Nobelpreis für Optogenetik: Wie Licht Nervenzellen gezielt steuert
Veröffentlicht am: 06.10.2026 um 02:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Bereits in den 1990er Jahren gelang dem Biophysiker Georg Nagel der experimentelle Nachweis an Fröschen, dass Kanalrhodopsine in Amphibienzellen funktionsfähig sind. Diese Erkenntnis bildete ein zentrales Fundament für die Optogenetik, deren Entdeckung und Weiterentwicklung durch das Karolinska-Institut mit dem Nobelpreis für Physiologie oder Medizin 2026 gewürdigt wird.
Die Auszeichnung geht zu gleichen Teilen an Georg Nagel von der Universität Würzburg, Peter Hegemann von der Humboldt-Universität zu Berlin sowie Karl Deisseroth von der Stanford University in den USA.
Von der Algenforschung zur gezielten Zellsteuerung
Die Grundlagen der Technologie reichen mehrere Jahrzehnte zurück. Peter Hegemann zeigte Anfang der 1990er Jahre am Max-Planck-Institut für Biochemie in Martinsried, dass die Grünalge Chlamydomonas bereits 0,5 Millisekunden nach einem Lichtreiz ein elektrisches Signal erzeugt – zum Vergleich benötigt das menschliche Auge dafür mindestens 10 Millisekunden.
Anfang der 2000er Jahre entdeckte Hegemann gemeinsam mit Nagel an den Max-Planck-Instituten für Biochemie in München und für Biophysik in Frankfurt das lichtgesteuerte Protein Kanalrhodopsin. Der Kanalrhodopsin-2-Kanal öffnet sich demnach bereits 0,2 Millisekunden nach einem Lichtimpuls.
Im Jahr 2003 folgte der Vorschlag, dieses Protein gezielt einzusetzen. Den Durchbruch in Säugetierzellen erzielte Karl Deisseroth an der Stanford University: Er schleuste das Gen in Nervenzellen von Ratten ein und wies 2005 nach, dass blaues Licht darin verlässlich Nervenimpulse auslöst.
Im Jahr 2007 funktionierte der Mechanismus erstmals im Gehirn lebender Mäuse. Bei der Optogenetik öffnet blaues Licht den Ionenkanal, wodurch Ionen in die Zelle einströmen und einen elektrischen Impuls generieren. Dadurch lassen sich neuronale Schaltkreise gezielt an- und ausschalten.
Medizinische Potenziale und klinische Erprobung
Für die neurologische Forschung eröffnet die Methode breite Perspektiven, insbesondere bei der Untersuchung und künftigen Behandlung von Parkinson, Epilepsie und Alzheimer. Erste therapeutische Ansätze zeichneten sich bereits 2006 ab, als Zhuo-Hua Pan in Detroit krankhaft veränderte Sinneszellen in der Netzhaut von Labormäusen mithilfe der Optogenetik korrigierte.
Die Nobelpreis-Zuerkennung rückt die Optogenetik in den Fokus — doch für Forscher stellt sich die Frage: Wie wird aus der Methode eine Therapie? Der Leitfaden zeigt in drei Schritten, wie die Translation von lichtgesteuerter Zellkontrolle in die klinische Erprobung gelingen kann. Kostenlosen Leitfaden zur Optogenetik-Translation anfordern
Im Jahr 2021 gelang ein erster klinischer Machbarkeitsnachweis: Ein blinder Patient erhielt eine Gentherapie mit dem Protein ChrimsonR und konnte mithilfe einer Spezialbrille wieder Objekte wahrnehmen.
Im Jahr 2025 erschien dazu eine Roadmap zur therapeutischen Anwendung in der Fachzeitschrift Nature Neuroscience. Im September 2026 nahm die US-Arzneimittelbehörde FDA einen ersten Zulassungsantrag für eine optogenetische Gentherapie gegen Retinitis pigmentosa zur Prüfung an; eine Zulassung steht noch aus.
An der Augenklinik des Universitätsklinikums Bonn erforscht ein Team um Volker Busskamp seit 2006 Opsine in menschlichen Stammzellen und Organoiden, wobei bei einem Patienten mit Retinitis pigmentosa ebenfalls eine teilweise Wiederherstellung visueller Funktionen dokumentiert wurde. Am Universitätsklinikum Göttingen werden für 2027 oder 2028 erste Versuche an Patienten für ein optogenetisches Cochlea-Implantat vorbereitet.
Hintergrund zur Auszeichnung
Das Nobelpreis-Komitee gab die Zuerkennung der Auszeichnung laut Berichten vom 5. Oktober 2026 um 11:39 Uhr bekannt. Das Preisgeld beträgt 12 Millionen schwedische Kronen, was rund 1 Million Euro beziehungsweise etwa 1,2 Millionen US-Dollar entspricht. Die feierliche Übergabe erfolgt am 10. Dezember in Stockholm und Oslo.
Für Retinitis pigmentosa hat die FDA im September 2026 einen ersten Zulassungsantrag für eine optogenetische Gentherapie zur Prüfung angenommen — eine Zulassung steht noch aus. Wer die regulatorischen Wege und die aktuelle Studienlage einordnen will, findet hier die wichtigsten Anhaltspunkte. Überblick zur klinischen Studienlage jetzt sichern
Seit 1901 haben 232 Persönlichkeiten den Medizin-Nobelpreis erhalten, darunter 14 Frauen. DFG-Präsidentin Katja Becker hob hervor, dass die deutsche Forschung spitze sei; beide deutschen Preisträger arbeiteten in von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekten.
Hegemann, Träger des Leibniz-Preises 2013 und Mitglied des Exzellenzclusters „Neurocure“, wird künftig zudem an einem von Humboldt-Universität und Charité geplanten Forschungsbau für Optobiologie mitwirken, für den rund 69 Millionen Euro veranschlagt sind.
