Nahrungsergänzung, Leberschäden

Nahrungsergänzung: Über 20 Prozent der arzneimittelbedingten Leberschäden hängen damit zusammen

Veröffentlicht am: 21.10.2026 um 08:43 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Gezielte Supplemente können sinnvoll sein, doch Überdosierungen, Wechselwirkungen und Fehlinformationen sprechen gegen eine Einnahme ohne klaren Bedarf.
Ein minimalistischer Labortisch mit Glasgefäßen in einer klinischen Umgebung bei natürlichem Licht. Illustration mit AI erstellt.

Die eigenmächtige Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln steht zunehmend im Fokus fachlicher Analysen. Während gezielte Gaben für bestimmte Gruppen unstrittig sind, warnen Fachleute und wissenschaftliche Untersuchungen vor den gesundheitlichen Risiken einer unkritischen Selbstmedikation sowie vor Fehlinformationen über die tatsächliche Wirksamkeit einzelner Nährstoffe.

Gezielte Bedarfe und Dosierungsgrenzen am Beispiel Folsäure

Ein zentrales Anwendungsfeld für Supplemente stellt die Versorgung mit Folsäure (Vitamin B9) dar. Für Erwachsene liegt die empfohlene tägliche Zufuhr bei 400 mcg, während für Schwangere höhere Mengen gelten. Die tolerierbare Obergrenze aus angereicherten Lebensmitteln und Nahrungsergänzungsmitteln beträgt für Erwachsene 1.000 mcg (1 mg) pro Tag.

Randomisierte kontrollierte Studien stützen bei empfohlenen Dosierungen keinen ursächlichen Zusammenhang mit einem Krebsrisiko, wenngleich das U.S. National Toxicology Program die Datenlage weiter beobachtet. Zudem schwächt die moderne Labordiagnostik frühere Risiken ab, da Vitamin B12 direkt gemessen werden kann.

Bei der Folsäureverwertung existieren jedoch biologische Unterschiede: Die aktive Form Levomefolat-Calcium ist für den Organismus sofort nutzbar, während herkömmliche Folsäure mehrere Umwandlungsschritte durchlaufen muss. Mindestens ein Drittel der Bevölkerung weist genetische Varianten auf – insbesondere im MTHFR-Gen –, die diesen Prozess verlangsamen oder blockieren und trotz Zufuhr zu niedrigen Folatspiegeln führen können.

Für die Schwangerschaftsvorsorge empfiehlt das Netzwerk Gesund ins Leben die Einnahme von täglich 400 µg Folsäure ab Kinderwunsch bis zum Ende der zwölften Schwangerschaftswoche, bei ungeplanten Schwangerschaften täglich 800 µg. Studien belegen, dass Folsäure das Risiko für Neuralrohrdefekte um 50 bis 70 Prozent senken kann.

Zudem rät das Netzwerk zu 100 bis 150 µg Jod täglich für die gesamte Schwangerschaft sowie zu 200 mg DHA am Tag. Vitamin D in einer Dosis von 20 µg (800 IE) wird für Risikogruppen empfohlen, während Koffein auf maximal 200 mg pro Tag begrenzt bleiben sollte. Eisen soll demnach ausschließlich bei einem labormedizinisch nachgewiesenen Mangel ergänzt werden.

Risiken von Überdosierungen und Wechselwirkungen

Abseits klar definierter Indikationen birgt eine unkontrollierte Zufuhr erhebliche Gefahren. Daten der DILIN-Studie der National Institutes of Health zeigen, dass über 20 Prozent der arzneimittelbedingten Leberschäden auf gesundheitsbezogene Nahrungsergänzungsmittel zurückgehen.

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Auch bei Spurenelementen droht Toxizität: Eine im Fachjournal Cureus beschriebene Selen-Überdosierung kann eine Selenose auslösen, die mit Knoblauchatem, metallischem Geschmack, Haarausfall, chronischer Müdigkeit und Nagelveränderungen einhergeht.

Hochdosiertes Vitamin A kann Kopfschmerzen und Hautprobleme verursachen, während übermäßiges Niacin (Vitamin B3) Leberschäden und Juckreiz hervorrufen kann.

Zudem beeinflussen sich hochdosierte Nährstoffe im Körper gegenseitig. Wie Fachärztin Bettina Boetticher darlegt, konkurrieren etwa Calcium und Eisen um dasselbe Transportprotein, wodurch Calcium die Eisenverwertung herabsetzt.

Auch Polyphenole aus Tee und Kaffee sowie Phytinsäure aus Getreide und Hülsenfrüchten hemmen die Eisenaufnahme, während Vitamin C sie fördert. Eine langfristige Gabe von Zink kann zudem das Entstehen eines Eisen- oder Kupfermangels begünstigen.

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Fehlende Breitenwirkung und die Rolle des Lebensstils

Groß angelegte Studien dämpfen die Erwartungen an einen pauschalen Nutzen für Gesunde. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2026 mit 153.902 Teilnehmenden aus 69 Studien zeigte, dass Vitamin D, Calcium oder deren Kombination bei Erwachsenen ohne Osteoporosetherapie kaum oder keinen Effekt auf Knochenbrüche und Stürze hatte. Hohe Dosen von 3.200 bis 4.000 IE Vitamin D täglich waren laut einer weiteren Analyse mit einem erhöhten Risiko für Hyperkalzämie verbunden.

Kardiologe Dariush Mozaffarian von der Tufts School of Medicine betont, dass chronische Erkrankungen primär auf Ernährungsmustern beruhen und nicht durch isolierte Einzelstoffe verhindert werden. Auch Dr. JoAnn Manson von der Harvard Medical School verweist darauf, dass ein gesunder Lebensstil eine stärkere Evidenz besitzt als Supplemente.

Zugleich weisen Fachleute auf ein gravierendes Informationsdefizit hin: Eine Untersuchung der AOK zu Social-Media-Inhalten ergab, dass die Mehrheit der analysierten Ernährungsvideos gesundheitliche Fehlinformationen enthält, wobei komplexe Zusammenhänge oft drastisch vereinfacht und Produkte unzureichend gekennzeichnet werden.

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