Pflanzenkapseln, Diabetes

Pflanzenkapseln bei Diabetes: Produktstichprobe mit kaum mehr als zehn Personen

Veröffentlicht am: 05.10.2026 um 08:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Studien berichten über Effekte von Carob und Maulbeerextrakt; Fachleute betonen begrenzte Daten und mögliche Risiken bei Selbstmedikation.

Pflanzenstoffe und Peptide: Forschung zu neuen Ansätzen der Blutzuckerkontrolle
Frische Guaven- und Maulbeerblätter liegen auf einem hölzernen Labortisch als Symbol für pflanzliche Wirkstoffforschung. Illustration mit AI erstellt.

Pflanzliche Wirkstoffe rücken zunehmend in den Fokus der Forschung zur Stoffwechselregulierung. Wissenschaftler untersuchen neue Kapselpräparate aus Guaven- und Maulbeerblättern zur Blutzuckerkontrolle, während gleichzeitig Fachleute auf methodische Grenzen und mögliche Risiken bei eigenständiger Einnahme hinweisen.

Neben neuen Pflanzenextrakten stehen auch Ernährungsinterventionen und biotechnologisch gewonnene Peptide im Mittelpunkt aktueller wissenschaftlicher Auswertungen.

Guave und Maulbeere als Glucosidase-Hemmer

An der National Pingtung University of Science and Technology (NPUST) entwickelte Professor Hsieh Pao-chuan von der Fakultät für Lebensmittelwissenschaft nach viereinhalb Jahren Forschungsarbeit eine Kapsel aus Extrakten einheimischer Guavenblätter und Maulbeerblätter. Das biochemische Wirkprinzip setzt an der Verdauung an: Polyphenole aus Guavenblättern sowie Alkaloide aus Maulbeerblättern hemmen das Enzym Glucosidase. Dadurch wird der Abbau von Stärke und Saccharose zu Glucose unterbunden.

Die Kapsel wurde für Betroffene im Frühstadium von Diabetes konzipiert und soll mit den Mahlzeiten eingenommen werden, um den postprandialen Blutzuckerspiegel zu regulieren.

Als experimentelle Grundlage diente unter anderem ein Laborversuch, bei dem Extrakt aus getrockneten Guavenblättern in eine Kulturschale mit Dünndarmschleimhaut diabetischer Mäuse gegeben wurde, was die Glucosidase-Aktivität senkte.

Zudem zeigte eine 2005 im International Journal of Pharmacology veröffentlichte Untersuchung des Seoul Biotechnology Research Center in Südkorea, dass Guavenblattextrakt das Enzym PTP 1B hemmt und den Blutzucker diabetischer Mäuse reduziert.

Die Präparateentwicklung erfolgte in Kooperation mit der NPUST Biotechnology Company und wurde im 103. Jahr des Industriekooperationsprogramms des Wissenschaftsministeriums mit dem Outstanding Award ausgezeichnet.

Anzeige

Wer seinen Stoffwechsel gezielt unterstützen möchte, muss zunächst seine aktuellen Werte genau kennen. Dieser kostenlose 25-seitige Report erklärt verständlich, was Ihre Blutwerte wirklich bedeuten und wie Sie Fehldiagnosen vermeiden können. Laborwerte-Selbstcheck jetzt kostenlos herunterladen

Mediziner mahnen zur Vorsicht bei Nahrungsergänzungsmitteln

Aus der klinischen Praxis gibt es jedoch Vorbehalte. Chefarzt Cheng Pi-sung von der Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel am Taipei City Hospital erklärte, dass die bisherige Produktstichprobe nur etwas mehr als zehn Personen umfasse. Dies reiche nicht für einen wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweis aus.

Zudem sei die Wirkung pflanzlicher Glucosidase-Hemmer schwächer als jene von Biguaniden. Patienten müssten weiterhin ärztlichen Rat einholen, da eine unkontrollierte, eigenständige Einnahme zu Unterzuckerungen nach dem Essen führen könne.

Auch auf dem Markt für frei verkäufliche Nahrungsergänzungsmittel spielen Maulbeerblatt-Auszüge eine Rolle. Die Brandize GmbH vertreibt unter der Marke Health Routine das Produkt Gluco Complete, das neben Maulbeerblattextrakt auch Berberin-Hydrochlorid, Acetyl-L-Carnitin und Chrompicolinat enthält, allerdings ohne konkrete Mengenangaben aufzuführen.

Das Unternehmen empfiehlt die Einnahme von zwei Kapseln täglich zu kohlenhydratreichen Mahlzeiten und stellt eine Verbesserung erst nach bis zu etwa drei Monaten regelmäßiger Zufuhr in Aussicht, wobei es sich um eine Erwartungsangabe ohne Wirkungsnachweis handelt. Eine Packung kostet 39 Euro, während Pakete mit zwei Einheiten für 69 Euro und mit drei Einheiten für 89 Euro angeboten werden.

