Pflegearmut: Jede zweite Pflegeperson erlebt finanzielle Notlage
21.06.2026 - 03:40:32 | boerse-global.de
Immer mehr Menschen können sich einen Heimplatz nicht mehr leisten – die Pflegeversicherung steckt tief in den roten Zahlen.
DAK-Report: Jeder Zweite erlebt „Pflegearmut“
Der aktuelle Pflegereport der DAK-Gesundheit zeigt die dramatische Lage. Laut einer Allensbach-Umfrage vom Februar 2026 unter rund 2.100 Befragten erlebt fast jede zweite Pflegeperson eine Form von Pflegearmut. In der Gesamtbevölkerung sind es immerhin 31 Prozent.
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Die Kosten für Heimplätze übersteigen längst die finanziellen Spielräume vieler Rentner. Die Politik steht unter Druck: 69 Prozent der Befragten fordern eine umfassende Reform des Systems. Eine Kürzung des Pflegegeldes lehnen 67 Prozent ab. 61 Prozent rechnen bereits mit steigenden Beiträgen oder Leistungskürzungen.
DAK-Chef Andreas Storm fordert eine Begrenzung der Heimkosten. „Wir müssen den Trend zur Armut im Alter stoppen", so der Vorstandsvorsitzende.
Milliardenloch in der Pflegeversicherung
Die Zahlen sind erschreckend. Für 2026 wird in der Pflegeversicherung ein Finanzloch von rund 3,5 Milliarden Euro erwartet. 2027 könnten es bereits 7,5 Milliarden sein – und 2028 über 15 Milliarden Euro.
Auch die gesetzliche Krankenversicherung ächzt unter der Last. Im ersten Quartal 2026 stiegen die Ausgaben um 7,6 Prozent, die Einnahmen legten nur um 4,1 Prozent zu. Haupttreiber sind die Kliniken mit einem Plus von 9,3 Prozent. Gesundheitsministerin Warken hat bereits angekündigt, die Sparpakete um mehrere Milliarden aufzustocken. Für 2027 droht eine Finanzierungslücke von 19 Milliarden Euro.
PNOG: Regierung plant umstrittene Reform
Die Bundesregierung will mit dem Pflegenotfallgesetz (PNOG) gegensteuern. Eigentlich sollte das Kabinett Mitte Mai darüber beraten – jetzt wurde die Entscheidung auf Juli verschoben.
Der Entwurf sieht vor, die Rentenansprüche pflegender Angehöriger zu kürzen. Die Pflegekasse soll künftig nur noch 70 Prozent der Rentenbeiträge übernehmen. Das bedeutet für Betroffene Einbußen von etwa 3 bis 12 Euro pro Monat. Senioren über 67 Jahren sollen gar keine weiteren Anwartschaften mehr erwerben können.
Der AOK-Verwaltungsrat und der Sozialverband VdK laufen Sturm. Sie fordern eine stärkere steuerliche Finanzierung. Konkret geht es um die Rückzahlung von Corona-Ausgaben in Höhe von 5 Milliarden Euro durch den Bund. Außerdem soll der Bund die Beiträge für Bürgergeldbeziehende übernehmen – das würde die Kassen um jährlich 5,4 Milliarden Euro entlasten.
VdK-Präsidentin Bentele verlangt zudem, private Gesundheitskonzerne stärker in die Pflicht zu nehmen und die Versicherung für Beamte zu öffnen.
Wirtschaftsweise fordern radikale Einschnitte
Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung schlägt in seinem Frühjahrsgutachten 2026 tiefe Einschnitte vor. Ohne Reformen drohe der Pflegebeitrag bis 2040 von 3,6 auf 5,2 Prozent zu steigen.
Die Experten empfehlen die Streichung des Leistungszuschlags bei stationärer Pflege und des Entlastungsbetrags für die häusliche Pflege. Diese Maßnahmen machen aktuell etwa 15 Prozent der Gesamtausgaben aus.
Die Folgen wären gravierend. Der Leistungszuschlag (§ 43c SGB XI) deckt je nach Aufenthaltsdauer bis zu 75 Prozent des pflegebedingten Eigenanteils ab. Fällt er weg, könnte die Sozialhilfequote unter Heimbewohnern von 37 auf über 50 Prozent steigen.
Heimplatz kostet 3.245 Euro – Rente liegt bei 1.154 Euro
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Die Kosten für Pflegeheime steigen unaufhaltsam. Lag der einrichtungseinheitliche Eigenanteil 2024 noch bei durchschnittlich 920 Euro, sind es heute 1.104 Euro pro Monat. Inklusive Unterkunft, Verpflegung und Investitionen zahlen Bewohner im ersten Jahr im Schnitt 3.245 Euro monatlich.
Die durchschnittliche Nettorente lag 2024 bei 1.154 Euro. Die Schere klafft immer weiter auseinander.
Besonders betroffen ist Thüringen, wo 80 Prozent der Pflegebedürftigen zu Hause versorgt werden. Gesundheitsministerin Schenk spricht sich gegen eine Senkung der Einkommensgrenze beim Elternunterhalt aus. Aktuell liegt sie bei 100.000 Euro – eine Absenkung würde Kinder pflegebedürftiger Eltern deutlich früher zur Kasse bitten. Auch innerhalb der SPD-Bundestagsfraktion gibt es Widerstand gegen solche Pläne.
