PCOS wird zu PMOS: Fachleute definieren Frauenkrankheit neu
07.06.2026 - 10:39:53 | boerse-global.de
Aus dem polyzystischen Ovarialsyndrom (PCOS) wird das polyendokrine metabolische Ovarialsyndrom (PMOS). Die Entscheidung fiel im Mai 2026 in der Fachzeitschrift The Lancet, öffentlich gemacht wurde sie Anfang Juni auf dem Europäischen Endokrinologiekongress in Prag.
Von der lokalen Organstörung zum systemischen Krankheitsbild
Hinter der Umbenennung steckt ein 14-jähriger internationaler Abstimmungsprozess. Der Begriff „polyzystisch“ galt unter Experten seit langem als irreführend. Betroffene Frauen haben entgegen der Namensgebung oft keine Zysten an den Eierstöcken, sondern eine Ansammlung unreifer Follikel. Der neue Name PMOS lenkt den Fokus auf die systemischen Aspekte: Die Erkrankung betrifft das Hormonsystem und den Stoffwechsel gleichermaßen.
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Bereits 2012 leiteten Helena Teede vom Monash Centre und Anuja Dokras vom Penn PMOS Center den Konsensprozess ein. Über 50 medizinische Fachgesellschaften und mehr als 14.300 Befragte waren beteiligt. Ziel ist mehr wissenschaftliche Genauigkeit und weniger Stigmatisierung der Patientinnen. Ab 2028 soll die neue Bezeichnung in die offiziellen medizinischen Leitlinien einfließen.
Die medizinische Notwendigkeit einer präziseren Nomenklatur
Die Zahlen sind enorm: Weltweit sind schätzungsweise 170 Millionen Frauen betroffen – etwa jede achte Frau im gebärfähigen Alter. Allein in Deutschland wird die Zahl auf rund eine Million geschätzt. Die Neudefinition als metabolisches Syndrom trägt einer entscheidenden Tatsache Rechnung: Bis zu 85 Prozent der Patientinnen haben eine Insulinresistenz.
Damit verbunden sind deutlich erhöhte Risiken für Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und psychische Belastungen. Die Diagnosekriterien bleiben im Kern bestehen. Für eine gesicherte Diagnose müssen mindestens zwei der drei folgenden Merkmale vorliegen:
- Ein seltener oder gänzlich fehlender Eisprung
- Ein klinischer oder biochemischer Überschuss an männlichen Hormonen (Androgenüberschuss)
- Der Nachweis unreifer Follikel oder ein erhöhter AMH-Wert
Herausforderungen in Diagnose und klinischer Versorgung
Trotz der Häufigkeit bleibt die Versorgungslage kritisch. Schätzungen zufolge erhalten rund 70 Prozent der betroffenen Frauen keine gesicherte Diagnose. Dr. Michael Schwab vom Zentrum für gynäkologische Endokrinologie am Universitätsklinikum Würzburg weist darauf hin, dass nur etwa die Hälfte der deutschen Universitätskliniken spezialisierte Fachabteilungen hat.
Es bestehe eine deutliche Lücke in der medizinischen Weiterbildung. Die gynäkologische Endokrinologie müsse künftig einen höheren Stellenwert einnehmen. Patientenberichte schildern oft jahrelange Leidenswege, bis die Symptome richtig eingeordnet werden. Die Fachwelt erhofft sich durch die Umbenennung weniger Fehldiagnosen – der Fokus liegt jetzt stärker auf den systemischen Stoffwechselstörungen, nicht mehr primär auf dem Ultraschallbild der Eierstöcke.
Erweiterte Therapieansätze und neue Wirkstoffklassen
Die Behandlung von PMOS erfolgt traditionell multimodal. Neben Lebensstilinterventionen kommen klassische Medikamente wie Metformin (gegen Insulinresistenz), Kontrazeptiva (zur Zyklusregulierung) und Antiandrogene zum Einsatz.
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Aktuelle medizinische Evaluationen befassen sich zudem mit GLP-1-Rezeptor-Agonisten – ursprünglich für die Diabetes-Therapie entwickelt. Erste Untersuchungen deuten darauf hin, dass diese Wirkstoffe bei Frauen mit Adipositas und PMOS nicht nur die Insulinresistenz verbessern. Sie könnten auch zu regelmäßigeren Zyklen und einer höheren natürlichen Schwangerschaftsrate beitragen, indem sie die Testosteronspiegel senken.
Fachleute betonen jedoch: Bei bestehendem Kinderwunsch muss die Einnahme solcher Präparate rechtzeitig vor einer geplanten Schwangerschaft beendet werden. Ausreichende Sicherheitsdaten liegen hierzu noch nicht vor.
Parallel zur medikamentösen Forschung gewinnen digitale Versorgungsangebote an Bedeutung. Gesetzliche Krankenkassen nehmen zunehmend digitale Gesundheitsprogramme in die Erstattung auf. Sie unterstützen Frauen mit hormonellen Dysbalancen durch telemedizinisches Coaching und videobasierten Wissenstransfer.
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