Pflege-Robotik: Patrick Jahn erwartet mehr Einsatz in fünf bis zehn Jahren
Veröffentlicht am: 28.09.2026 um 01:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Mehrere aktuelle Radiobeiträge und Interviews werfen ein Schlaglicht auf zwei miteinander verwandte Fragen: Wie gestalten Menschen Bindungen über eine Lebensspanne hinweg, und welche Verantwortung trägt eine Gesellschaft gegenüber ihrer älteren Generation, wenn Technik zunehmend in die Pflege vordringt. Zwischen philosophischer Reflexion, künstlerischer Auseinandersetzung und kirchlicher Positionierung zeichnet sich ein vielschichtiges Bild ab.
Liebe zwischen Monogamie und Polyamorie
Der ORF widmete sich in seinem Format „Mit Hirn durchs Leben“ der Frage „Wie viele kann ich lieben?“ und beleuchtete dabei philosophisch die Spannbreite zwischen Monogamie, Polyamorie und der Idee lebenslanger Liebe. Polyamorie wird dabei als die Möglichkeit beschrieben, gleichzeitig mit mehreren Personen innige Liebesbeziehungen zu führen.
Eine ähnliche Perspektive verfolgte die Philosophin Svenja Flasspöhler im Gespräch mit SRF. Ihr zufolge entscheidet nicht die Suche nach dem „richtigen“ Partner über eine tragfähige Beziehung, sondern die bewusste Wahl sowie die Fähigkeit, Konflikte auszutragen, ohne die Verbindung zu verlieren.
Flasspöhler, die eigenen Angaben zufolge seit 25 Jahren mit ihrem Mann zusammen ist und zwei Kinder hat, betonte zugleich, Gewalt sei eine klare Grenze und Zusammenbleiben kein Selbstzweck. Ihr Buch „Zusammenbleiben. Von der Freiheit fester Bindungen“ erschien 2026.
Pflegeroboter zwischen Entlastung und ethischem Risiko
Für Aufsehen sorgten die Äußerungen der Regisseurin Doris Dörrie, die der dpa gegenüber erklärte, KI und Pflegeroboter könnten Einsamkeit im Alter lindern und Pflege entlasten.
Ihr eigener Wunschroboter, so Dörrie, sollte mit ihr über Politik diskutieren, russische oder französische Klassiker vorlesen und Go spielen. Zugleich kritisierte sie zu wenige Palliativplätze und Hospize sowie unzureichende Pflegefinanzierung und mangelnde Unterstützung für häuslich Pflegende.
Dörrie stellte zudem ihre Tragikomödie „Frau Winkler verlässt das Haus“ vor, die im Jahr 2030 spielt. Darin erhält eine einsame ehemalige Schauspielerin, gespielt von Angela Winkler, einen KI-Pflegeroboter, während ihre Tochter (Laura Tonke) zwischen Pflege und beruflicher Chance gerät.
Der Roboter unterstützt geduldig, überwacht aber täglich Vitalwerte – und soll die Frau im Falle einer Verschlechterung töten. Dörrie thematisiert damit die ethischen Risiken, wenn Künstliche Intelligenz in einem effizienzorientierten Gesundheitssystem über Versorgung entscheidet, sowie Fragen von Alter, Krankheit und Sterben in Würde.
Im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur erläuterte sie die Ambivalenz eines solchen Roboters: Er könne geduldig zuhören und unterstützen, werfe aber zugleich Fragen zu seiner Eigenlogik und Moral auf.
Der Pflegeforscher Patrick Jahn erwartete laut einem MDR-Beitrag, dass in den kommenden fünf bis zehn Jahren deutlich mehr Robotik im häuslichen Umfeld eingesetzt wird. Roboter und digitale Anwendungen könnten älteren Menschen mehr Selbstständigkeit ermöglichen, persönliche Nähe aber nicht ersetzen.
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Sensoren, digitale Erinnerungen und Telepräsenz könnten Betroffene und Angehörige unterstützen. Sinnvoll seien laut Jahn Kombinationen aus menschlicher Betreuung und Technik, wobei das Ziel mehr gesunde, selbstbestimmte Lebensjahre sein sollte – nicht ein möglichst hohes Alter an sich.
Kirchliche Position zu assistiertem Suizid
Auch Papst Leo XIV. griff die Frage nach dem Umgang mit alten und kranken Menschen auf. Bei einem Besuch in Lourdes sprach er mit Kranken und Begleitpersonen und wandte sich gegen assistierten Suizid. Anlass war ein im Juli 2026 in Frankreich beschlossenes Gesetz, das assistierten Suizid erlaubt.
Leo betonte, Legalität bedeute nicht automatisch moralische Erlaubnis, und forderte den Ausbau von Palliativpflege und -forschung. Medizin dürfe nicht über Algorithmen über das Leben älterer Menschen oder Embryonen entscheiden.
Warnung vor kognitivem Abbau durch digitale Bequemlichkeit
Die Philosophin Sibylle Anderl warnte in einem SRF-Beitrag mit dem Titel „Bequeme neue Welt“ davor, dass digitale Helfer und KI durch ausgelagerte Denkprozesse Selbstständigkeit und kognitive Fähigkeiten schwächen können. Studien zufolge zeigen häufige KI-Nutzer beim Schreiben geringere neuronale Vernetzung und weniger Bereitschaft zu kognitiver Anstrengung.
Anderl plädiert für eigenes Denken und für das Aushalten von Zumutungen; ihr gleichnamiges Buch erschien 2026. Eine begleitende Alltagsphilosophie-Sendung von SRF griff das Thema unter dem Titel „Bequemlichkeit“ auf und diskutierte, wie Navigationssysteme, KI und digitale Helfer das Leben zwar erleichtern, zugleich aber Abhängigkeit fördern können.
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Ruf nach einem universalen Ethos
Angesichts weltweiter Kriege und Gewalt plädierte der Soziologe Hans Joas in einem SRF-Beitrag für ein universales Ethos, das allen Menschen unabhängig von Familie, Nation oder Religion gelten solle.
Sein 2025 bei Suhrkamp erschienenes Buch „Universalismus, Weltherrschaft und Menschheitsethos“ verortet die Wurzeln eines solchen Ethos in der griechischen Antike sowie in jüdisch-christlichen und asiatischen Traditionen.
Die verschiedenen Beiträge fügen sich damit zu einer gemeinsamen Fragestellung: Wie lässt sich Verantwortung – für Partner, für Angehörige, für die ältere Generation und letztlich für die Menschheit insgesamt – in einer Zeit wachsender technischer Möglichkeiten neu denken.
