Nahrungsergänzung: Jeder zweite Bürger hält sie fälschlicherweise für Medikamente
04.06.2026 - 21:21:39 | boerse-global.de
Das sagte Prof. Dr. Mona Tawab, wissenschaftliche Leiterin des Zentrallaboratoriums Deutscher Apotheker, am Donnerstag beim pharmacon Meran. Der Irrtum sei gefährlich: Hochdosierte Präparate können die Gesundheit schädigen und die Wirkung regulärer Medikamente beeinflussen.
Tawab rät: Nahrungsergänzungsmittel nur nach einer fundierten Messung der Blutwerte einnehmen. Ohne medizinische Notwendigkeit böten die Produkte oft keinen therapeutischen Nutzen – im schlimmsten Fall drohten toxische Effekte.
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Kritik am Longevity-Hype
Auch Prof. Dominik Pförringer äußerte sich am Mittwoch kritisch zum Trend der Selbstoptimierung. Geschäftsmodelle rund um Supplemente, Selbstvermessung und Ganzkörper-MRT ohne medizinische Indikation nannte er „gefährliches Halbwissen“. Statt auf Biohacking zu setzen, empfahl er Lebensfreude und einen ausgewogenen Lebensstil.
Die Harvard Health Publishing untermauert das. In ihrem Ratgeber „Pathways to Longevity“ vom Mittwoch betonen die Autoren: Die kardiorespiratorische Fitness ist der wichtigste Indikator für eine hohe Lebenserwartung. Statt auf Medikamente und Supplemente zu setzen, empfehlen sie täglich rund 7.000 Schritte und ein kombiniertes Training aus Kraft, Ausdauer und Balance.
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Prozess um Vitamine als Wundermittel
Der unregulierte Handel mit Nahrungsergänzungsmitteln führt zunehmend vor Gericht. Mitte Juni beginnt am Amtsgericht Wiesbaden ein Prozess gegen einen 77-Jährigen. Die Anklage: bandenmäßiger Betrug. Er soll einer Seniorin frei verkäufliche Vitamine für 850 Euro als wirksame Medikamente gegen eine drohende Erblindung verkauft haben.
Zusätzlich geraten nicht zugelassene Peptide in den Fokus der Behörden. Die Substanzen werden verstärkt auf dem Graumarkt als Anti-Aging-Mittel angeboten. Da Langzeitstudien fehlen, versuchen Zollbehörden den Online-Handel einzudämmen. Die Präparate werden oft als Forschungschemikalien deklariert.
Apotheken als erste Anlaufstelle
Die Apothekerschaft fordert angesichts dieser Entwicklungen eine zentralere Rolle im Gesundheitssystem. Dr. Armin Hoffmann, Präsident der Bundesapothekerkammer, betonte am Donnerstag: Apotheken seien eine unverzichtbare Schnittstelle in der Versorgungskette.
Ein Positionspapier der ABDA vom Mittwoch sieht vor, Apotheken als erste Anlaufstelle für Patienten zu etablieren. Ab 2027 sollen sie durch das Apotheken-Reformgesetz (ApoVWG) zusätzliche Aufgaben übernehmen:
- Durchführung von Schutzimpfungen und Blutentnahmen
- Angebot von Schnelltests
- Abgabe bestimmter rezeptpflichtiger Arzneimittel in akuten Fällen ohne ärztliches Rezept
- Unterstützung bei der digitalen Ersteinschätzung und Telemedizin
ABDA-Präsident Thomas Preis unterstrich: Eine effiziente Primärversorgung sei ohne die Einbindung der Apotheken nicht darstellbar. Ziel ist es, ärztliche Notdienste zu entlasten und die Arzneimittelsicherheit durch qualifizierte Beratung vor Ort zu erhöhen. Dazu gehört auch die Aufklärung über die korrekte Einnahme von Medikamenten. Apothekerin Cornelia Stritzel wies darauf hin: Bei Unsicherheiten über die Wirkung oder das Ausscheiden von Präparaten sollten Patienten stets professionellen Rat einholen – statt eigenmächtig Dosierungen zu verändern.
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