Patientensicherheit: 31 Milliarden Euro Kosten durch Fehler
Veröffentlicht am: 21.08.2026 um 09:06 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Der Medizinische Dienst Bund hat am 20. August 2026 die offizielle Statistik zu Behandlungsfehlern für das vergangene Jahr vorgestellt. Die Daten zeigen eine stabile, aber auf hohem Niveau verbleibende Anzahl an Fehlern in der medizinischen Versorgung.
Während die Zahl der bestätigten Schadensfälle bei über 3.000 liegt, mahnen Experten und Patientenvertreter angesichts einer hohen Dunkelziffer und steigender Kosten dringende Reformen bei der Patientensicherheit und den Betroffenenrechten an.
Schadensfälle und „Never Events“ im Fokus der Gutachten
Im Jahr 2025 hat der Medizinische Dienst insgesamt 11.735 Gutachten zu Verdachtsmeldungen auf Behandlungsfehler erstellt. Davon wurden 3.098 Fälle als Behandlungsfehler mit einem daraus resultierenden Schaden bestätigt. In 2.700 dieser Fälle wurde ein kausaler Zusammenhang zwischen dem Fehler und dem erlittenen Schaden festgestellt. Die Statistik weist zudem 97 Todesfälle aus, die auf medizinische Fehlleistungen zurückzuführen sind.
Besondere Aufmerksamkeit widmet der Bericht den sogenannten „Never Events“ – Ereignissen, die durch konsequente Sicherheitsmaßnahmen vollständig vermeidbar wären. Hierzu zählen beispielsweise Verwechslungen bei Operationen oder im Körper verbliebene Fremdkörper.
Im Jahr 2025 wurden 150 solcher Ereignisse registriert, was einen Anstieg gegenüber den 134 Fällen im Jahr 2024 bedeutet. Ein Vertreter des Medizinischen Dienstes betonte, dass jeder einzelne vermeidbare Schaden eine zu hohe Belastung darstelle.
Fachgebiete und wirtschaftliche Auswirkungen
Besonders häufig waren die Fachgebiete Orthopädie und Unfallchirurgie betroffen, auf die 29,6 % der begutachteten Fälle entfielen. Die Innere Medizin folgte mit einem Anteil von 10,6 %.
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Neben dem menschlichen Leid verursachen Behandlungsfehler auch erhebliche wirtschaftliche Belastungen für das Gesundheitssystem. Nach Schätzungen des Medizinischen Dienstes kosteten vermeidbare Schäden die gesetzliche Krankenversicherung im Jahr 2025 rund 31 Mrd. Euro.
Dieser Betrag entspricht laut OECD-Daten etwa 8,7 % der gesamten Gesundheitsausgaben. Allein auf den Klinikbereich entfielen dabei geschätzte 16,7 Mrd. Euro.
Der Medizinische Dienst geht zudem von einer erheblichen Dunkelziffer aus und schätzt die tatsächliche Anzahl der jährlichen Behandlungsfehler auf 350.000 bis 700.000 Fälle. Dies entspräche etwa 2 % bis 4 % der insgesamt 17,5 Millionen Klinikbehandlungen.
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Forderungen nach gesetzlichen Neuregelungen
Angesichts der Zahlen fordern verschiedene Akteure tiefgreifende Reformen. Der Medizinische Dienst Bund beklagt einen Stillstand bei den Patientenrechten und fordert die Einführung eines sanktionsfreien Meldesystems sowie eine verpflichtende Informationspflicht gegenüber Patienten. Die Patientensicherheit müsse als eigenständige Aufgabe im Gesundheitssystem verankert werden.
Auch die Krankenkassen und Sozialverbände sehen Handlungsbedarf. Die AOK fordert eine gesetzliche Regelung der Informationspflicht und ein Register für schwerwiegende Ereignisse, um die Transparenz zu erhöhen.
Zudem wird eine Beweiserleichterung für Patienten gefordert. Eine Vertreterin des Sozialverbands Deutschland (SoVD) bezeichnete die aktuellen Zahlen als Ausdruck einer ernüchternden Realität und plädierte ebenfalls für ein geringeres Beweismaß.
Patientenschützer gehen in ihren Forderungen noch weiter und mahnen ein zentrales Register sowie einen Härtefallfonds für Betroffene an. Ein Sprecher der Patientenschützer verwies darauf, dass jährlich bis zu 20.000 vermeidbare Todesfälle in Kliniken zu beklagen seien, während das bestehende Berichts- und Lernsystem (CIRS) mit nur 500 Meldungen in zehn Jahren kaum Wirkung zeige. Als erste konkrete Maßnahme wurde bereits eine Zweitmeinungspflicht angekündigt, die ab dem Jahr 2028 greifen soll.
