Notaufnahmen und Rettungsdienste: Drei Viertel erleben Gewalt am Arbeitsplatz
Veröffentlicht am: 28.09.2026 um 13:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die psychische Belastung und die physische Gefährdung von medizinischem Personal durch verbale und körperliche Übergriffe nehmen in der internationalen Gesundheitslandschaft einen kritischen Stellenwert ein. Aktuelle Berichte und wissenschaftliche Erhebungen verdeutlichen, dass Gewalt im Krankenhausalltag kein Randphänomen darstellt, sondern zunehmend als strukturelles Problem wahrgenommen wird.
Internationale Datenlage zur Gewalt in Notfallzentren
Eine im European Journal of Emergency Medicine veröffentlichte internationale Umfrage, die in einem Bericht vom 28.09.2026 thematisiert wurde, liefert detaillierte Einblicke in das Ausmaß der Problematik. An der Erhebung beteiligten sich gut 1.300 Personen aus 81 Ländern. Den Ergebnissen zufolge erlebten gut drei Viertel der Beschäftigten in Notaufnahmen und Rettungsdiensten im vorangegangenen Jahr Gewalt am Arbeitsplatz.
Die Art der Übergriffe ist dabei breit gefächert. Den höchsten Anteil macht mit 88 % die verbale Aggression aus, gefolgt von körperlicher Gewalt, über die 42 % der Befragten berichteten. Gewalt gegen Einrichtungen wurde von 26 % der Teilnehmenden verzeichnet. Sexuelle Belästigung betraf 15 % der Befragten. In extremen Fällen kam es zum Einsatz von Waffen (4,5 %) oder sogar Schusswaffen (knapp 3 %).
Besonders auffällig ist die geschlechtsspezifische Verteilung bei psychischen Schikanen: Während gut 40 % der Männer betroffen waren, gaben 72 % der Frauen an, solche Erfahrungen gemacht zu haben. Insgesamt stellten gut 48 % der Befragten fest, dass sich die Gewalt am Arbeitsplatz in den vergangenen fünf Jahren verschlimmert habe.
Die Autoren der Studie wiesen jedoch darauf hin, dass die Teilnahme freiwillig war und die Datenbasis aufgrund fehlender Meldungen unvollständig sein kann, weshalb die Ergebnisse nicht zwingend repräsentativ für das gesamte Gesundheitswesen sind.
Eskalation im klinischen Alltag am Beispiel aktueller Vorfälle
Konkrete Ereignisse unterstreichen die in den Studien beschriebene Gefährdungslage. Am Abend des 26.09.2026 ereignete sich im italienischen Krankenhaus Ivrea ein schwerwiegender Vorfall, bei dem ein Patient in der Notaufnahme sechs Beschäftigte verletzte.
Nach Angaben der zuständigen ASL TO4 waren drei Pflegekräfte, zwei Mitarbeiter des sanitären Hilfsdienstes (OSS) und ein Arzt betroffen. Der Angreifer habe Möbel geworfen und mit Tritten sowie Fäusten agiert, bevor er von den Carabinieri gestoppt werden konnte.
Die Gewerkschaft NurSind berichtete zudem von einem weiteren Übergriff in der psychiatrischen Abteilung (SPDC) desselben Krankenhauses in der Nacht vor dem 27.09.2026. Ein Krankenpfleger wurde dabei verletzt, als er versuchte, eine Ärztin vor einem Patienten zu schützen. Infolge eines Sturzes erlitt der Pfleger eine Rückenverletzung. Laut Gewerkschaftsangaben kam es am darauffolgenden Morgen zu weiteren Gewaltereignissen.
Gut drei Viertel der Beschäftigten in Notaufnahmen und Rettungsdiensten haben im vergangenen Jahr Gewalt erlebt — 88 % verbale Aggression, 42 % körperliche Übergriffe. Wer als Klinikleitung jetzt ein systematisches Sicherheitskonzept aufsetzt, schützt Team und Versorgung. Kostenlosen Präventions-Leitfaden für Kliniken anfordern
Auch aus Pristina wurde ein physischer Angriff gemeldet. Die Gesundheitsdirektion der Stadt verurteilte eine Attacke auf eine Krankenschwester, die während eines Hausbesuchs im Stadtteil Kalabria einen Patienten versorgte. Die Kammer OIK forderte daraufhin eine ernsthafte Untersuchung durch die Behörden und betonte, dass die Sicherheit der Fachkräfte eine Grundvoraussetzung für eine hochwertige Versorgung sei.
Strukturelle Defizite und organisatorischer Druck
In Fachkreisen wird die Gewalt zunehmend als Symptom tieferliegender organisatorischer Mängel analysiert. Iris Steenhout von der Vrije Universiteit Brussel (VUB) thematisierte Ende September 2026 im Rahmen einer Fachkonferenz, dass Gewalt gegen Beschäftigte im Gesundheitswesen ein strukturelles Problem sei. Sie kritisierte, dass Präventionsmaßnahmen häufig zu kurz griffen, da sie sich oft auf die individuelle Bewältigung der Betroffenen oder auf nachträgliche Unterstützung beschränken würden, statt die systemischen Ursachen anzugehen.
Ein wesentlicher Faktor scheint der steigende Druck durch Ressourcenknappheit zu sein. Die Gewerkschaft NurSind verwies im Kontext der Vorfälle in Ivrea auf veraltete Räumlichkeiten und zusätzlichen Stress durch die Schließung einer Abteilung in Chivasso aufgrund von Bauarbeiten.
Diesen Eindruck teilen auch Betroffene aus der Praxis. Eine anonyme Notärztin schilderte in einem Erfahrungsbericht den Konflikt zwischen dem hohen Patientenaufkommen und knappen Klinikressourcen. Sie kritisierte zudem eine mangelnde Rückendeckung durch die Arbeitgeber.
Nach einem Übergriff sei in ihrer Klinik zunächst hinterfragt worden, ob ihre eigene Reaktion angemessen gewesen sei, anstatt den Vorfall konsequent polizeilich zu melden.
Zudem berichtete sie von massiver Überlastung durch Stellenstreichungen; so gebe es Fälle, in denen Kollegen bis zu 80 Stunden pro Woche arbeiteten, während gleichzeitig befristete Verträge hochqualifizierter Kräfte nicht verlängert würden.
Maßnahmen zur Erhöhung der Sicherheit
Als Reaktion auf die zunehmenden Gefahren fordern Verbände und Gewerkschaften eine deutliche Verschärfung der Sicherheitsvorkehrungen. Luigi Vercellino, Generaldirektor der ASL TO4, nannte für das Krankenhaus Ivrea bereits umgesetzte Maßnahmen wie eine verstärkte Videoüberwachung und den Einsatz eines bewaffneten Wachdienstes, forderte jedoch eine noch stärkere Unterstützung durch staatliche Sicherheitskräfte.
In Fachkreisen gilt Gewalt im Gesundheitswesen längst als strukturelles Problem — doch Prävention beschränkt sich oft auf individuelle Bewältigung und nachträgliche Unterstützung. Dieser Leitfaden zeigt, wie Sie Deeskalation, Sicherheitskonzept und Schulungsplan systemisch in Ihrer Klinik verankern. Schulungsplan Gewaltprävention jetzt herunterladen
Die Gewerkschaft NurSind drängt zudem auf die Einrichtung fester Sicherheitsposten sowie auf tiefgreifende strukturelle und organisatorische Veränderungen, um den Schutz des Personals nachhaltig zu gewährleisten.
