Normalgewicht und Stoffwechsel: 19 von 46 Betroffenen hatten normalen BMI
Veröffentlicht am: 17.10.2026 um 09:09 Uhr | Redaktion boerse-global.deEin unauffälliger Body-Mass-Index (BMI) gilt in der klinischen Praxis oft als Indikator für eine gute Gesundheit. Daten aus der Stoffwechselforschung verdeutlichen jedoch, dass Normalgewicht metabolische Entgleisungen nicht ausschließt. Auch bei scheinbar schlanken Menschen können Fettstoffwechselstörungen, Insulinresistenzen und fettlebererkrankungen unerkannt bleiben, wenn ausschließlich das Körpergewicht herangezogen wird.
Verborgene Stoffwechselrisiken bei jungen Erwachsenen
Welche Relevanz metabolische Auffälligkeiten bereits im jüngeren Alter besitzen, zeigte eine Untersuchung der Universität Palermo im Rahmen des Projekts ABCD University Students.
An der auf dem Kongress der Italienischen Gesellschaft für Adipositas (SIO) vorgestellten und publizierten Studie nahmen 495 Studierende teil. Bei 46 Teilnehmenden – was einem Anteil von 9,3 Prozent der Stichprobe entsprach – stellten die Forschenden Alterationen des Stoffwechselprofils fest.
Bemerkenswert war dabei die Verteilung: Von diesen 46 Personen wiesen 19 (41,3 Prozent) einen normalen BMI auf. Somit war mehr als ein Drittel der jungen Erwachsenen mit Stoffwechselstörung normalgewichtig.
Innerhalb der Gruppe der Normalgewichtigen erwies sich das Verhältnis von Taille zu Körpergröße nicht als aussagekräftig zur Unterscheidung zwischen Gesunden und Personen mit Stoffwechselauffälligkeiten; ein stärker diskriminierender Parameter war der Körperfettanteil.
Studienautor Silvio Buscemi von der Universität Palermo, zugleich SIO-Präsident, betonte, dass der BMI zwar ein nützlicher erster Schritt bleibe, bei jungen Erwachsenen sowie Risikogruppen jedoch durch die Analyse der Körperzusammensetzung und des Stoffwechselprofils ergänzt werden müsse.
Das Forschungsteam wies zugleich einschränkend darauf hin, dass die spezifische Studierendenkohorte keine direkte Schätzung für die Gesamtheit aller Jugendlichen erlaube.
Muskelzusammensetzung, Ernährung und Diätfolgen
Die Ursachen für Stoffwechselstörungen bei Schlanken hängen eng mit der Verteilung von Muskel- und Fettgewebe zusammen. Eine in der Fachzeitschrift Radiology publizierte Untersuchung der Deutschen Nationalen Kohorte (NAKO) an 11.348 Personen ohne bekannte Vorerkrankungen (56,9 Prozent Männer, medianes Alter 43 Jahre) analysierte mittels Ganzkörper-MRT und Deep-Learning-Modellen die paraspinale Muskulatur.
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Ein höherer Anteil an intermuskulärem Fettgewebe (IMAT) ging mit rund 67 Prozent höheren Chancen für Bluthochdruck und rund 82 Prozent höheren Chancen für atherogene Fettstoffwechselstörungen einher. Umgekehrt war eine höhere fettfreie Muskelmasse bei Männern mit deutlich geringeren Risiken für Bluthochdruck und Stoffwechselprobleme verbunden.
Auch die Zusammensetzung der Nahrung beeinflusst die Stoffwechselwege unabhängig vom Kaloriengehalt. Eine in Nature Metabolism veröffentlichte Untersuchung an 57 gesunden, normalgewichtigen Erwachsenen belegte, dass eine ultrahochverarbeitete Mahlzeit im Vergleich zu einer frisch zubereiteten Mahlzeit trotz nahezu identischer Nährwerte eine andere Stoffwechselreaktion auslöste.
In einem randomisierten Crossover-Versuch an 32 Personen stiegen die Insulinspiegel nach dem Konsum hochverarbeiteter Nahrung nach 40, 60, 90 und 120 Minuten signifikant stärker an, obwohl die gesamte Blutzuckerreaktion vergleichbar blieb.
Zusätzlich können unüberlegte Diäten metabolische Nachteile mit sich bringen. Ein Übersichtsartikel von Forschenden der Universitäten Tübingen und Kopenhagen in Nature Reviews Endocrinology hielt fest, dass rund 30 Prozent der Normalgewichtigen versuchen abzunehmen, häufig aus kosmetischen Gründen.
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Bei Normalgewichtigen ist der Anteil an verlorener Magermasse während einer Gewichtsreduktion größer als bei Menschen mit Adipositas. Bei einer anschließenden Wiederzunahme wird die Muskelmasse oft nicht ausreichend wiederhergestellt, während die Fettmasse überproportional zulegt, wodurch der Körperfettanteil trotz identischen Gewichts ansteigt.
Relevanz für Lebergesundheit und Mortalität
Die Folgen unentdeckter Stoffwechselstörungen zeigen sich unter anderem bei der metabolischen Fettlebererkrankung (MASLD). Eine weltweite systematische Übersicht und Metaanalyse ergab, dass rund 40 Prozent der MASLD-Betroffenen nicht adipös sind; fast jede fünfte betroffene Person ist schlank.
Normale Leberenzymwerte schließen dabei eine fortgeschrittene Leberfibrose keineswegs aus, da Laborwerte wie GOT und GPT lediglich akute Zellschäden abbilden, nicht aber die bereits vorhandene Vernarbung des Gewebes.
Dass die reine Erfassung des BMI für die Risikobeurteilung unzureichend sein kann, belegten auch Daten, die auf der Jahrestagung des American College of Gastroenterology (ACG) vorgestellt wurden, welche vom 12. bis 14. Oktober 2026 in Nashville stattfand.
Anhand einer Kohorte von 3.466 Erwachsenen mit MASLD stratifizierte der Body-Roundness-Index (BRI), der auf dem Verhältnis von Taillenumfang zu Körpergröße basiert, das Sterberisiko präziser als der BMI.
Bei Personen ohne Adipositas (BMI unter 30) wies das oberste Viertel der BRI-Werte ein um 46 Prozent höheres Sterberisiko auf als das unterste Viertel, während die BMI-Kategorien bei diesen Nicht-Adipösen keinen signifikanten Zusammenhang mit der Mortalität zeigten.
Die Befunde unterstreichen die Notwendigkeit, metabolische Parameter und Fettverteilungsmuster unabhängig vom Skalenwert der Waage diagnostisch zu berücksichtigen.
