MyChart-Phishing: 41 Gesundheitssysteme warnen vor Medicare-Betrug
Veröffentlicht am: 09.09.2026 um 23:52 Uhr | Redaktion boerse-global.de
In den Vereinigten Staaten hat eine koordinierte Phishing-Kampagne gegen Nutzer des Patientenportals MyChart zu massiven Sicherheitswarnungen geführt. Cyberkriminelle nutzen dabei gefälschte Angebote für sogenannte „Medicare Health Kits“, um sensible Daten und Finanzinformationen von Patienten zu entwenden.
Berichten zufolge haben bereits mindestens 41 Gesundheitssysteme offizielle Warnungen an ihre Patienten herausgegeben, um auf die betrügerischen Aktivitäten aufmerksam zu machen.
Der Modus Operandi der Angreifer zielt darauf ab, das Vertrauen der Patienten in die digitale Kommunikation ihrer Gesundheitsdienstleister auszunutzen. Bei der aktuellen Kampagne erhalten Nutzer Nachrichten innerhalb oder im Namen des MyChart-Systems, in denen ihnen die Zusendung von Medicare-Ausrüstung versprochen wird.
Die Opfer werden dazu aufgefordert, eine geringe Gebühr für die Versandkosten per Kreditkarte zu entrichten. Nach Erkenntnissen aus den betroffenen Regionen wurden Patienten, die auf diese Masche reagierten, anschließend doppelt zur Kasse gebeten oder mussten die missbräuchliche Verwendung ihrer Kreditkartendaten feststellen.
Regionale Auswirkungen und institutionelle Reaktionen
Die Betrugswelle war insbesondere zwischen Juli und August 2026 in Bundesstaaten wie Illinois, Minnesota, Oklahoma und Indiana zu beobachten. Gesundheitssysteme wie Sentara, Penn Medicine und MetroHealth reagierten bereits Mitte August 2026 mit entsprechenden Warnmeldungen an die Öffentlichkeit. Auch der Generalstaatsanwalt von Pennsylvania, Dave Sunday, warnte explizit vor der Kampagne und forderte zur Wachsamkeit auf.
Nach Angaben der Federal Trade Commission (FTC) wurden in den vergangenen fünf Jahren insgesamt 166 Beschwerden im Zusammenhang mit Phishing-Aktivitäten über MyChart registriert. Mehrere dieser Meldungen stehen im direkten Kontext mit der aktuellen „Medicare Kit“-Welle.
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Epic, der Entwickler der MyChart-Software, verwaltet nach eigenen Angaben rund 305 Millionen Patientenakten weltweit. Das Unternehmen verweist als Reaktion auf die Vorfälle auf seine bereitgestellten Sicherheitsleitfäden zum Schutz vor Betrug und Identitätsdiebstahl.
Zunehmende Professionalisierung der Cyberkriminalität im Gesundheitssektor
Die aktuelle Phishing-Welle fügt sich in ein Bild zunehmender Angriffe auf die Infrastruktur des Gesundheitswesens ein. Das Health Information Sharing and Analysis Center (Health-ISAC) warnt in diesem Zusammenhang vor weiteren Akteuren wie der Gruppe „ShinyHunters“. Diese nutzen demnach verstärkt Vishing-Kampagnen (Voice Phishing) und täuschend echt aussehende Web-Domains, die auf Endungen wie „.claim“ oder „.claims“ basieren.
Ziel dieser Angriffe ist es, Multi-Faktor-Authentifizierungen (MFA) zu umgehen und über Single-Sign-On-Verfahren (SSO) Zugriff auf Cloud-Anwendungen wie Microsoft 365, SharePoint oder Salesforce zu erhalten.
Die Bedrohungslage wird durch aktuelle Marktdaten untermauert. Branchenorganisationen wie HIMSS beobachteten bereits in den vergangenen Jahren einen Anstieg der Phishing-Angriffe auf das Gesundheitswesen um 65 Prozent. Neben Portal-Nachrichten setzen Kriminelle auch auf SMS-Betrug. So wurden Patienten des Anbieters Labcorp mit gefälschten SMS über vermeintliche Kontostände oder Testergebnisse konfrontiert, um sie auf Phishing-Seiten zu locken.
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Finanzieller Schaden und strafrechtliche Verfolgung
Das Ausmaß der Kriminalität in diesem Bereich verdeutlichen auch großangelegte Betrugsfälle, die über Jahre hinweg operierten. US-Behörden fahnden derzeit nach vier pakistanischen Staatsbürgern, denen ein Medicare-Betrugsschema in Höhe von 703 Millionen US-Dollar vorgeworfen wird.
Zwischen Januar 2023 und April 2025 sollen über ein Callcenter betrügerische Ansprüche für COVID-19-Testkits und Gentests eingereicht worden sein, von denen 418,6 Millionen US-Dollar tatsächlich ausgezahlt wurden.
Gleichzeitig verzeichnen Sicherheitsforscher von Kaspersky einen massiven Anstieg bei mobilen Banking-Trojanern. Im ersten Quartal 2026 wurden über 162.000 neue Varianten entdeckt, was mehr als einer Verdopplung gegenüber dem gesamten Jahr 2024 entspricht.
Experten raten Organisationen im Gesundheitswesen dringend dazu, die Verifizierungsprozesse an Helpdesks zu verschärfen und den Einsatz von hardwarebasierten Sicherheitsfaktoren wie FIDO2 zu prüfen, um den Schutz von Patientendaten zu gewährleisten.
