Naturspaziergänge, Stanford-Studie

Naturspaziergänge: Stanford-Studie zeigt weniger Grübeln nach 90 Minuten

Veröffentlicht am: 28.10.2026 um 20:12 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Forschung verbindet Bewegung im Grünen mit weniger Grübeln und Stress; die Aussagekraft der Studien fällt jedoch unterschiedlich aus.
Ein gewundener Waldweg im herbstlichen Wald, durch den das Sonnenlicht sanft durch das Blätterdach fällt. Illustration mit AI erstellt.

Wandern und die gezielte Kombination verschiedener Bewegungsformen etablieren sich zunehmend als therapeutische Maßnahmen für die Psyche. Zahlreiche Berichte und wissenschaftliche Untersuchungen heben die regelmäßige Bewegung in der Natur als wachsenden Trend zur mentalen Stärkung hervor.

Sowohl im klinischen Kontext als auch in kommunalen Präventionsprojekten gewinnt das Zusammenspiel aus körperlicher Aktivität und natürlicher Umgebung an praktischer Bedeutung.

Klinische Praxis und lokale Angebote

In der therapeutischen Versorgung existieren bereits langfristig angelegte Konzepte. Im St. Marien Hospital Eickel in Herne besteht die sogenannte Jakobsgruppe seit 30 Jahren. Bei diesem bundesweit weiterhin einmaligen Therapieansatz wandern Patientinnen und Patienten des Krankenhauses auf dem Jakobsweg.

Auch im Breitensport erfährt die Beschäftigung mit der heimischen Natur neuen Zulauf: Rund um Wolfen gilt Wandern mittlerweile als Trend zur geistigen Entlastung. Die traditionsreiche Wandergruppe der SG Chemie Wolfen fasst nach schwierigen Jahren wieder Tritt und rückt das bewusste Naturerlebnis in der Region in den Fokus.

Ergänzend zu traditionellen Vereinen entstehen spezifische Gruppenangebote. Im kanadischen Orillia initiierte die Psychotherapeutin Kimberly Desmoulin Anfang Oktober kostenlose Spaziergänge für psychische Gesundheit im Tudhope Park.

Die rund 45 Minuten dauernden Runden umfassen 2,5 bis 5 Kilometer und basieren auf Ansätzen der körperorientierten Therapie, die sich besonders für neurodivergente Menschen eignen sollen. Bislang fanden dort zwei Termine statt; Treffpunkt ist mittwochs vor 18:30 Uhr an der Moose-Beach-Waschraumhütte, wobei keine direkte therapeutische Beratung erfolgt.

In Deutschland werden ähnliche Pfade erprobt: Im Botanischen Garten Berlin leitet die Referentin Sarah Maske im Rahmen eines Pilotprojekts kostenfreie Einheiten im Waldbaden (Shinrin Yoku) für Gruppen von maximal 15 Erwachsenen.

Die Veranstaltungen dauern 90 bis 120 Minuten. Für die 43 Hektar große Anlage ist ein weiterer Termin für den 12. November 2026 von 16:00 bis 18:30 Uhr angekündigt.

Befunde zu Depression, Rumination und Schmerz

Die Effekte auf neurologische und emotionale Vorgänge werden fortlaufend erforscht. Eine an der Universität Stanford durchgeführte und im Fachjournal PNAS publizierte Untersuchung belegt, dass ein 90-minütiger Spaziergang in einer natürlichen Umgebung mentale Rumination merklich stärker eindämmt als ein Gang entlang stark befahrenen Verkehrsstraßen. Hirnscans wiesen einen verringerten Blutfluss sowie eine sinkende Aktivität im subgenualen präfrontalen Cortex nach.

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Bei manifester psychischer Belastung zeigen sich ebenfalls Effekte: Eine französische Studie an 64 Erwachsenen mit mittelschweren bis schweren Depressionen untersuchte ein zehnwöchiges, angeleitetes Nordic-Walking-Training, das zweimal pro Woche für eine Stunde im Herzfrequenzbereich von 65 bis 75 Prozent stattfand. Bereits nach fünf Wochen fiel der Depressions-Score im Vergleich zur Kontrollgruppe signifikant ab.

Auf dem Deutschen Schmerzkongress in Mannheim stellte eine Arbeitsgruppe um Finn Jonasson vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel Daten von 30 gesunden Erwachsenen vor.

Nach einem Spaziergang im städtischen Grünraum berichteten die Teilnehmenden über eine geringere Angst vor einer Schmerzverstärkung als nach Wegen durch überwiegend versiegelte Stadträume. Die Medizinerin Kerstin Brismar legte dar, dass bei Muskelarbeit freigesetzte Botenstoffe direkt auf neuronale Signalsysteme einwirken und Belastungsreaktionen dämpfen können.

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Immunologische Reaktionen und methodische Grenzen

Untersuchungen unter der Leitung von Dr. Qing Li weisen zudem immunologische Wechselwirkungen nach. Demnach steigert Shinrin Yoku die Anzahl und Aktivität natürlicher Killerzellen sowie krebshemmender Proteine wie Perforin und Granzyme A und B, wobei dieser Schutz bis zu 30 Tage anhalten kann.

Im finnischen Projekt Mieliluontoon der Organisation ODL, das Naturbewegungsberatung anbot, bewerteten Teilnehmende die Einheiten im Schnitt mit 4,55 von 5 Punkten. 73,8 Prozent änderten ihr Bewegungsverhalten, und 93 Prozent gaben in einer späteren Nachbefragung an, weiterhin eigenständig im Freien aktiv zu sein; 73 Prozent fanden passende Formate.

Trotz dieser Ergebnisse betonen systematische Übersichtsarbeiten die Notwendigkeit einer differenzierten Einordnung. Zwar sind Naturaufenthalte mit Verbesserungen von Stress und Stimmung korreliert, die methodische Studienqualität variiert jedoch stark. Kurzschlüssige Heilsversprechen sind wissenschaftlich nicht haltbar. Als wirksamer Naturraum zählen in den Untersuchungen allerdings bereits urbane Parks, Flussufer oder grüne Wohnumfelder.

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