PFAS-Belastung: Altöttinger Landkreis könnte sich verdoppeln
Veröffentlicht am: 21.09.2026 um 18:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Kontroverse um die Belastung durch per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen (PFAS) im bayerischen Chemiedreieck spitzt sich weiter zu. Im Zentrum der Auseinandersetzung steht die Dyneon GmbH im Chemiepark Gendorf bei Burgkirchen an der Alz. Am 18. September 2026 versammelten sich rund 100 bis 120 Menschen zu einem Demonstrationszug von der Keltenhalle bis vor das Werksgelände.
Die Bürgerinitiative Netzwerk Trinkwasser (BINT) hatte zu dem Protest aufgerufen und übergab an den Werktoren einen offenen Brief an die Geschäftsführung. Darin fordern die Initiatoren die Rücknahme aller anhängigen Klagen sowie die unverzügliche Freigabe bisher unter Verschluss gehaltener Bodenmesswerte.
Ausweitung des Belastungsgebiets und juristische Schritte
Bislang gelten im Landkreis Altötting mindestens 190 Quadratkilometer Boden als mit Perfluoroctansäure (PFOA) kontaminiert, was etwa einem Drittel des Kreisgebiets entspricht. Nach Angaben von BINT-Sprecher Frank Bremauer deuten Informationen aus dem Kreistag jedoch darauf hin, dass sich das offizielle Belastungsgebiet auf rund 380 Quadratkilometer verdoppeln könnte.
Diese Fläche entspricht etwa zwei Dritteln des gesamten Landkreises Altötting und der fünffachen Ausdehnung des Chiemsees. Auch das Landratsamt Altötting sieht konkreten Anlass für eine solche Verdopplung der ausgewiesenen Zone.
Gegen diese Entwicklung geht das Unternehmen juristisch vor: Dyneon reichte beim Verwaltungsgericht München Klage gegen die Neufestsetzung des Belastungsgebiets ein. Zudem versucht der Chemiebetrieb mittels eines Eilantrags zu verhindern, dass die Behörden die detaillierten Bodenmesswerte veröffentlichen.
Grünen-Politiker Peter Áldozó forderte vor Ort die Offenlegung sämtlicher Messergebnisse und mahnte eine Übernahme von Verantwortung an. Eine Stellungnahme von Dyneon lag dazu nicht vor.
Industrielle Altlasten und neue Analyseverfahren
Die Umweltbelastung geht auf jahrzehntelange Produktionsprozesse zurück. Im Chemiepark Gendorf wurde PFOA ab 1968 hergestellt – zunächst durch die Hoechst AG, später durch Dyneon und den US-Konzern 3M. Die Produktion lief bis ins Jahr 2003, die Verarbeitung endete 2008. Seit 2020 ist der Stoff in der Europäischen Union verboten.
Die ausgewiesene PFOA-Belastungszone im Landkreis Altötting umfasst bislang rund 190 Quadratkilometer – laut Informationen aus dem Kreistag könnte sie sich auf etwa 380 Quadratkilometer verdoppeln. Für Eigentümer und Familien stellt sich damit die Frage, was das für Trinkwasser, Boden und Immobilienwert bedeutet. Unser kostenloser Ratgeber zeigt Ihnen die wichtigsten Prüfschritte. Jetzt kostenlosen PFAS-Ratgeber anfordern
Gerhard Merches vom BUND Altötting betonte, dass über vier Jahrzehnte hinweg PFOA freigesetzt worden sei, wodurch der Landkreis zur am stärksten belasteten Region der Bundesrepublik wurde; dabei verwies er auch auf UN-Berichte sowie eine EU-Erklärung vom 11. September.
Dass nun über eine massive Ausweitung des Belastungsgebiets verhandelt wird, liegt an neueren Untersuchungen. Dabei wurden zurückgestellte Bodenproben aus dem Jahr 2018 mit modernen Analyseverfahren erneut ausgewertet. Zudem hat das Umweltbundesamt im April Vorschläge für Prüfwerte bezüglich PFOA im Boden vorgelegt, die bislang allerdings noch keine Rechtsverbindlichkeit besitzen.
Haftungsfragen, Trinkwasser und Entsorgungspläne
Die gesellschaftsrechtliche Struktur des Verursachers veränderte sich kürzlich: Zum 1. Juli 2026 veräußerte 3M die Dyneon GmbH an die Capmont Group AG mit Sitz im schweizerischen Freienbach. Die Haftung und Verantwortung für die bestehenden Altlasten verbleibt nach Angaben des US-Konzerns jedoch weiterhin bei 3M.
Nicht nur PFOA bereitet Sorgen: GenX und Trifluoressigsäure lassen sich mit herkömmlichen Methoden nicht aus dem Wasser filtern. Wer im Landkreis Altötting lebt, sollte wissen, wie er sein Trinkwasser selbst prüfen und Bodenproben richtig nehmen lässt. Schritt-für-Schritt-Anleitung jetzt sichern
Während das regionale Leitungswasser laut Frank Bremauer nach den vorliegenden Messwerten derzeit in Ordnung ist, richtet sich die Sorge der Bürgerinitiative auf andere chemische Verbindungen wie GenX und Trifluoressigsäure (TFA), die sich mit herkömmlichen Methoden nicht aus dem Wasser filtern lassen.
Um mit den enormen Mengen an belastetem Aushubmaterial umzugehen, plant der Landkreis Altötting derweil den Bau einer spezialisierten Erd-Deponie, deren Kosten voraussichtlich einen dreistelligen Millionenbetrag erreichen werden.
