Nobelpreis für Hegemann und Nagel: Lichtsteuerung könnte Sehen zurückbringen
Veröffentlicht am: 09.10.2026 um 03:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Zuerkennung des Nobelpreises für Physiologie oder Medizin für das Jahr 2026 markiert einen Meilenstein für die zellbiologische und neurologische Forschung.
Das Nobelpreiskomitee des Karolinska-Instituts zeichnete Peter Hegemann von der Humboldt-Universität zu Berlin, Georg Nagel von der Universität Würzburg sowie Karl Deisseroth von der Stanford University für ihre grundlegenden Entdeckungen zu lichtgesteuerten Ionenkanälen aus.
Diese Arbeiten schufen das Fundament der Optogenetik. Die Auszeichnung ist mit insgesamt zwölf Millionen schwedischen Kronen dotiert, was rund einer Million Euro entspricht, die zu gleichen Teilen an die drei Wissenschaftler gehen. Die feierliche Übergabe durch die Nobelstiftung findet traditionell am 10. Dezember statt.
Von mikroskopischen Algen zur Steuerung von Nervenzellen
Die methodische Basis reicht bis ins späte 20. Jahrhundert zurück. Bei Untersuchungen an der Alge Chlamydomonas maß der Biophysiker Hegemann elektrische Reaktionen, die bereits etwa 0,5 Millisekunden nach Lichteinfall einsetzten – rund 20-mal schneller als die Signalweiterleitung des menschlichen Auges, die mindestens 10 Millisekunden benötigt.
Zu Beginn der 2000er-Jahre identifizierte er in der Alge das Protein Kanalrhodopsin, dessen Poren sich bei blauem Licht öffnen. Gemeinsam mit Nagel und Ernst Bamberg meldete die Max-Planck-Gesellschaft zusammen mit Hegemann die Technologie am 11. April 2002 beim Deutschen Patent- und Markenamt (DPMA) zum Patent an (DE 102 16 005 A1), gefolgt von einem grundlegenden Fachaufsatz im Juni 2002 in der Zeitschrift Science.
Nagel wies die Funktion der Gene channelrhodopsin-1 und -2 in Froscheiern nach, wobei sich zeigte, dass das Protein ChR2 in nur 0,2 Millisekunden öffnet.
Den Übergang in die Neurowissenschaft vollzog Deisseroth: Er schleuste das Gen im Jahr 2005 in Nervenzellen von Ratten ein und übertrug das Verfahren 2007 auf das lebende Gehirn von Mäusen. Für das Forschungsfeld bürgerte sich 2006 der Begriff Optogenetik ein.
Die Optogenetik macht verbliebene Netzhautzellen künstlich lichtempfindlich — bei Retinitis pigmentosa zeigte eine Studie erstmals potenziellen klinischen Nutzen. Wer verstehen will, was das für die eigene Sehsituation bedeutet, findet hier eine verständliche Einordnung. Kostenlosen Leitfaden zur Optogenetik anfordern
Per Svenningsson, Vorsitzender des Nobelkomitees für Medizin, betonte, dass die Technologie die Kartierung neuronaler Schaltkreise in beispielloser Präzision ermögliche. Nach Angaben der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina dient das Verfahren heute unter anderem der Untersuchung von Depressionen, Angststörungen und Parkinson.
Hoffnungsträger für die Augenheilkunde
Besondere Bedeutung gewinnt das Verfahren in der regenerativen Medizin, vor allem bei neurodegenerativen Augenerkrankungen. Frank Holz, Direktor der Universitäts-Augenklinik Bonn, hebt hervor, dass die Optogenetik verbliebene Netzhautzellen künstlich lichtempfindlich macht und damit neue Perspektiven für die Wiederherstellung des Sehvermögens eröffnet.
Am weitesten fortgeschritten sind klinische Studien bei Retinitis pigmentosa, bei der eine Untersuchung der Phase 2b/3 erstmals potenziellen klinischen Nutzen zeigte. Weitere Untersuchungen zu Morbus Stargardt sowie zur geografischen Atrophie befinden sich in früheren Phasen.
Eine im Jahr 2026 im New England Journal of Medicine publizierte klinische Studie unter der Leitung von José-Alain Sahel und Botond Roska, an der auch das Unternehmen GenSight Biologics beteiligt war, untersuchte zehn Patienten mit fortgeschrittener Retinitis pigmentosa.
Viele Betroffene und Angehörige wissen nicht, welche Fragen sie beim Augenarzt zu Gentherapien und Spezialbrillen stellen sollen. Dieser Leitfaden bündelt einen klaren Fragenkatalog und eine Checkliste, mit der Sie einschätzen können, ob eine klinische Studie für Sie in Frage kommt. Fragenkatalog und Studien-Checkliste sichern
Über eine Injektion erhielten die Probanden die genetische Information für ein lichtempfindliches Protein, kombiniert mit einer Spezialbrille, die visuelle Reize als Lichtpulse auf die Netzhaut projiziert. Bei sieben der zehn Teilnehmer reagierte das behandelte Auge sensibler auf Helligkeit, sechs zeigten klinisch relevante Verbesserungen, und vier meisterten standardisierte Objekttests.
Obwohl ein Lesen oder das Erkennen von Gesichtern noch nicht möglich war, konnten Probanden Hindernisse lokalisieren und Türen finden. Tobias Moser von der Universität Göttingen stellte den Start weiterer klinischer Studien für das laufende Jahrzehnt oder den Beginn der kommenden Dekade in Aussicht.

