Parodontitis bei Diabetes: Cochrane-Review zeigt 0,43 Punkte weniger HbA1c
Veröffentlicht am: 15.10.2026 um 23:30 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie zahnärztliche Therapie von Zahnfleischerkrankungen kann einen messbaren Beitrag zur Blutzuckerkontrolle bei Menschen mit Diabetes leisten. Eine umfassende Auswertung durch einen Cochrane-Review über 30 Studien mit 2.443 betroffenen Diabetikern belegt diesen Zusammenhang.
Demnach wiesen Patienten, deren Parodontitis behandelt wurde, nach drei bis vier Monaten einen HbA1c-Wert auf, der im Schnitt um 0,43 Prozentpunkte niedriger lag als in der unbehandelten beziehungsweise üblich versorgten Kontrollgruppe.
Auch nach sechs Monaten blieb dieser therapeutische Vorteil noch nachweisbar. Die Vertrauenswürdigkeit der zugrunde liegenden Evidenz stuften die Verfasser als moderat ein.
Wechselseitige Beziehung zwischen Entzündung und Stoffwechsel
Der Zusammenhang zwischen Parodontitis und Diabetes mellitus wird in der Fachwelt seit über zwei Jahrzehnten als bidirektional beschrieben. Ein entgleister Diabetes verstärkt Entzündungsprozesse im Zahnfleisch und schädigt Gefäße. Diabetiker weisen zudem ein dreifach höheres Risiko für Parodontitis auf.
Gleichzeitig erschwert das entzündete Zahnbett die Blutzuckereinstellung: Unter dem Zahnfleisch siedelnde Bakterien lösen eine anhaltende Entzündung aus, die einen systemischen Entzündungszustand aufrechterhält und die Wirkung von Insulin beeinträchtigt.
Untersuchungen deuten darauf hin, dass etwa 68 Prozent der Diabetiker mit einer Zahnfleischerkrankung ein erhöhtes Risiko für Folgekomplikationen wie diabetische Neuropathien und Nierenerkrankungen tragen.
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Bereits ein Review aus dem Jahr 2023 über 27 Studien zeigte ein vergleichbares Bild für Typ-2-Diabetiker. Betroffene, die eine nicht-chirurgische Parodontaltherapie erhielten, wiesen nach drei Monaten eine um durchschnittlich 0,49 Prozentpunkte stärkere Senkung des HbA1c-Wertes auf als nicht behandelte Probanden.
Eine konsequente Mundhygiene – darunter das zweimal tägliche Zähneputzen sowie die tägliche Reinigung der Zahnzwischenräume – kann den Langzeitblutzuckerwert in einem Ausmaß beeinflussen, das mit den Effekten einzelner Diabetes-Medikamente vergleichbar ist.
Fachleute betonen jedoch, dass parodontale Behandlungsmaßnahmen eine ärztliche Betreuung und medikamentöse Therapien nicht ersetzen, sondern als gezielte Ergänzung dienen.
Fachgesellschaften fordern engere interdisziplinäre Zusammenarbeit
Vor diesem Hintergrund fordern internationale Fachgesellschaften wie die European Federation of Periodontology (EFP) und die European Association of Dental Public Health (EADPH) eine engere Verknüpfung der Mundgesundheit mit der allgemeinen medizinischen Regelversorgung und Prävention.
Laut EFP-Vorstandsmitglied Prof. Moritz Kebschull ist die Studienlage bei Diabetes am eindeutigsten: Die konsequente Behandlung von Erkrankungen des Zahnbettes könne die Blutzuckerkontrolle direkt unterstützen. Zudem teilten Munderkrankungen wesentliche Risikofaktoren mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Diabetes, namentlich Zucker- und Tabakkonsum, Alkohol sowie sozioökonomische Faktoren.
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Prof. Andreas Stavropoulos von der EFP verdeutlichte das Ausmaß des Problems anhand globaler Kennzahlen: Weltweit seien rund 3,5 Milliarden Menschen von Munderkrankungen betroffen, was jährliche Kosten von schätzungsweise 710 Milliarden US-Dollar verursache – Kosten, die zu einem großen Teil vermeidbar wären.
EFP-Generalsekretär Anton Sculean sprach sich dafür aus, dass alle medizinischen Fachkräfte grundlegende Empfehlungen zur Mundpflege an Patienten weitergeben sollten. Der Konsens von EFP und EADPH empfiehlt neben Verhaltensanpassungen das Putzen mit fluoridhaltiger Zahnpasta sowie die Nutzung der belegten Vorteile oszillierend-rotierender Zahnbürsten und zinnfluoridhaltiger Produkte.
Neue Ansätze in Praxis und Wissenschaft
Auf regionaler Ebene entstehen bereits Versorgungsmodelle für eine frühe Erkennung der Zusammenhänge. In der spanischen Provinz Sevilla vereinbarten das Colegio de Farmacéuticos de Sevilla, das Colegio de Dentistas de Sevilla sowie Bidafarma ein Kooperationsabkommen.
Über das Programm „GingiFarma+“ erfassen Apotheker parodontale Auffälligkeiten bei Diabetikern und vermitteln sie an Zahnkliniken zur kostenfreien Diagnose, während bei Stoffwechselentgleisungen an Hausärzte überwiesen wird. Das Projekt stützt sich auf rund 4.000 pharmazeutische Fachkräfte und 869 Apotheken und umfasst zudem gemeinsame wissenschaftliche Erhebungen.
Auch in der wissenschaftlichen Zahnmedizin vollzieht sich ein Paradigmenwechsel. Auf dem Thüringer Zahnärztetag im September 2026 im Congress Centrum Weimarhalle legte Prof. Dr. Johann Wölber vor über 900 Teilnehmern dar, dass sich das Verständnis der Parodontitis von einem rein plaquegetriebenen Modell hin zu einem Zusammenspiel aus Biofilm, individueller Immunantwort und Lebensstilfaktoren verschoben hat.
Da parodontitisassoziierte Keime wie Porphyromonas gingivalis auch bei gesunden Menschen vorkommen und erst die Wirtsantwort zum Knochenabbau führt, müssten künftige Therapiekonzepte Einflussfaktoren wie Rauchen, Ernährung und bestehende Stoffwechselstörungen wie Diabetes systematisch berücksichtigen.
