Nierenschutz, Abfall

Nierenschutz: Warum ein Abfall der Nierenwerte kein Grund zur Panik ist

25.05.2026 - 05:20:04 | boerse-global.de

Ein initialer Abfall der Nierenfunktion unter RAS-Inhibitoren gilt als erwünscht. Neue Studien zeigen, dass ein Absetzen das Risiko für Nierenversagen und Tod deutlich erhöht.

Nierenschutz: Warum ein Abfall der Nierenwerte kein Grund zur Panik ist - Foto: über boerse-global.de
Nierenschutz: Warum ein Abfall der Nierenwerte kein Grund zur Panik ist - Foto: über boerse-global.de

Ein leichter Rückgang der Nierenfunktion nach Beginn einer Blutdrucktherapie ist nicht nur normal – er kann lebensverlängernd wirken. Das belegen aktuelle Studien und Leitlinien.

Jahrzehntelang löste ein Abfall der geschätzten glomerulären Filtrationsrate (eGFR) nach dem Start von RAS-Inhibitoren – also ACE-Hemmern oder Angiotensin-Rezeptor-Blockern (ARBs) – bei Ärzten Alarm aus. Viele brachen die Therapie vorsorglich ab. Dabei gilt dieser Effekt inzwischen als erwünschtes Zeichen dafür, dass das Medikament seine schützende Wirkung entfaltet.

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Die 30-Prozent-Regel: Wann der Abfall harmlos ist

Die internationale Leitlinienorganisation KDIGO (Kidney Disease: Improving Global Outcomes) hat bereits Anfang 2024 in ihrer aktualisierten Leitlinie zur chronischen Nierenerkrankung (CKD) klare Maßstäbe gesetzt. Demnach ist ein Anstieg des Serum-Kreatinins um bis zu 30 Prozent innerhalb der ersten vier Wochen nach Therapiebeginn ein normaler hämodynamischer Effekt – keine Schädigung des Nierengewebes.

Der Mechanismus dahinter: RAS-Inhibitoren senken den Druck in den Glomeruli, den winzigen Filtereinheiten der Nieren. Die Filtrationsrate sinkt dadurch leicht, gleichzeitig werden die Nieren vor dem „Verschleiß" durch zu hohen Filtrationsdruck geschützt. Die Leitlinie empfiehlt, die Therapie fortzusetzen, solange sich die eGFR nach dem initialen Abfall stabilisiert – besonders bei Patienten mit Albuminurie oder Herzinsuffizienz.

Die KDIGO-Experten haben 2024 zudem die Schwelle für den Einsatz weiterer Schutztherapien gesenkt. SGLT2-Inhibitoren werden nun bereits ab einer eGFR von 20 ml/min/1,73 m² empfohlen – auch hier sind initiale eGFR-Abfälle dokumentiert und akzeptiert.

Absetzen gefährdet Leben: Neue Studiendaten

Doch die Praxis hinkt der Theorie hinterher. Eine im März 2026 im JAMA Network Open veröffentlichte Kohortenstudie der University of California, San Francisco, zeigt die dramatischen Folgen vorschnellen Absetzens. Die Forscher untersuchten über 4.200 Patienten, deren eGFR nach RAS-Inhibitor-Start um mehr als 15 Prozent gefallen war.

Das Ergebnis ist alarmierend: Patienten, die das Medikament absetzten, hatten ein 74 Prozent höheres Risiko, eine terminale Niereninsuffizienz zu entwickeln, und ein 23 Prozent höheres Sterberisiko im Vergleich zu jenen, die die Therapie fortsetzten. Selbst bei einem eGFR-Abfall über 30 Prozent hinaus überwogen die Vorteile der Fortsetzung – vorausgesetzt, es traten keine schwerwiegenden Nebenwirkungen wie Hyperkaliämie oder symptomatische Hypotonie auf.

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Die Botschaft der Studienautoren ist eindeutig: Die „Angst vor dem Abfall" gefährdet die Patienten mehr als der Abfall selbst.

Fortgeschrittene Nierenerkrankung: Die STOP-ACEi-Erkenntnisse

Besonders umstritten war lange der Einsatz von RAS-Inhibitoren in den Stadien 4 und 5 der chronischen Nierenerkrankung (eGFR unter 30 ml/min/1,73 m²). Die STOP-ACEi-Studie mit 411 Teilnehmern brachte hier 2024 und 2025 Klarheit.

Das Ergebnis: Nach drei Jahren zeigte sich kein signifikanter Unterschied in der Nierenfunktion zwischen Patienten, die das Medikament fortsetzten, und jenen, die es absetzten. Auch die Raten kardiovaskulärer Ereignisse und Todesfälle waren vergleichbar. Eine schwedische Beobachtungsstudie aus dem Frühjahr 2024 untermauert dies: Bei Patienten mit einer eGFR unter 30 ml/min lag die Fünf-Jahres-Sterblichkeit bei Fortsetzung der Therapie bei 40,9 Prozent – bei Absetzen stieg sie auf 54,5 Prozent.

Die Schlussfolgerung: Es gibt keinen klinischen Nutzen, RAS-Inhibitoren allein wegen eines niedrigen eGFR-Wertes abzusetzen.

Die vier Säulen der Nierentherapie

Die medikamentöse Behandlung der chronischen Nierenerkrankung hat sich bis Mitte 2026 zu einem Vier-Säulen-Ansatz entwickelt:

  1. RAS-Inhibitoren (ACE-Hemmer/ARBs)
  2. SGLT2-Inhibitoren
  3. Nicht-steroidale Mineralokortikoid-Rezeptor-Antagonisten (ns-MRAs) wie Finerenon
  4. GLP-1-Rezeptor-Agonisten

Experten empfehlen einen gestaffelten Therapiestart, um die kumulative hämodynamische Belastung zu minimieren. Vor einem vorschnellen Absetzen sollten reversible Faktoren ausgeschlossen werden:

  • Gleichzeitige Einnahme von NSAR (nicht-steroidale Antirheumatika)
  • Volumenmangel oder Dehydrierung, besonders bei älteren Patienten
  • Überhöhte Diuretika-Dosierung

Das größte Hindernis für die Fortsetzung der Therapie bleibt die Hyperkaliämie. Hier bieten neuere Kaliumbinder, deren wirksamkeit in Studien Anfang 2025 bestätigt wurde, eine Lösung: Sie ermöglichen den Verbleib in der lebensverlängernden Therapie, selbst wenn die Kaliumwerte eigentlich eine Dosisreduktion oder ein Absetzen erfordern würden.

Ausblick: Präzisere Diagnostik und personalisierte Therapie

Die Integration der Cystatin-C-basierten GFR-Schätzung dürfte sich in den kommenden Jahren standardisieren. Studien aus 2024 und 2025 belegen ihre höhere Genauigkeit bei älteren Patienten, da Cystatin C weniger von Muskelmasse und Ernährung beeinflusst wird.

Zudem werden die Ergebnisse laufender Studien wie der Barack-D-RCT, deren weitere Publikation für Ende 2025 oder Anfang 2026 erwartet wird, den Einsatz von Aldosteron-Rezeptor-Antagonisten in Kombination mit RAS-Inhibitoren weiter präzisieren.

Das übergeordnete Ziel der Nephrologie im Jahr 2026 ist klar: die Maximierung der Therapiedauer. Solange Ärzte die Werkzeuge zur Kontrolle von Kalium und Blutdruck haben, gilt der permissive eGFR-Abfall nicht als Komplikation, sondern als Unterschrift einer Behandlung, die aktiv daran arbeitet, die Nierengesundheit zu bewahren.

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