Overall Factory Brain: German Edge Cloud und AUMOVIO verkürzen Analysen auf Minuten
Veröffentlicht am: 12.10.2026 um 13:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
In Berlin sind Führungskräfte, politische Vertreter sowie Forscher zusammengekommen, um über den verstärkten Einsatz industrieller Künstlicher Intelligenz in Fertigung und Logistik zu beraten. Im Mittelpunkt der Gespräche stehen Strategien, mit denen Fertigungsprozesse durch Automatisierung und fortschrittliche Softwarelösungen effizienter gestaltet und gegenüber internationalem Wettbewerbsdruck abgesichert werden können.
Mittelstandsförderung und praxisnahe KI-Agenten
Um die Technologien auch in der Breite der Wirtschaft zu verankern, startete die Fraunhofer-Gesellschaft ein bundesweites Programm. Die Initiative soll kleinen und mittleren Herstellern dabei helfen, Robotik, Automatisierung und industrielle KI in ihren Produktionsstätten einzuführen.
Gleichzeitig treiben Unternehmen konkrete Pilot- und Serienprojekte voran. German Edge Cloud und AUMOVIO entwickeln im Frankfurter Werk Frankfurt-Rödelheim ein vernetztes System namens Overall Factory Brain, das Produktionsdaten und das Wissen der Beschäftigten mit industrieller KI verknüpft.
Nach Angaben der beiden Unternehmen verkürzen sich dadurch Analysen, die bislang mehrere Tage in Anspruch nahmen, auf wenige Minuten. Zum Einsatz kommen dabei spezialisierte KI-Agenten: PARETO übernimmt die Ursachenanalyse, DAEDALUS erleichtert den Zugang zu vorhandenem Wissen, und SENTINEL überwacht Qualitäts-, Energie- sowie Produktionskennzahlen.
Dieter Meuser von German Edge Cloud betonte in diesem Zusammenhang, dass industrielle KI für einen Hochlohnstandort wie Deutschland keine Kür sei, sondern eine Grundvoraussetzung für die Wettbewerbsfähigkeit darstelle.
Auch der Softwarekonzern SAP intensiviert seine Aktivitäten und unterzeichnete Vereinbarungen mit Herstellern in Baden-Württemberg. Ziel ist die Integration generativer KI in Lieferketten, bei der vorausschauenden Wartung und im Bestandsmanagement.
Produktivitätssprünge und neue Robotikkonzepte
Wie stark digitale Werkzeuge die Effizienz beeinflussen können, zeigen aktuelle Kennzahlen aus verschiedenen Branchen. Boehringer Ingelheim erzielte durch die Digitalisierung der Fertigung auf Basis der ServiceNow-gestützten Plattform von EY Verbesserungen der Gesamtanlageneffektivität von 20% bis 30%.
Durch vermiedene Fabrikneubauten wurden erhebliche Investitionsausgaben sowie Scope-1- und Scope-2-Emissionen eingespart; nach einem erfolgreichen Pilotbetrieb ging das standort- und länderübergreifend skalierbare System in den weltweiten Rollout über.
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Siemens und NVIDIA bauen unterdessen im Gerätewerk Erlangen ein Gesamtsystem aus digitalen Zwillingen, Simulation, Automatisierung und physischer KI auf.
Im Werk, das 2024 in das Global Lighthouse Network des World Economic Forum aufgenommen wurde und über mehr als 100 KI-Algorithmen nutzt, stieg die Arbeitsproduktivität zwischen 2019 und 2023 nach Siemens-Angaben um 69%. Der Energieverbrauch sank im selben Zeitraum um 42%, während die Markteinführungszeit um 40% verkürzt werden konnte.
Bosch wiederum beziffert den Nutzen eigener KI-Anwendungen unter der Bezeichnung Manufacturing Co-Intelligence auf 5 bis 15% mehr Produktivität und Kostensenkungen von 10 bis 30% in einzelnen Bereichen; operative Probleme ließen sich um bis zu 50% schneller beheben. Tanja Rückert von Bosch bezeichnete KI als entscheidenden Hebel, um die Industrie im weltweiten Vergleich zukunftsfähig aufzustellen.
Im Bereich der Hardware testen Hexagon Robotics und Schaeffler den humanoiden Roboter AEON im Schaeffler Humanoid Gym in Deutschland. Das System greift und platziert Bauteile, bewegt Behälter, inspiziert Räume und Komponenten und erstellt 3D-Scans von Werkshallen. Schaeffler liefert dafür hochpräzise Strain-Wave- und Planetengetriebe-Aktuatoren. Erste kommerzielle Einheiten der Partnerschaft sollen deutlich vor 2032 in Fabriken eingesetzt werden.
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Arbeitsmarkt und internationaler Transformationsdruck
Der verstärkte Technologieeinsatz bringt auch arbeitsmarktpolitische Veränderungen mit sich. Volkswagen und die IG Metall einigten sich auf einen Tarifvertrag zur Ausweitung von KI und Robotik in Fabriken. Die Vereinbarung umfasst umfassende Verpflichtungen zur Umschulung und schließt automatisierungsbedingte Kündigungen bis zum Ende des Jahrzehnts aus.
Parallel erhöhen deutsche Automobilhersteller ihre KI-Investitionen, verlagern jedoch zugleich Teile von Belegschaft und Fertigungskapazitäten ins Ausland, um Kosten zu senken und dem technologischen Druck aus China zu begegnen.
Auch Maschinenbauer in Baden-Württemberg und Bayern investieren verstärkt in automatisierte Produktion und generative KI, um den anhaltenden Fachkräftemangel abzufedern. Zugleich verzeichnen Betriebe aus Baden-Württemberg fortlaufend internationale Aufträge für Präzisionsmaschinen und Fabrikautomation von Unternehmen, die Arbeitskräfteengpässe kompensieren wollen.
Experten sehen in der technologischen Neuausrichtung Chancen und Herausforderungen zugleich. Thorsten Eller von der IHK Stuttgart wies darauf hin, dass Betriebe zunehmend die Abhängigkeit von Dienstleistern außerhalb Europas erkennen.
Während Dr. Jana Kirchheim von Microsoft Deutschland das industrielle Ingenieurwissen als zentrale deutsche Stärke hervorhebt, unterstrich Prof. Alicia von Schenk von der Universität Würzburg, dass ein nachhaltiger Wettbewerbsvorteil letztlich von der konkreten Umsetzung in den Betrieben abhängt.
