Online-Rezepte ohne Arztbesuch: Ärzte warnen vor Überdosis-Risiken
Veröffentlicht am: 17.08.2026 um 17:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Der Bezug verschreibungspflichtiger Medikamente über das Internet gehört für viele Patienten inzwischen zum Alltag. Eine Reportage des Schweizer Fernsehens SRF widmet sich diesem Trend unter dem Titel „Risiko Online-Rezept – Medikamente ohne Arztbesuch" und rückt damit ein Thema in den Fokus, das Verbraucherschützer und Aufsichtsbehörden in mehreren Ländern seit Monaten beschäftigt.
Die Sendung „Kassensturz" beleuchtet, wie ausländische Online-Plattformen funktionieren, bei denen Patienten die gewünschten Medikamente teils selbst auswählen und eine Ärztin ein Rezept ausstellt, ohne den Patienten zuvor untersucht zu haben. Die Schweizer Arzneimittelbehörde Swissmedic klärt in dem Beitrag über die damit verbundenen Gesundheitsrisiken auf.
Ein europaweites Muster
Der Fall ist kein Einzelphänomen. In Deutschland zeigen mehrere juristische Auseinandersetzungen, wie stark der Markt für telemedizinische Rezepte bereits reguliert – und wie umkämpft diese Regulierung ist. Das Landgericht München untersagte dem Unternehmen Goeasy, das zur Wellster Group gehört, Cannabis-Rezepte per Telemedizin auszustellen.
Das Gericht sah darin einen Verstoß gegen das Heilmittelwerbegesetz sowie gegen die Apothekenbetriebsordnung. Geklagt hatte die Apothekerkammer Nordrhein, die zuvor einen Testkauf durchgeführt hatte, um die Praxis zu dokumentieren.
Die Apothekerkammer Nordrhein ist in diesem Themenfeld auch anderweitig aktiv: Sie geht zudem gegen den Versandapotheken-Anbieter Doc Morris vor, dem sie Missbrauch der Kommunikationsinfrastruktur im Gesundheitswesen (KIM) für Werbezwecke vorwirft. Das Landgericht Köln bestätigte in dem Verfahren einen entsprechenden Verstoß. Die Kammer kündigte an, weiter gegen unlauteren Wettbewerb im Versandhandel mit Arzneimitteln vorgehen zu wollen.
Auf politischer Ebene zeichnet sich derweil ein anderes Bild ab: Die Bundesregierung lehnte eine strengere Kontrolle von Versandapotheken ab. Mehrere Bundesländer hatten zuvor gefordert, das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) stärker einzubinden und die Logistik der Anbieter genauer zu überwachen. Der Pharmagroßhandelsverband Phagro kritisierte die ablehnende Haltung der Bundesregierung.
Risiken für Patienten in der Praxis
Die SRF-Reportage zeigt: Viele Online-Rezepte werden ohne ärztliche Untersuchung ausgestellt – das birgt ernste Gesundheitsrisiken. Erfahren Sie, wie Sie seriöse Anbieter erkennen und sich vor Überdosierung schützen. Jetzt kostenlosen Leitfaden anfordern
Wie real die gesundheitlichen Gefahren telemedizinischer Verschreibungen ohne gründliche Untersuchung sein können, zeigt der Fall von Leslie Gammon in den USA. Sie erlitt eine Überdosis eines GLP-1-Wirkstoffs, nachdem sie über den Telehealth-Anbieter Amble ein Rezept erhalten hatte.
Ihre Krankenhausrechnung belief sich auf 9.000 US-Dollar. Der Fall verweist auf ein breiteres Phänomen: Berichten zufolge nutzen rund 11 Prozent der US-Erwachsenen GLP-1-Präparate, wobei sogenannte compounded drugs – individuell hergestellte Rezepturarzneimittel – häufig in einer regulatorischen Grauzone verkauft werden.
Auch in Brasilien reagierten Aufsichtsstellen auf ähnliche Entwicklungen. Der brasilianische Ärzterat Conselho Federal de Medicina warnte vor der Verschreibung von Tirzepatid ohne Zulassung durch die Gesundheitsbehörde Anvisa sowie vor entsprechenden Manipulados-Präparaten. Ärzten, die solche Mittel trotzdem verschreiben, drohen laut CFM ethische Verfahren.
Digitale Angebote mit Kontrollmechanismen
Nicht jede digitale Verschreibungspraxis steht in der Kritik. Einige Krankenkassen setzen auf strukturierte Telemedizin-Angebote mit ärztlicher Beteiligung.
Die SBK etwa bietet über den Dienst OnlineDoctor einen digitalen Hautcheck an, bei dem Fotos an Hautärzte übermittelt werden und eine Diagnose im Schnitt binnen sieben Stunden, spätestens nach 48 Stunden, erfolgt. Bei Bedarf kann ein E-Rezept ausgestellt oder ein Termin in einer Praxis vereinbart werden.
Über 11 Prozent der US-Erwachsenen nutzen GLP-1-Präparate – oft ohne ausreichende ärztliche Kontrolle. Lesen Sie, welche Warnsignale auf eine Überdosierung hindeuten und wie Sie sich beim Online-Kauf von Medikamenten absichern. Leitfaden zu sicheren Online-Rezepten jetzt sichern
Auch die Techniker Krankenkasse (TK) treibt die digitale Rezeptübermittlung voran: Ein Pilotprojekt zum E-Rezept in Hamburg wurde auf Versicherte von BARMER und HEK ausgeweitet. Dabei ersetzt ein Ende-zu-Ende verschlüsselter QR-Code das Papierrezept.
Der Vergleich zwischen unregulierten ausländischen Plattformen und kontrollierten Kassenangeboten verdeutlicht, worauf es aus Sicht von Aufsichtsbehörden ankommt: eine tatsächliche medizinische Prüfung vor der Verschreibung. Genau diese Lücke steht im Zentrum der aktuellen Aufklärungsarbeit von Institutionen wie Swissmedic.
