Patientensicherheit: Ärzte warnen vor Diagnostik in Apotheken
Veröffentlicht am: 17.09.2026 um 14:43 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Debatte um die Grenzen zwischen ärztlicher Tätigkeit und pharmazeutischen Dienstleistungen hat anlässlich des Welttags der Patientensicherheit an intensität gewonnen.
Im Kern steht die Frage, inwieweit diagnostische Angebote und Impfungen über die rund 100.000 Arztpraxen hinaus in Apotheken und Drogerien verlagert werden sollten. Während ärztliche Standesvertreter vor Qualitätsverlusten warnen, pocht die Apothekerschaft auf eine stärkere Einbindung in die Primärversorgung.
Vorbehalte der Ärzteschaft gegen dezentrale Diagnostik
Der Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), bestehend aus Dr. Andreas Gassen, Dr. Stephan Hofmeister und Dr. Sibylle Steiner, unterstrich in Stellungnahmen zum Welttag der Patientensicherheit im September 2026, dass die medizinische Diagnostik exklusiv in die Hände von Medizinern gehöre. Die Arztpraxen seien die zentrale Anlaufstelle für Patienten.
Sogenannte „To-go-Angebote“ in Apotheken oder Drogeriemärkten führten laut KBV zu Verunsicherung bei den Patienten und erzeugten zusätzlichen Abklärungsbedarf in den Praxen. Um die Bedeutung der ärztlichen Vorsorge zu unterstreichen, kündigte die KBV für Anfang Oktober 2026 den Start einer Informationskampagne unter dem Titel „Impfen beim Profi“ an.
Unterstützung erhält diese Position von regionalen Vertretern. Der Vorstandschef der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL), Dr. Dirk Spelmeyer, bezeichnete die Auslagerung ärztlicher Leistungen in einem Bericht vom 17. September 2026 als einen gefährlichen Weg, der Menschenleben riskieren könne. Er betonte, dass Schnelltests oder Blutentnahmen ohne ärztliche Einordnung wertlos seien.
Apotheken seien keine tragende Säule der Notfallversorgung; ein zerstückeltes Versorgungsangebot zweiter Klasse dürfe nicht das Ziel sein. Seine Stellvertreterin, Dr. med. Anke Richter-Scheer, ergänzte, dass eine Impfung weit mehr als nur ein physischer Einstich sei und daher in die Praxen gehöre.
Erweiterte Befugnisse durch das Apotheken-Reformgesetz
Auf der anderen Seite verweisen Apothekervertreter auf die bereits bestehenden gesetzlichen Rahmenbedingungen. Seit dem Inkrafttreten des Apotheken-Reformgesetzes (ApoVWG) am 2. Juli 2026 sind neue pharmazeutische Dienstleistungen etabliert.
Dazu zählen unter anderem Herz-Kreislauf-Risikochecks, Tabakentwöhnungsprogramme und ein erweitertes Medikationsmanagement. Auch Impfungen – mit Ausnahme von Lebendimpfstoffen – sowie Schnelltests und perspektivisch venöse Blutentnahmen sind in Apotheken möglich, wobei betont wird, dass die Apotheke keine abschließende Diagnose stellt.
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ABDA-Präsident Thomas Preis erklärte auf dem Deutschen Apothekertag in München im September 2026, dass die Apothekerschaft bereit sei, mehr Verantwortung in der Primärversorgung zu übernehmen. Er verwies darauf, dass rund die Hälfte aller Arzneimittelpackungen an Patienten abgegeben werde, die zuvor keine Arztpraxis besucht hätten.
Viele leichte Erkrankungen benötigten keine unmittelbare ärztliche Versorgung. Ohne die Einbindung der Apotheken bliebe laut Preis eine Chance in der Patientenversorgung ungenutzt.
Akzeptanz in der Bevölkerung und wirtschaftliche Rahmenbedingungen
Aktuelle Daten verdeutlichen die Diskrepanz zwischen dem Status quo und den Erwartungen. Laut Statistiken zur Impfsaison 2025/2026 führten rund 1.700 Apotheken zirka 218.000 Grippeimpfungen durch. Im Vergleich dazu wurden im Jahr 2025 in Arztpraxen rund 10,7 Millionen Influenza-Impfungen verabreicht.
Eine Umfrage des Instituts Civey vom September 2026 zeigt jedoch eine gewisse Offenheit der Bürger für apothekenbasierte Leistungen. Demnach können sich 36,2 Prozent der Befragten Impfungen in der Apotheke vorstellen. 32,9 Prozent würden eine Impfberatung in Anspruch nehmen, während rund 29,6 Prozent offen für Blutuntersuchungen in der Offizin sind.
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Trotz dieser potenziellen Aufgabenfelder ist die Stimmung in der Branche gedrückt. Der Apothekenklima-Index 2026, für den 500 Inhaber befragt wurden, weist aus, dass 56,4 Prozent der Teilnehmer mit einer Verschlechterung der Branchensituation in den nächsten zwei bis drei Jahren rechnen.
Mehr als die Hälfte (52,6 Prozent) plane derzeit keine Investitionen. ABDA-Vize Hans-Peter Lucas betonte in diesem Zusammenhang, dass die Qualität nicht aufs Spiel gesetzt werden dürfe und die Kosten für Fachkräfte bei der Vergütung berücksichtigt werden müssten.
Politische Einordnung und digitale Perspektiven
In der Politik wird die Diskussion differenziert geführt. Der CSU-Gesundheitspolitiker Stephan Pilsinger stellte klar, dass die Diagnosestellung eine rein ärztliche Tätigkeit bleiben müsse, auch wenn mehr Point-of-Care-Testing (POCT) in Apotheken möglich sei. Er forderte zudem, dass Apotheker Ergebnisse konsequent in die elektronische Patientenakte (ePA) eintragen sollten.
Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann thematisierte auf dem Apothekertag zudem Wettbewerbsfragen und kritisierte den Zuzahlungsverzicht ausländischer Versandhändler als Wettbewerbsverzerrung, die abgestellt werden müsse. Er nannte zudem Zahlen zum Medizinalcannabis-Markt, dessen Importvolumen von 30 Tonnen vor drei Jahren auf 300 Tonnen im Jahr 2026 gestiegen sei.
Krankenkassenvertreter mahnen zur Effizienz. BKK-Vorständin Anne-Kathrin Klemm warnte vor Doppelstrukturen und Doppelvergütungen. Sie forderte eine durchgehende Versorgungskette, die auch digital gestützte Ersteinschätzungen beinhalten könne, um die begrenzten Ressourcen im Gesundheitssystem optimal zu nutzen. Auch der Vize des Aktionsbündnisses Patientensicherheit (APS), Dr. med. Stier, mahnte in diesem Kontext ein höheres Tempo bei der Digitalisierung an.
