Osteoporose-Leitlinie: ASCO setzt bei Hochrisiko zuerst auf Knochenaufbau
Veröffentlicht am: 13.10.2026 um 07:00 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Association suisse contre l'ostéoporose (ASCO) hat ihre therapeutischen Empfehlungen aus dem Jahr 2020 grundlegend überarbeitet. Ein siebenköpfiges Expertengremium publizierte das aktualisierte Konzept Anfang Oktober 2026 in der Fachzeitschrift Swiss Medical Weekly.
Im Mittelpunkt der Neuausrichtung steht ein verändertes Vorgehen bei der Frakturprävention: Bei Hochrisikopatienten soll die aktive Stärkung der Knochenstruktur künftig vor der reinen Hemmung des Knochenabbaus ansetzen.
Der Handlungsbedarf im schweizerischen Gesundheitssystem ist messbar. Derzeit ereignen sich in der Schweiz 82'000 osteoporotische Frakturen pro Jahr, bis zum Jahr 2034 prognostizieren Experten einen Anstieg auf 113'000 Fälle jährlich.
Laut Angaben der International Osteoporosis Foundation leben zudem rund 684'000 Frauen in der Schweiz mit einer unbehandelten Osteoporose; das Ausmass der Unterversorgung bei Männern gilt als unklar. Ab dem 50. Lebensjahr erleiden statistisch jede zweite Frau und jeder fünfte Mann im Verlauf des weiteren Lebens einen knochenbruchbedingten Vorfall.
Differenzierte Risikobewertung und neue Kategorien
Für die klinische Einschätzung empfiehlt die ASCO neu das Instrument FRAXplus. Dabei fliessen spezifische Faktoren wie die Sturzgeschichte, der zeitliche Abstand seit der letzten Fraktur, die Glukokortikoiddosis sowie eine bestehende Diabeteserkrankung in die Beurteilung ein. Das System unterteilt Patienten in fünf Risikogruppen: niedrig, mässig, hoch, sehr hoch sowie imminent.
Als imminent wird das Frakturrisiko vor allem in den ersten zwei Folgejahren nach einem kürzlich erlittenen Knochenbruch eingestuft, da in diesem Zeitraum die Gefahr weiterer Brüche besonders gross ist.
Gezielte Therapiesequenzen nach Risikoprofil
Liegt ein sehr hohes oder imminentes Risiko vor, sieht der Leitfaden primär eine knochenbildende Therapie vor. Zum Einsatz kommen hierbei Teriparatid, Romosozumab oder Abaloparatid.
Romosozumab und Abaloparatid bewirken an der Hüfte einen stärkeren Anstieg der Knochendichte als Teriparatid, wobei Romosozumab mit kardiovaskulären Risiken einhergeht. Erst nach dieser anabolen Phase schliesst sich eine antiresorptive Folgebehandlung mit Bisphosphonaten oder Denosumab an.
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Besteht ein hohes, jedoch nicht sehr hohes Risiko, gelten Zoledronsäure oder Denosumab als erste Wahl. Bei mässigem Risiko kann Zoledronsäure in grösseren zeitlichen Abständen präventiv verabreicht werden, etwa bei diagnostizierter Osteopenie oder im Frühstadium der Erkrankung.
Als therapeutisches Ziel formuliert die ASCO einen Treat-to-target-Ansatz: Angestrebt wird an der Hüfte ein T-Score von über ?2,5, bei hohem oder sehr hohem Risiko von über ?2,0. Kontrollen der Knochendichte sollten im Schnitt alle zwei Jahre erfolgen.
Das Gremium weist zugleich auf praktische Grenzen hin: Nicht jede Empfehlung stütze sich auf direkte Vergleichsstudien, und die Schweizer Vergütungsregeln können die Auswahl der Präparate sowie die Behandlungsabfolge im Praxisalltag einschränken.
Basismassnahmen und wissenschaftliche Begleitbefunde
Unabhängig von der medikamentösen Einstufung bleiben Basismassnahmen unverzichtbar. Dazu zählen regelmässige Bewegung, Sturzprävention sowie die Zufuhr von Calcium, Protein und Vitamin D.
Zur Rolle der Nährstoffe lieferte eine im Juli 2026 im Fachjournal Osteoporosis International erschienene Untersuchung der Universität Genf unter der Leitung von Maria Papageorgiou ergänzende Erkenntnisse.
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Die Auswertung von 586 Frauen mit einem Durchschnittsalter von 67 Jahren über durchschnittlich 3,5 Jahre zeigte, dass eine hohe Calciumaufnahme ab 1.200 mg pro Tag die Knochengesundheit im Vergleich zu moderaten Dosen nicht zusätzlich verbesserte; lediglich Werte unter 800 mg pro Tag schwächten positive Effekte ab.
Dagegen war eine Proteinzufuhr von weniger als 0,8 g pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag mit einer signifikant geringeren Verbesserung der trabekulären Knochendichte und der Hüftfestigkeit verbunden. Dies unterstreicht die Notwendigkeit, Ernährungsmassnahmen ausgewogen auf die medikamentösen Stufen abzustimmen.
