Musikgedächtnis bei Alzheimer: Wiener Projekt untersucht Hirnaktivität mit EEG und MRT
Veröffentlicht am: 24.10.2026 um 15:24 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie Erforschung therapeutischer Ansätze bei Demenzerkrankungen gewinnt durch neurowissenschaftliche Erkenntnisse über das Musikgedächtnis an Dynamik. Ein zentrales Vorhaben in diesem Bereich ist das auf vier Jahre angelegte internationale Forschungsprojekt „M4M – Music for Memory“, das von der Universität Wien gemeinsam mit Partnereinrichtungen aus Norwegen und Argentinien durchgeführt wird.
Ziel der Untersuchung ist es zu analysieren, wie das musikalische Gedächtnis entsteht und auf welche Weise gezielte musikalische Übungen Hirnareale von Alzheimer-Patienten aktivieren können.
Im Rahmen des Vorhabens lernen rund 100 Personen ab einem Alter von 65 Jahren mit leichtgradiger Alzheimer-Demenz neu komponierte Lieder zu Hause gemeinsam mit Musiktherapeuten. Finanziert wird das Projekt vom Wissenschaftsfonds FWF, der eine Förderung von knapp 850.000 Euro bereitstellt.
Bildgebung und methodisches Studiendesign
Um die neurobiologischen Effekte der musikalischen Intervention detailliert nachzuvollziehen, bindet das Projekt die MedUni Wien ein. Mittels EEG- und MRT-Untersuchungen wird die Hirnaktivität der Teilnehmer während des Hörens, Singens und Wiederholens der Stücke erfasst.
Die Universität Wien setzt bei der Untersuchung auf ein Crossover-Design. Dieses sieht jeweils fünf Monate Intensivphase mit zwei Einheiten pro Woche im Vergleich zu einer Phase geringer Intensität mit lediglich einem Termin pro Monat vor. Dazwischen liegt eine zweimonatige Pause.
Die Zuteilung der Reihenfolge erfolgt per Losentscheid. Für den Standort Wien werden 40 Frauen und Männer über 65 Jahren mit den Pflegestufen 1 bis 2 gesucht. Die für die Studie genutzten Lieder werden eigens auf Deutsch, Norwegisch sowie Brasilianisch komponiert und jeweils in der entsprechenden Landessprache gesungen.
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Erkenntnisse zur Wirkung von Musik bei Demenzerkrankungen
Das wissenschaftliche Interesse an musikalischen Interventionen stützt sich auf grundlegende Erkenntnisse der Hirnforschung. Das musikalische Gedächtnis ist in robusten subkortikalen Netzwerken verankert, die bei Demenzerkrankungen vergleichsweise lange funktionsfähig bleiben. Zudem wird Musik in vielen verschiedenen Regionen des Gehirns verarbeitet. Fachleute betrachten Musik dabei als therapeutisches Werkzeug und nicht als Heilmittel.
Gleichzeitig differenziert die Forschungslage die genauen Wirkeffekte. Ein Cochrane-Review aus dem Jahr 2025, der 30 Studien mit 1.720 vorwiegend in Pflegeheimen lebenden Teilnehmern auswertete, ergab, dass Musiktherapie depressive Symptome wahrscheinlich verbessert und möglicherweise das Gesamtverhalten positiv beeinflusst.
Dagegen zeigte sich wenig Evidenz für langfristige Auswirkungen auf Kognition oder Agitation; zudem können beobachtete Effekte nach dem Ende der Sitzungen wieder nachlassen.
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Ergänzende Befunde lieferte unter anderem eine Studie der George Mason University mit 51 Demenzkranken, die in der Fachzeitschrift Geriatrics & Gerontology International erschien. Das Anhören einer 20-minütigen personalisierten Playlist führte bei den Betroffenen zu einer Steigerung von Freude, Blickkontakt, Engagement sowie Gesprächigkeit und reduzierte Phasen des Schlafens.
Bedeutung von Individualisierung und Anpassung
Fachpublikationen heben hervor, dass Musiktherapie bei Demenz keine standardisierten Patentrezepte kennt. Analysen von Forschern betonen die Notwendigkeit individueller Ansätze, wobei Musikrepertoire aus der Lebensphase zwischen dem 18. und 25. Lebensjahr aufgrund der autobiografischen Gedächtniskonsolidierung als besonders bedeutsam gilt.
Weitere wissenschaftliche Untersuchungen legen zudem nahe, musikalische Parameter gezielt an die Bedürfnisse der Betroffenen anzupassen: Dazu gehören ein verlangsamtes Tempo entsprechend der reduzierten Motorik, tiefere Tonlagen für verringerte Stimmumfänge sowie einfache Begleitungen mit klarer Melodieführung. Übermäßige Lautstärke sollte vermieden werden, da sie Agitation verstärken kann.
Zudem erweist sich dargebotene Live-Musik im Vergleich zu bloßen Aufnahmen häufig als überlegen. Obwohl entsprechende Ansätze weltweit in Chören, Kliniken und Pflegeeinrichtungen erprobt werden, weisen Untersuchungen aus dem Jahr 2026 darauf hin, dass Musiktherapie bislang nur unzureichend in klinische Leitlinien integriert ist.
