Mundbakterien, Gehirn

Mundbakterien und Gehirn: 17 Arten unterscheiden sich nach dem Alter

Veröffentlicht am: 19.10.2026 um 18:44 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Eine kleine Untersuchung verknüpft bestimmte Mundbakterien mit kognitiven Testergebnissen; ein ursächlicher Zusammenhang ist nicht belegt.
Eine Petrischale mit Nährboden in einer sterilen Laborumgebung als Symbol für mikrobiologische Forschung. Illustration mit AI erstellt.

Wissenschaftliche Untersuchungen weisen auf eine signifikante Korrelation zwischen dem Mikrobiom der Zunge, der Mundhygiene und dem Risiko für kognitive Beeinträchtigungen hin. Forscher widmen sich zunehmend der Frage, wie bakterielle Gemeinschaften im Mundraum und chronische Entzündungen des Zahnhalteapparats mit neurodegenerativen Prozessen im Gehirn interagieren.

Zungenmikrobiom und geistige Leistungsfähigkeit im Fokus

Einen detaillierten Einblick in diese Mechanismen liefert eine explorative Untersuchung der University of Exeter und der Freien Universität Brüssel, die im Fachjournal PLOS ONE unter der Leitung von Joanna E. L’Heureux erschien.

Das Team analysierte Daten von insgesamt 60 gesunden Erwachsenen, aufgeteilt auf 30 Teilnehmende aus Großbritannien und 30 aus Belgien. Beide Ländergruppen setzten sich jeweils zu gleichen Teilen aus jüngeren Personen und Senioren zusammen.

Im Rahmen der Untersuchung absolvierten die Probanden zehn kognitive Tests zu Gedächtnisleistung, Verarbeitungsgeschwindigkeit und Aufmerksamkeit. Ergänzend erfassten die Wissenschaftler Blutdruckmessungen, Speichel- und Plasmaproben zur Bestimmung von Nitrat und Nitrit sowie Abstriche des Zungenmikrobioms.

Dabei zeigte sich, dass eine höhere relative Häufigkeit des Bakteriums Prevotella histicola in beiden Kohorten mit schnelleren Reaktionszeiten einherging.

Für Haemophilus parainfluenzae fielen die Zusammenhänge hingegen je nach Standort und Test unterschiedlich aus: Während höhere Werte in Großbritannien mit besseren Leistungen beim logischen Schlussfolgern und der Raumwahrnehmung, jedoch mit langsamerer Emotionserkennung einhergingen, waren sie in Belgien mit besseren Resultaten im visuellen Gedächtnis sowie im Arbeitsgedächtnis assoziiert.

Anzeige

Wer sich mit dem Erhalt seiner geistigen Leistungsfähigkeit befasst, findet in diesem kostenlosen Ratgeber wertvolle Tipps zur Demenzvorbeugung und praktische Übungen für den Alltag. 11 Alltagsübungen für geistige Fitness jetzt kostenlos entdecken

Stoffwechselpfade und altersabhängige Verschiebungen

Als möglicher physiologischer Verbindungsweg gilt der Nitrat-Nitrit-Stickstoffmonoxid-Stoffwechsel. Bestimmte Mundbakterien wandeln über die Nahrung aufgenommenes Nitrat in Nitrit um, woraus schließlich gefäßerweiterndes Stickstoffmonoxid entsteht, was die Durchblutung des Gehirns beeinflussen könnte.

Höhere Nitratkonzentrationen im Blut waren in der britischen Gruppe mit höherer Genauigkeit und Schnelligkeit verbunden, wenngleich dieser Mechanismus noch nicht abschließend bewiesen ist.

Zudem identifizierten die Forscher 17 Bakterienarten, deren Vorkommen sich zwischen jüngeren und älteren Probanden deutlich unterschied. Die Nitrat-abbauende Art Neisseria flavescens trat bei Jüngeren häufiger auf, während mit Zahnfleischerkrankungen assoziierte Gattungen wie Treponema und Tannerella bei älteren Teilnehmenden dominierten.

Zugleich erwies sich die geografische Lage als Hauptfaktor für Variationen im Mikrobiom. Da die Stichprobengröße pro Land auf 30 Personen begrenzt war, stufen die Autoren die Ergebnisse als explorativ ein und fordern größere Studien.

Anzeige

Um die kognitive Gesundheit langfristig zu fördern, empfehlen Experten neben der körperlichen Vorsorge auch gezielte Übungen für die Merkfähigkeit und Konzentration. Kostenlosen Gehirntraining-Ratgeber für ein fittes Gedächtnis sichern

Parodontitis und Zahnverlust als systemische Risikofaktoren

Neben dem Zungenmikrobiom steht auch die Parodontitis im Fokus der Fachwelt. Diese chronische Entzündung des Zahnhalteapparats kann unbehandelt zu Gewebe- und Knochenabbau bis hin zum Zahnverlust führen. Eine koreanische Kohortenstudie, die am 1. Mai 2026 im Fachjournal Community Dental Health erschien, verknüpft Zahnverlust auf einem Evidenzlevel II mit einem erhöhten Demenzrisiko.

Über den Blutkreislauf können orale Bakterien und Entzündungsbotenstoffe systemisch zirkulieren. Ein im Fachjournal J Oral Pathol Med veröffentlichtes Editorial von Ali IM et al. verweist darauf, dass Erreger wie Porphyromonas gingivalis bereits im Gehirngewebe von Alzheimer-Patienten nachgewiesen wurden.

Diskutierte Pfade umfassen Neuroinflammation, Amyloid-beta-Akkumulation, Tau-Hyperphosphorylierung sowie bakterielle Virulenzfaktoren wie Gingipaine. Ein kausaler Nachweis steht jedoch auch hier aus.

Gleichzeitig verläuft Parodontitis oft jahrelang schmerzfrei, weshalb frühe Warnzeichen wie Zahnfleischbluten, Schwellungen oder Mundgeruch häufig unbemerkt bleiben. Fachärzte für Parodontologie heben hervor, dass regelmäßige zahnärztliche Kontrollen und eine konsequente Mundhygiene nicht nur das Kauen und die Lebensqualität sichern, sondern als Bestandteil eines ganzheitlichen Ansatzes zur Förderung eines gesunden Alterns beitragen können.

Disclaimer...
de | wissenschaft | 70364683 |