit (TU Dresden) und des Dresdner Universitätsklinikums das KI-System MIRA entwickelt. In einer in Nature Medicine veröffentlichten Studie erreichte das lokal betriebene Modell in Tests zwischen 84 % und 90 % korrekte Diagnosen. Bei einer Untersuchung von 181 Fällen stimmte die automatisierte Bewertung in über 90 % der Fälle mit dem ärztlichen Konsens überein.
Forschung mit synthetischen Daten und interdisziplinäre Entwicklung
Um den Datenschutz in der Forschung zu wahren, haben Forschende der BHT Berlin um Prof. Dr. Felix Bießmann im Projekt „KIP-SDM“ synthetische Patientendaten zur Einschätzung von Sturzrisiken entwickelt. Dieser Datensatz wurde gemeinsam mit der Charité Berlin und dem Evangelischen Geriatriezentrum Berlin erstellt und als Open Source zur Verfügung gestellt.
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Neue Impulse für die Praxis lieferte zudem der Healthcare-Hackathon „From Prompt to Patient“ an der Uniklinik Köln am 10. und 11. September 2026. Rund 160 Mitarbeitende entwickelten innerhalb von 24 Stunden Prototypen, darunter ein Telefonbot für die Onkologie und ein Arztbriefgenerator. Eine Überführung dieser Projekte in den klinischen Pilotbetrieb ist geplant.
Politische Rahmenbedingungen für industrielle KI
Auf europäischer Ebene betonte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in ihrer Rede zur Lage der Union die Bedeutung von KI als Werkzeug zur Stärkung der Gesundheitssysteme, wobei die Technologie Ärzte unterstützen, aber nicht ersetzen dürfe. Die Gesundheit wurde als eines von fünf Schwerpunktfeldern für industrielle KI definiert.
Den Bedarf an nationalen Strategien verdeutlicht eine Statistik der Weltgesundheitsorganisation (WHO), wonach bisher lediglich 8 % der Mitgliedstaaten über eine spezifisch auf die Gesundheit ausgerichtete KI-Strategie verfügen. Für November wurden weitere wegweisende Initiativen in diesem Sektor angekündigt.
