Nahrungsmittelallergien: Echte Fälle sind seltener als gedacht
07.06.2026 - 10:48:58 | boerse-global.de
Während die subjektive Wahrnehmung von Beschwerden in der Bevölkerung zunimmt, warnen Mediziner vor unsauberen Diagnosen. Echte Nahrungsmittelallergien sind mit einer Prävalenz von 0,1 bis 1 Prozent vergleichsweise selten. Eine tatsächliche Zunahme der Fallzahlen lasse sich nicht beobachten, wohl aber eine geschärfte Aufmerksamkeit der Konsumenten, erklärt Prof. Dr. Gunter Sturm vom Allergieambulatorium Reumannplatz in Wien.
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Allergie, Unverträglichkeit oder Zöliakie?
Der entscheidende Punkt: Mediziner müssen strikt zwischen einer Nahrungsmittelallergie, einer Unverträglichkeit und spezifischen Erkrankungen wie der Zöliakie unterscheiden. Letztere darf nicht mit einer herkömmlichen Glutenunverträglichkeit gleichgesetzt werden.
Ein Ernährungsreport des Marktforschungsinstituts IMAS aus dem Jahr 2020 zeigt: Etwa 7 Prozent der Österreicher haben eine diagnostizierte Unverträglichkeit. Schätzungen für den europäischen Raum gehen davon aus, dass potenziell jeder vierte Bürger betroffen sein könnte. Besonders verbreitet ist die Laktoseintoleranz – in Österreich sind es rund 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung. Weitere häufige Auslöser sind Fructose, Histamin und Glutamat.
Moderne Diagnostik: Präziser, aber nicht beliebig
In der medizinischen Praxis gewinnen moderne Verfahren an Bedeutung. Dr. Yvonne Braun vom Deutschen Allergie- und Asthmabund (DAAB) betont den Stellenwert der molekularen Allergiediagnostik. Diese Methode erlaube eine deutlich präzisere Identifikation von Allergenen – insbesondere bei komplexen Nussallergien.
Gleichzeitig warnen Mediziner vor ungesicherten Diagnosemethoden. Sogenannte IgG-Tests oder Verfahren wie die Bioresonanz seien nicht geeignet, um eine verlässliche Allergiediagnostik durchzuführen. Stattdessen rücken funktionale Aspekte in den Vordergrund: Bei einer Laktoseintoleranz etwa wird die Symbiose im Dickdarm überlastet. Gezielte Zufuhr von Milchsäurebakterien, etwa durch Joghurt, kann die Beschwerden abmildern.
Das Mikrobiom im Fokus der Forschung
Die Bedeutung des Darmmikrobioms war Thema einer Fachveranstaltung im April 2026 in Mannheim. Experten wie Prof. Dr. Andreas Schwiertz und Jun.-Prof. Dr. Marie-Christine Simon betonten dort: Die Ernährung beeinflusst die Zusammensetzung und das Verhalten des Mikrobioms maßgeblich. Der Forschungsschwerpunkt verschiebt sich zunehmend von der bloßen Zählung der Bakterien hin zur Analyse ihrer Funktionalität.
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Neben mikrobiologischen Faktoren spielen auch Umweltbelastungen eine Rolle. Eine Studie aus dem Jahr 2026 weist darauf hin, dass sogenannte Cocktail-Effekte durch Mehrfachbelastung mit Pestiziden das Krebsrisiko signifikant erhöhen können. Bei Untersuchungen konventioneller Snacktomaten wurden mehrfach Rückstände verschiedener Pflanzenschutzmittel gefunden.
Markt reagiert – mit Vorsicht zu genießen
Der Markt reagiert auf die steigende Zahl an Diagnosen mit spezialisierten Produkten. Unternehmen wie Biogena bieten Enzympräparate an – DAO-Enzyme bei Histaminintoleranz oder Laktase bei Milchzuckerunverträglichkeit. Experten mahnen jedoch zur Vorsicht beim sogenannten Protein-Trend: Hochverarbeitete Eiweißprodukte könnten wichtige natürliche Nährstoffe verdrängen und enthalten oft zahlreiche Zusatzstoffe.
Zur Unterstützung von Betroffenen bietet der DAAB bundesweite Beratungen über AllergieMobile an. Für den 9. Juni ist zudem ein Fach-Webinar geplant, das sich mit dem Umgang mit Erdnuss- und Nussallergien in Bildungseinrichtungen befasst. Auch in der staatlichen Versorgung findet das Thema Berücksichtigung: Im Rahmen des EU-Schulprogramms für das Kita-Jahr 2026/2027 in Rheinland-Pfalz werden Einrichtungen aufgefordert, Allergien und Unverträglichkeiten systematisch zu erfassen.
Gefahr durch einseitige Ernährung
Im Kontext schwerer Erkrankungen warnen Onkologen wie Prof. Dr. Volkmar Nüssler vor einseitigen Diäten. Eine Mangelernährung könne den Krankheitsverlauf negativ beeinflussen. Schätzungen zufolge stehen bis zu 20 Prozent der Krebstodesfälle mit einem schlechten Ernährungszustand in Verbindung. Empfohlen wird eine proteinreiche, mediterrane Ernährung mit Hülsenfrüchten, Nüssen und Olivenöl.
Besondere Vorsicht ist bei Trends wie Smoothies geboten. Sie können durch einen zu schnellen Transport der Inhaltsstoffe in den Dünndarm Verdauungsbeschwerden verursachen – die fälschlicherweise für eine Unverträglichkeit gehalten werden. Mediziner raten generell zu einer bewussten, pflanzenbasierten Ernährung und zur Vermeidung hochverarbeiteter Lebensmittel.
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