Netzhautchip PRIMA: Weltweit erste Implantation bei 80-jähriger Patientin
Veröffentlicht am: 20.10.2026 um 04:03 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie Behandlung fortgeschrittener Netzhauterkrankungen erreicht eine neue Phase der klinischen Anwendung. An der Klinik für Augenheilkunde des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Lübeck, erfolgte die weltweit erste Implantation des Netzhautchips PRIMA nach dessen offizieller Zulassung.
Operiert wurde eine 80-jährige Patientin, die infolge einer geografischen Atrophie – der Spätform der trockenen altersbedingten Makuladegeneration (AMD) – erblindet war.
Den chirurgischen Eingriff führte Prof. Dr. Salvatore Grisanti durch. Die Kanzlei McDermott Will & Schulte beriet den Hersteller des Systems, die Science Corporation, bei den Verhandlungen mit dem UKSH Lübeck über diesen ersten kommerziellen Einsatz.
Funktionsweise und klinische Ergebnisse des Implantats
Das von der in Alameda im US-Bundesstaat Kalifornien ansässigen Science Corporation entwickelte PRIMA-System soll Teile der Sehfunktion bei zerstörten Photorezeptoren wiederherstellen. Der Chip misst 2x2 Millimeter und wird subretinal eingesetzt. Das Implantat arbeitet batterielos und besteht aus 378 Pixeln, die jeweils über eine Elektrode und zwei Photovoltaikzellen verfügen.
Gekoppelt wird der Chip mit einer Spezialbrille, die mit einer Mikrokamera ausgestattet ist. Diese Kamera arbeitet mit etwa 5 Megapixeln bei einer Bildwiederholrate von 30 Bildern pro Sekunde. Ein integrierter Prozessor wandelt die Bildsignale in Nahinfrarotlicht mit einer Wellenlänge von 880 Nanometern um und projiziert diese auf das Netzhautimplantat.
Die photovoltaischen Elemente stimulieren daraufhin die noch intakten Bipolar- und Ganglienzellen. Frank Brodie, Chief Medical Officer für Ophthalmologie bei der Science Corporation und an der University of California, San Francisco (UCSF) tätig, betont in diesem Zusammenhang, dass die Technologie funktionelle körpereigene Signalwege nutze.
Erwartet wird bei der Patientin die Wiedererlangung der Lesefähigkeit für mittelgroße Buchstaben, wofür ein gezieltes Rehabilitationstraining erforderlich ist. Nach einem solchen Training waren in Studien über 80 Prozent der behandelten Personen wieder in der Lage zu lesen, Kreuzworträtsel zu lösen und Smartphones zu bedienen.
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In klinischen Daten der Science Corporation aus dem Oktober 2026, die an 38 Patienten über 17 Zentren hinweg erhoben wurden, konnte die funktionelle zentrale Sehschärfe bei bis zu 81 Prozent der Probanden wiederhergestellt werden. Nach einem Zeitraum von 12 Monaten zeigte sich bei 80 Prozent der Patienten eine Sehverbesserung um mindestens 0,2 logMAR beziehungsweise 10 ETDRS-Buchstaben.
Zu den weiterhin offenen Fragen zählen die Langzeitstabilität des Implantats, die Gesamtkosten, die Versicherungsabdeckung sowie die Organisation der Rehabilitation. Für Märkte wie Südkorea liegen noch keine bestätigten Termine vor.
Dimensionen der altersbedingten Makuladegeneration
Die altersbedingte Makuladegeneration gilt in den Industrieländern als häufigste Ursache für gesetzliche Blindheit. In Deutschland sind nach aktuellen Berichten über eine Million Menschen betroffen.
Weltweit leiden Schätzungen von Prof. Trifon Rotsos von der Demokrit-Universität Thrakien zufolge rund 200 Millionen Personen an AMD; bis zum Jahr 2040 wird ein Anstieg auf etwa 300 Millionen Betroffene erwartet. Die Erkrankung betrifft 10 bis 13 Prozent der über 60-Jährigen und nahezu die Hälfte der Personen im Alter zwischen 80 und 85 Jahren.
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Als typische Warnzeichen gelten Verzerrtsehen (Metamorphopsie) sowie verschwommenes Sehen, diagnostiziert wird primär mittels optischer Kohärenztomographie (OCT).
Während bei der feuchten Verlaufsform seit Mitte der 2000er-Jahre intravitreale Anti-VEGF-Injektionen mit Behandlungsintervallen von bis zu rund vier Monaten – in Einzelfällen bis zu 20 Wochen – zur Verfügung stehen, waren therapeutische Mittel bei trockener AMD bisher stark limitiert.
Laut dem Experten Jordi Monés verlangsamen die beiden von der US-Arzneimittelbehörde FDA zugelassenen Komplementinhibitoren lediglich das Wachstum der Gewebeschäden, können verlorenes Sehvermögen jedoch nicht wiederherstellen.
Weitere technologische Forschungsansätze
Neben dem PRIMA-System werden alternative Ansätze zur Sehrestauration erforscht. Das belgische Unternehmen ReVision Implant startete im Oktober 2026 seine erste klinische Studie am Menschen für ein eigenes Netzhautimplantat.
Parallel dazu verfolgt das Unternehmen Nanoscope Therapeutics mit Sonpiretigene isteparvovec (vormals MCO-010) eine optogenetische Gentherapie. Dabei schleust ein viraler Vektor ein Gen für ein breitbandig lichtempfindliches Opsin in verbliebene Bipolarzellen ein, um die ausgefallenen Photorezeptoren biologisch zu umgehen. Bisherige Daten zu Retinitis pigmentosa und Morbus Stargardt dienen hierbei als Grundlage für Prüfungen bei fortgeschrittener geografischer Atrophie.
