Patientensicherheit: Einer von zehn Patienten wird während Versorgung geschädigt
Veröffentlicht am: 18.09.2026 um 21:31 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Anlässlich des Welttags der Patientensicherheit 2026 unter dem Schwerpunkt einer sicheren Versorgung bei nichtübertragbaren Erkrankungen haben Gesundheitsbehörden und Verbände weltweit auf die spezifischen Gefahren für chronisch Kranke aufmerksam gemacht.
Nichtübertragbare chronische Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Leiden, Krebs, Diabetes und chronische Atemwegserkrankungen erfordern eine langfristige Betreuung, die anfällig für Medikationsfehler, Diagnoselücken und Schnittstellenprobleme ist.
Globale Belastung und Risiken in der Versorgungskette
Nach Angaben von WHO/Europe verursachen nichtübertragbare Krankheiten über 80 Prozent aller Todesfälle in der europäischen Region sowie etwa zwei Drittel der Sterbefälle vor dem 70. Lebensjahr. Exemplarische Patientengeschichten wie die des 56-jährigen Konstantinos aus Griechenland oder von Lucie aus Tschechien unterstreichen nach Darstellung der Regionalorganisation, wie entscheidend eine koordinierte und personenzentrierte Behandlung ist.
Weltweit forderten diese Erkrankungen im Jahr 2021 mindestens 43 Millionen Menschenleben, wie unter anderem der WHO-Vertreter Dr. Pavel Ursu berichtete. Der WHO-Afrika-Regionaldirektor Dr. Mohamed Janabi wies auf die Gefahren durch verzögerte oder verpasste Diagnosen, Wechselwirkungen und mangelhafte Nachsorge hin.
In der afrikanischen Region stieg der Anteil nichtübertragbarer Leiden an allen Todesfällen von 24 Prozent im Jahr 2000 auf 37 Prozent im Jahr 2019, wobei fast zwei Drittel vorzeitig eintraten.
Auf einer Konferenz vom 9. bis 11. September 2026 am Aga Khan University Hospital in Nairobi hoben Dr. Janabi und Dr. Neema Rusibamayila Kimambo hervor, dass weltweit einer von zehn Patienten während der Versorgung geschädigt werde; nahezu die Hälfte dieser Vorfälle gelte als vermeidbar.
Zudem bestehe in Afrika ein bis zu 20-fach höheres Risiko für gesundheitsbezogene Infektionen, und die WHO prognostiziere bis 2030 rund 3,8 Millionen vorzeitige Todesfälle in der Region. Eine WHO-Umfrage für die Jahre 2025 und 2026 in 44 von 47 Ländern der afrikanischen Region zeigte die größten Umsetzungsdefizite bei Informations- und Lernsystemen.
In Nigeria verwies Gesundheitsminister Prof. Muhammad Pate auf nationale Gegenmaßnahmen wie die Patient Safety and Care Quality Policy von 2024 sowie eine im Januar eingesetzte Arbeitsgruppe für Patientensicherheit.
Regionale Ansätze in Luxemburg und Indien
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Auch nationale Behörden stellten ihre Programme vor. In Indien erklärte Aradhana Patnaik für das Gesundheitsministerium am NIHFW, dass fast 63 Prozent aller Todesfälle auf nichtübertragbare Krankheiten entfallen. Bei einer Quote von 96 Prozent an Immunisierungen und 90,6 Prozent institutionellen Geburten in öffentlichen Einrichtungen gemäß NFHS-6-Daten plane das Ministerium eine vollständige NQAS-Zertifizierung der AAM-SHC-Zentren bis März 2027.
Die Gesundheitsdirektion in Luxemburg betonte die Bedeutung von Früherkennungsprogrammen. Neben bestehenden Screenings auf Brust- und Darmkrebs bietet das Land kostenlose Untersuchungen auf familiäre Hypercholesterinämie für Kinder ab 18 Monaten an und stützt sich auf spezialisierte Netzwerke wie ParkinsonNet und Initiativen gegen chronische Schmerzen.
Versorgungsdebatte und Schnittstellen in Deutschland
In Deutschland, wo Erkrankungen ab sechs Wochen Dauer als chronisch definiert werden, sind nach Angaben des Robert Koch-Instituts rund 50 Prozent der Erwachsenen und etwa 16 Prozent der Kinder und Jugendlichen betroffen. Das Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS) verlangt strukturierte Behandlungsprogramme für sämtliche Krankheitsbilder, darunter Adipositas.
Die APS-Vorsitzende Heidemarie Haeske-Seeberg warnte vor zusätzlichen Schnittstellenrisiken durch neue Versorgungsformen, während Generalsekretärin Franziska Diehl verbindliche Sicherheitsinstrumente bei Strukturreformen anmahnte.
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Bundesärztekammer-Präsident Klaus Reinhardt verwies darauf, dass Deutschland im europäischen Public Health Index lediglich Platz 18 von 19 einnehme. Während Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann und weitere Experten für kontinuierliche Betreuung und eine stärkere Einbindung der Pflege warben, wandte sich die Kassenärztliche Bundesvereinigung gegen eine Aufweichung ärztlicher Kompetenzen.
Auf operativer Ebene setzt der RHÖN-KLINIKUM Campus Bad Neustadt auf Maßnahmen wie Patientenarmbänder, Vier-Augen-Kontrollen und das CIRS-Meldesystem; laut Dr. Uli Löbmann sei Patientensicherheit vor allem das Resultat klarer Standards und interdisziplinärer Zusammenarbeit.
