Netzhaut-Therapien: Vier Durchbrüche versprechen Sehkraft zurück
Veröffentlicht am: 07.08.2026 um 17:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Weltweit sind rund 200 Millionen Menschen von degenerativen Netzhauterkrankungen betroffen. Die Kosten dafür? Über 400 Milliarden US-Dollar jährlich. Der Sommer 2026 brachte nun gleich mehrere Durchbrüche – von Implantaten bis zu Augentropfen.
CE-Zulassung: Erste Implantate kommen nach Europa
Im Juli erhielt das PRIMA-Implantat von Science Corp. die CE-Kennzeichnung für 30 europäische Länder. Das System soll Patienten mit geografischer Atrophie – einer fortgeschrittenen Form der trockenen AMD – das Augenlicht zurückgeben. In klinischen Studien mit 38 Probanden verbesserte sich bei 81 Prozent die Sehschärfe um mindestens zehn Buchstaben auf der Sehtafel. Im Schnitt waren es sogar 25,5 Buchstaben.
Viele Patienten, die nach US-Definition als blind gelten, erreichen mit dem Implantat eine Sehschärfe von etwa 20/160. In den USA besitzt das System bereits den Status eines „Breakthrough Device“. Die erste kommerzielle Implantation in Deutschland lässt nicht lange auf sich warten.
Parallel testet die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) in der „Sightspire“-Studie ein alternatives System: ein reiskorngroßes Port-Delivery-System (PDS), das kontinuierlich Medikamente ins Auge abgibt. Das in den USA seit 2021 zugelassene System muss nur alle sechs bis neun Monate aufgefüllt werden – Schluss mit häufigen Injektionen.
Augentropfen statt Spritze: Neue Wirkstoffe im Test
Forschende des spanischen Instituts für Bioengineering in Katalonien (IBEC) veröffentlichten im August Ergebnisse zu einem fotosensiblen Wirkstoff namens Prosthe6. In Tests an Mausmodellen und Zebrafischlarven stellte er die Lichtreaktion der Netzhaut wieder her – ganz ohne Implantate oder Genmanipulation. Die Kandidaten prosthe6-12 und prosthe6-15 reagieren bereits auf normales Innenraumlicht.
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Doch Vorsicht: Eine Übertragung auf den Menschen steht noch aus. Fachleute erinnern daran, dass die meisten Kandidaten in dieser Phase scheitern. Bis zur Marktreife könnten zehn bis 15 Jahre vergehen.
Die Adelaide University präsentierte ebenfalls im August einen „Photoswitch“-Wirkstoff. Die in Nature Medicine veröffentlichte Studie zeigt: Bei Patienten mit Retinitis pigmentosa verbesserte sich die Lichtwahrnehmung bereits nach zwei Tagen. Das Molekül reaktiviert geschädigte Netzhautzellen – eine Phase-2-Studie soll nun folgen.
KI beschleunigt die Wirkstoffsuche
Künstliche Intelligenz treibt die Forschung zunehmend voran. Insilico Medicine nominierte im August mit ISM9077 den 32. KI-designten präklinischen Kandidaten seit 2021. Der Target-Y-Inhibitor zielt auf trockene AMD, Uveitis und das trockene Auge. In Tiermodellen zeigte das Molekül eine dreifach höhere Wirksamkeit als bisherige Therapien. Besonders vielversprechend: Die hohe Konzentration in der Netzhaut und die Möglichkeit, den Wirkstoff als Augentropfen oder oral zu verabreichen.
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Auch die Grundlagenforschung liefert neue Ansätze. Wissenschaftler von Scripps Research berichteten im August in Nature Neuroscience über das natürliche Molekül Erucamid. Sinkende Spiegel bei Photorezeptorverlust schwächen die körpereigene Antwort auf Netzhautverletzungen. Eine Wiederherstellung des Spiegels könnte künftig als ergänzende Therapie bei diabetischer Retinopathie oder AMD dienen.
Viele Ansätze stecken noch in frühen Phasen. Doch die Kombination aus technologischer Innovation und biotechnologischem Fortschritt macht eines deutlich: Die klinische Umsetzbarkeit neuer Sehtherapien ist zum Greifen nah.