Forschung zu Carob-Extrakten und Tiermodellen

Einen weiteren pflanzlichen Ansatz untersuchten die University of Murcia (UCAM) und das Murcia Institute for Biomedical Research anhand eines Carob-Konzentrats des Unternehmens Planttech. Die in der Fachzeitschrift Nutrients veröffentlichte und auf der Fachmesse Vitafoods Europe im Mai vorgestellte Untersuchung analysierte die Effekte auf Menschen mit erhöhtem Blutzucker.

An der Studie nahmen 52 Personen mit einem Durchschnittsalter von 45,6 ± 13,9 Jahren teil, aufgeteilt in 25 Personen in der Versuchsgruppe und 27 in der Placebogruppe. Über 90 Tage hinweg erhielten die Probanden täglich eine Dosis von 6,66 Gramm, verteilt auf zwei Gaben zu je 3,33 Gramm.

In der Interventionsgruppe verbesserten sich die Werte für HbA1c und Blutzucker gegenüber der Kontrollgruppe. Das Nüchtern-Seruminsulin sank signifikant, und im oralen Glukosetoleranztest zeigten sich signifikante Verbesserungen bei der Fläche unter der Kurve für Blutzucker und Insulin sowie beim Spitzenwert.

Anzeige

Neben pflanzlichen Extrakten spielt die tägliche Bewegung eine entscheidende Rolle für stabile Blutzuckerwerte. Erfahren Sie in diesem Gratis-E-Book, wie Sie mit nur 7 einfachen 3-Minuten-Übungen Ihren HbA1c-Wert auf natürlichem Weg verbessern können. 7 kostenlose 3-Minuten-Übungen für Diabetiker sichern

Der Mechanismus beruht darauf, dass wässriger Carob-Blatt-Extrakt die Glukoseaufnahme drosselt, während Methanol-Extrakte der Schote im Tiermodell Amylase und Glucosidase hemmten.

Zu den Limitationen zählten das monozentrische Design und die kurze Beobachtungszeit. Planttech-CEO Ignacio Zauldua kündigte an, künftig eine umfangreichere Studie mit längerer Laufzeit anzustreben. Weltweit sind mehr als 463 Millionen Menschen von Typ-2-Diabetes betroffen.

Auch in der Veterinärmedizin werden Maulbeerextrakte erforscht. An der University of Georgia untersuchten Dr. Michelle Coleman und ihr Team die Gabe eines Extrakts mit 5-prozentigem 1-Deoxynojirimycin (DNJ) bei Pferden mit Insulinresistenz, dem Kernmerkmal des Equinen Metabolischen Syndroms.

Wie die im März 2026 im Journal of Veterinary Internal Medicine veröffentlichte vierwöchige Studie ergab, verringerte DNJ die nahrungsbedingte Glucose- und Insulinreaktion dosisabhängig, insbesondere bei einer Verabreichung eine Stunde vor der Fütterung.

Diätetische Ansätze und biotechnologische Peptide

Ergänzend zu isolierten Extrakten zeigen klinische Beobachtungen die Relevanz spezifischer Ernährungsformen. Karsten Müssig setzt in seiner Diabetesklinik auf sogenannte Hafertage, um schwere Insulinresistenzen zu durchbrechen. Laut Müssig unterstützen Haferkuren die Senkung von Blutzucker und Cholesterin, verringern den Insulinbedarf und können zur Gewichtsreduktion beitragen.

Einflüsse auf den Stoffwechsel belegt auch eine Untersuchung der Florida State University unter Leitung von Ravinder Nagpal. Bei 15 Erwachsenen führte ein täglicher Snack von 42,5 Gramm Mandeln über vier Wochen hinweg zu messbaren Veränderungen der Darmmikrobiota und von Entzündungsmarkern.

Unter anderem stieg das Darmbakterium Faecalibacterium prausnitzii an, während im Blut Marker wie 3-Hydroxybutyrat sowie die Sättigungshormone GLP-1 und Peptid YY zunahmen.

Parallel zu pflanzlichen Naturstoffen erforscht die Hubei University of Technology unter Yao Chenguang das Peptid P37, das aus Sojaprotein isoliert wird.

Ursprünglich um 1998 von Chen Zhengwang im Schweinedarm entdeckt, wurde die Sequenz um 2005 im Sojaerbgut nachgewiesen. Das Team entwickelte zwischen 2018 und 2023 ein mehrstufiges Filtrationsverfahren mit positiv geladenen Membranen, wodurch die Ausbeute von unter 20 Milligramm auf 80 Milligramm pro Kilogramm Sojabohnen stieg.

In ersten klinischen Anwendungen an Krankenhäusern in Wuhan, Xianning und Heze führte eine dreimonatige Einnahme bei 83 Prozent der Teilnehmer zu einem Rückgang des Blutzuckers. Für die wirtschaftliche Verwertung gründete Yao 2021 die Wuhan Gexin Biotechnology Co., Ltd., die 2023 bei einem Gründungswettbewerb in Hubei 500.000 Yuan an Fördermitteln gewann.

Disclaimer...

de | wissenschaft | 70230100 |