Notfallversorgung: Jeder achte Besuch ist unnötig
12.06.2026 - 02:48:52 | boerse-global.de
Frauen haben häufiger Angst, Männer häufiger Verletzungen – und viele Patienten kennen die richtigen Anlaufstellen nicht. Eine aktuelle Studie zeigt, wo das System der Notfallversorgung hakt.
Geschlechtsspezifische Unterschiede in der Notaufnahme
Von März bis November 2024 befragten Forscher 9.835 Patienten in fünf Berliner und 18 bayerischen Notaufnahmen. Das Ergebnis: Die Geschlechterverteilung ist mit 49,6 Prozent Frauen fast ausgeglichen – die Motive unterscheiden sich aber deutlich.
Frauen gaben häufiger Schmerzen als Grund für den Besuch an, Männer dagegen Verletzungen. Ein zentraler Faktor ist die psychische Belastung: 37,8 Prozent der Befragten nannten Ängste als Motiv.
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Auch der Informationsstand variiert. Die telefonische Bereitschaftsnummer 116117 kennen 67 Prozent der Frauen, aber nur 60,3 Prozent der Männer. Vor dem Notaufnahmebesuch suchten 48,7 Prozent der Frauen bereits einen Arzt auf – bei Männern waren es 44,2 Prozent. Jüngere Patienten greifen dabei verstärkt auf digitale Selbsteinschätzungstools zurück.
Jeder achte Notfallbesuch war unnötig
Die Fehlsteuerung im Notfallsektor zeigt eine Umfrage der Techniker Krankenkasse in Thüringen. Von September bis Oktober 2025 gaben 35 Prozent der Befragten an, innerhalb von drei Jahren plötzliche Gesundheitsprobleme außerhalb der Praxiszeiten gehabt zu haben. 36 Prozent von ihnen fuhren direkt in die Notaufnahme, 17 Prozent riefen den Rettungsdienst. Nur 20 Prozent nutzten die 116117.
2024 verzeichnete Thüringen rund 263.000 Behandlungen in Notaufnahmen – 125 pro 1.000 Einwohner. Die Einschätzung der Patienten spricht Bände: Etwa jeder achte hielt seinen Besuch im Nachhinein für unnötig.
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Experten fordern eine verpflichtende Ersteinschätzung vor der Aufnahme. Die geplante Notfallreform sieht dafür Integrierte Notfallzentren (INZ) vor.
Österreich: Nur bei 20 Prozent der Einsätze sind Notärzte nötig
Auch Österreich kämpft mit ineffizienten Strukturen. Die Plattform Notfallmedizin stellte fest: Bei über der Hälfte der Rettungseinsätze ist keine ärztliche Intervention erforderlich. Nur bei 20 Prozent der Notarzteinsätze sind spezifisch notärztliche Maßnahmen nötig.
Eine Novellierung des Sanitätergesetzes (SanG) soll Abhilfe schaffen. Die Höherqualifizierung von 4.000 Sanitätern über zehn Jahre würde 200 Millionen Euro kosten – das geschätzte Entlastungspotenzial liegt bei 3,7 Milliarden Euro.
NRW: Fehlfahrten kosten 250 Millionen Euro pro Jahr
In Nordrhein-Westfalen belasten sogenannte Fehlfahrten das System mit jährlich rund 250 Millionen Euro. Das sind Einsätze, bei denen kein Patient ins Krankenhaus transportiert wird.
Für 2026 ist eine Übergangslösung geplant: Krankenkassen übernehmen die Hälfte der Kosten, wenn der Fehlfahrtenanteil einer Kommune 15 Prozent nicht übersteigt. Eine bundesweite Reform ist für 2027 avisiert. Ohne sie drohen Kommunen mit Gebührensatzungen – in Essen wären es 267 Euro pro Einsatz, im Kreis Steinfurt bis zu 1.173 Euro.
Basel-Landschaft: Regionale Lösungen gegen Zentralisierung
Während auf nationaler Ebene über Zentralisierung diskutiert wird, setzt der Kanton Basel-Landschaft auf Erhalt wohnortnaher Angebote. Der Landrat stimmte für den Fortbestand eines 24/7-Notfall-Walk-In im Gesundheitszentrum Laufen bis 2029. Trotz Sparvorschlägen der Regierung wurden 4,2 Millionen Franken bewilligt – das dortige Spital war zuvor durch ein Gesundheitszentrum ersetzt worden.
