Nahrungsergänzung, Hälfte

Nahrungsergänzung: Hälfte der Deutschen unterschätzt Nebenwirkungen

09.06.2026 - 11:21:38 | boerse-global.de

Apotheken schrumpfen, während HealthTech und Prävention boomen. Ärzte lehnen erweiterte Kompetenzen für Apotheker ab.

Gesundheitsmarkt im Wandel: Apothekenkrise und neue Beratungsrollen
Nahrungsergänzung - Ein Gesundheitsberater erklärt einem Patienten digitale Gesundheitsdaten auf einem Tablet, während der Patient auf ein Wearable am Handgelenk zeigt. 09.06.2026 - Bild: über boerse-global.de

Patienten kommen immer besser informiert in die Beratung, Apotheken kämpfen ums Überleben und die Politik streitet über neue Kompetenzverteilungen.

Beratung statt Wissensvermittlung

Gesundheitsberater müssen ihre Rolle neu definieren. Das beobachteten Experten der Akademie Gesundes Leben Anfang Juni 2026. Klienten erscheinen demnach zunehmend vorinformiert zum Termin. Der Berater fungiert immer weniger als reiner Wissensvermittler, sondern als Begleiter, der Informationen im Kontext von Biohacking, Resilienz und Darmgesundheit einordnet.

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Treiber dieser Entwicklung sind die Zunahme von Zivilisationskrankheiten und das wachsende Bedürfnis nach Prävention. Parallel dazu gewinnen datengetriebene Lösungen an Bedeutung. Das HealthTech-Unternehmen Nutrix stellte die Plattform „gSense“ vor. Sie integriert Daten aus Wearables und Laborwerten. Ergänzt wird das Angebot durch Technologien wie „cortiSense“, die Stresshormone wie Cortisol im Speichel messen.

Ziel ist eine hormonelle Intelligenz: Künstliche Intelligenz erstellt personalisierte Gesundheitsprofile und ermöglicht präventive Maßnahmen.

Apothekenmarkt schrumpft

Der stationäre Apothekenmarkt steckt in der Krise. Die Filialdichte sinkt kontinuierlich. Aktuell gibt es in Deutschland noch rund 16.600 Apotheken. Branchenexperten rechnen mit einem jährlichen Rückgang von etwa fünf Prozent.

Der Druck durch Versandhandel und fachfremde Anbieter wächst. Eine aktuelle Studie zeigt: 40 Prozent der Konsumenten könnten sich vorstellen, verschreibungspflichtige Medikamente über Amazon zu beziehen. Auch Drogeriemärkte werden attraktiver. 33 Prozent der Befragten nannten Rossmann, 24 Prozent die Kette Müller als mögliche Bezugsquellen.

Die Politik diskutiert derweil über eine Ausweitung des Leistungsangebots in Apotheken. Ein Gesetzentwurf zur Apothekenreform sieht vor, bürokratische Hürden abzubauen. Dauermedikation soll in bestimmten Fällen ohne erneutes Rezept abgegeben werden können. Apothekervertreter fordern zudem mehr Kompetenzen in der Primärversorgung – etwa durch telemedizinische Sprechstunden oder Point-of-Care-Tests.

Ärzte gegen „Primärversorgung light“

Die Pläne der Apothekerschaft stoßen auf massiven Widerstand. Die Bundesärztekammer und die Kassenärztliche Bundesvereinigung lehnten die Vorschläge Anfang Juni 2026 ab. BÄK-Präsident Dr. Klaus Reinhardt warnte vor einer Fehlsteuerung im System. KBV-Chef Dr. Andreas Gassen bezeichnete die Pläne als abwegig und prophezeite Zusatzkosten sowie eine Verschlechterung der Versorgungsqualität.

Auch der Virchowbund kritisierte scharf: Die Apothekerschaft wolle ihre Kernaufgabe der Arzneimittelversorgung zugunsten ärztlicher Diagnostik verlassen.

Vorsicht vor Selbstoptimierungs-Trends

Trotz des Booms der Selbstoptimierung mahnen Fachleute zur Vorsicht. Auf dem Fortbildungskongress pharmacon Meran wies Prof. Dr. Mona Tawab vom Zentrallaboratorium Deutscher Apotheker auf ein gefährliches Missverständnis hin: Viele Menschen gehen fälschlicherweise von einer allgemeinen Unterversorgung mit Nährstoffen aus. Die Hälfte der Bevölkerung halte Nahrungsergänzungsmittel für ebenso streng geprüft wie Arzneimittel. Hochdosierte Präparate könnten jedoch erhebliche Nebenwirkungen verursachen.

Die Neurobiologin Prof. Dr. Daniela Berg ergänzte: Verhaltensänderungen im Gesundheitsbereich stehen oft im Konflikt zwischen kurzfristiger Belohnung und langfristigen Zielen. Bevor komplexe Interventionen starten, müssten grundlegende Faktoren wie chronischer Schlafmangel und Stress adressiert werden.

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Milliarden-Branche sucht neue Wege

Die ökonomische Relevanz des Sektors wird in den kommenden Tagen auf der 21. Nationalen Branchenkonferenz Gesundheitswirtschaft in Rostock thematisiert. Mit einem Anteil von 14,6 Prozent am Bruttoinlandsprodukt gilt die Branche als zentraler Pfeiler der deutschen Wirtschaft.

Tagungspräsident Prof. Dr. Marek Zygmunt betonte im Vorfeld: Die Krisenfestigkeit des Systems und die Anpassung an europäische Regeln für Medizinprodukte gehören zu den drängendsten Aufgaben. Partnerland der diesjährigen Konferenz ist Lettland.

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