Mundhöhlenkrebs: Rauchen und Alkohol steigern das Risiko um das 35-Fache
Veröffentlicht am: 28.09.2026 um 06:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Chronische Entzündungsprozesse rücken zunehmend in den Fokus der Krebsforschung. Über die Freisetzung von Zytokinen und die Verursachung von DNA-Schäden fördern sie maßgeblich Entstehung und Fortschreiten verschiedener Krebsarten – darunter Eierstock-, Leber- und Darmkrebs.
Mehrere aktuelle Studien und Übersichtsarbeiten beleuchten die zugrunde liegenden Mechanismen und liefern Hinweise darauf, wie Entzündung, Immunsystem und Krebsrisiko zusammenhängen.
Eierstockkrebs: Entzündung als aktiver Motor
Eine Übersichtsarbeit im Journal of Ovarian Research, verfasst von Tan (Jishou University), Wang (Army Medical University) und Smerat (Saveetha Institute/Al-Ahliyya Amman University), beschreibt chronische Entzündung als aktiven Motor für Entstehung, Wachstum und Ausbreitung von Eierstockkrebs.
Die Autoren identifizieren vier zentrale Signalwege – NF-?B, JAK/STAT, PI3K/AKT und MAPK –, die dabei aktiviert werden. Zudem unterdrücken tumor-assoziierte Makrophagen, regulatorische T-Zellen und myeloide Suppressorzellen die körpereigene Immunantwort.
Als mögliche Wirkstoffe nennt die Übersicht Bortezomib (gegen NF-?B), Ruxolitinib (gegen JAK), Everolimus (gegen mTOR) und Trametinib (gegen MEK). Eine Kombination dieser Substanzen mit Immuntherapie könnte laut den Autoren Resistenzen überwinden helfen. Als Limitationen nennen sie jedoch molekulare Heterogenität der Tumoren, Toxizität der Wirkstoffe und das Fehlen verlässlicher Biomarker.
Darmkrebsrisiko bei entzündlichen Darmerkrankungen
Das Garvan Institute of Medical Research hat untersucht, wie sich das Darmkrebsrisiko bei Patienten mit primärer sklerosierender Cholangitis in Kombination mit chronisch-entzündlicher Darmerkrankung darstellt. Demnach ist das Risiko rund dreimal höher als bei Colitis ulcerosa allein – obwohl die klinischen Schübe bei dieser Patientengruppe schwächer ausfallen.
In scheinbar normalen Darmabschnitten fanden die Forscher vermehrt zytotoxische Immunzellen, was auf eine unsichtbare, klinisch nicht erkennbare Entzündung hindeutet; während akuter Schübe traten zudem vermehrt Mastzellen auf. Die Forscher fordern deshalb, künftig verborgene Gewebesignale statt allein sichtbarer Symptome zu überwachen.
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Weitere Mechanismen und Risikofaktoren
Der Onkologe und Pulitzer-Preisträger Siddhartha Mukherjee beschrieb im Oprah-Winfrey-Podcast, dass chronische Entzündung tausende schlafende Krebszellen wecken könne – ein Effekt, den er als möglichen künftigen Biomarker für Krebserkrankungen einstuft.
Der Onkologe Aditya Vidushi verweist darauf, dass Helicobacter pylori Magenkrebs begünstigt, während mit Fettleibigkeit verbundene Entzündung das Risiko für Darm-, Brust-, Bauchspeicheldrüsen- und Leberkrebs erhöht. Senthilkumar Rajagopal von der REVA University weist zudem darauf hin, dass Südasiaten möglicherweise anfälliger für chronische niedriggradige Entzündung sein könnten.
Zusammenhang mit vermeidbaren Risikofaktoren
Eine Studie in Nature Medicine aus dem Frühjahr 2026, gestützt auf WHO/IARC-Daten, kommt zu dem Ergebnis, dass vier von zehn Krebsdiagnosen weltweit durch vermeidbare Risikofaktoren verhinderbar wären – bei jährlich rund 20 Millionen Neuerkrankungen und etwa 10 Millionen Todesfällen laut WHO.
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Für die Schweiz beziffert die Analyse den Anteil vermeidbarer Krebsfälle auf rund ein Drittel, wobei der Anteil bei Männern etwas höher liegt als bei Frauen. Als wichtigste Risikofaktoren nennt die Studie, die auf 30 Faktoren und einer Modellierung für das Jahr 2022 basiert, Tabak, HPV-Infektionen, Alkohol, Übergewicht und UV-Strahlung.
Besonders deutlich zeigt sich der kombinierte Effekt bei Mundhöhlenkrebs: Starkes Rauchen und Trinken zusammen erhöhen das Risiko um das 35-Fache, verglichen mit dem 3- bis 4-Fachen bei alleinigem Konsum einer der beiden Substanzen. Die Mongolei weist demnach weltweit die höchste Leberkrebsrate auf, verursacht durch Hepatitisviren.
Prävention durch Impfung
Ein Zusammenhang zwischen Infektionen und Krebs zeigt sich auch bei Daten der AOK NordWest zu sexuell übertragbaren Infektionen im Kreis Recklinghausen: 2025 wurden dort 811 Fälle registriert, 8,7 Prozent mehr als im Vorjahr mit 746 Fällen.
Häufigste Diagnosen waren anogenitale beziehungsweise venerische Warzen sowie akute Virushepatitis B, gefolgt von Herpes Simplex, HIV und Chlamydien. Unbehandelte Chlamydien-Infektionen können bei Frauen zu Beckenentzündungen und Fruchtbarkeitsstörungen führen, während HPV und Hepatitis B Krebs auslösen können.
Die STIKO empfiehlt die HPV-Impfung für Kindern und Jugendliche im Alter von 9 bis 14 Jahren mit zwei Dosen im Abstand von 5 bis 13 Monaten. Die AOK NordWest erstattet ab dem 18. Lebensjahr 80 Prozent der HPV-Impfkosten im Rahmen eines 500-Euro-Gesundheitsbudgets.
Insgesamt zeichnen die aktuellen Forschungsergebnisse ein Bild, in dem chronische Entzündung als verbindendes Element zwischen unterschiedlichsten Risikofaktoren – von Infektionen über Lebensstil bis zu genetischen Prädispositionen – und der Entstehung von Krebs fungiert. Die Erkenntnisse liefern zugleich Ansatzpunkte für gezieltere Therapien und Präventionsstrategien.
