Multisensorisches Lernen: Zeichnen lässt Wörter doppelt so gut im Gedächtnis bleiben
Veröffentlicht am: 24.10.2026 um 11:48 Uhr | Redaktion boerse-global.deAktuelle Publikationen beleuchten die Wirksamkeit multisensorischer Lernstrategien, bei denen verschiedene Sinnesmodalitäten kombiniert werden, um die Informationsaufnahme und Gedächtnisleistung gezielt zu optimieren.
Der Ansatz beruht auf der Erkenntnis, dass das Zusammenspiel unterschiedlicher Sinneseindrücke multiple neuronale Spuren im Gehirn verankert. Dadurch sinkt die Vergessensrate, während sich der spätere Abruf von Inhalten spürbar erleichtert.
Das VAKT-Modell und analoge Lernwerkzeuge
Ein zentrales Konzept in diesem Bereich bildet der sogenannte VAKT-Ansatz. Er kombiniert vier spezifische Kanäle: das visuelle Sehen, das auditive Hören, kinästhetische Bewegungsabläufe sowie den taktilen Tastsinn. Besondere Bedeutung kommt dieser Methode bei Personen mit Dyslexie, beim Erlernen neuer Fremdsprachen sowie bei der Vermittlung komplexer wissenschaftlicher Konzepte zu.
In der pädagogischen Praxis spielen haptische Hilfsmittel weiterhin eine bedeutende Rolle. Gedruckte Lernkarten bleiben im Schulalltag verbreitet, da sie taktile, visuelle und kinästhetische Sinne zugleich ansprechen und so neuronale Pfade festigen.
Zu den praktischen Vorteilen zählen die Unabhängigkeit von Strom und Internet, eine geringere Ablenkung sowie die Sichtbarkeit für die gesamte Gruppe im Unterricht. Verbreitete Formate nutzen Kartengrößen von 3×5 bis 4×6 Zoll, Papierstärken von 300–350 gsm, Kantenradien von R3–R6 und 20–50 Karten pro Set.
Wirtschaftlich wird bei Klassenstärken von 30 Schülern ein Einmalkauf den laufenden Kosten digitaler Jahresabonnements über einen Zeitraum von fünf Jahren gegenübergestellt.
Lautes Lesen, Zeichnen und motorische Aktivität
Auch sprachliche und motorische Eigenaktivitäten beeinflussen das Behalten maßgeblich. Eine Untersuchung der Universität Waterloo aus dem Jahr 2017 mit 95 Teilnehmenden ergab, dass lautes Vorlesen bessere Gedächtnisergebnisse erzielte als das Hören einer eigenen Aufnahme, das Zuhören bei einer fremden Stimme oder das rein stille Lesen.
Fachleute führen diesen Produktionseffekt auf die motorische Lauterzeugung und das selbstreferenzielle Hören zurück. Empfohlen wird die Methode insbesondere für Definitionen, Fachbegriffe und Eigennamen; sie ersetzt jedoch nicht das inhaltliche Verständnis.
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Zusätzlich belegen wissenschaftliche Erhebungen den sogenannten Zeicheneffekt. Nach Erkenntnissen von Wammes, Meade und Fernandes aus dem Jahr 2016 wurden Wörter, die gezeichnet statt wiederholt abgeschrieben wurden, mehr als doppelt so oft erinnert.
Die Studie umfasste sieben Experimente an der Universität Waterloo; der Effekt blieb auch bei kürzeren Zeichenzeiten, längeren Wortlisten und getrennten Gruppen stabil. Die zeichnerische Qualität spielte für den Lerneffekt keine Rolle.
Eine weitere Veröffentlichung von Fernandez und Kollegen aus dem Jahr 2018 hielt fest, dass Zeichnen auch das Einprägen von Definitionen unterstützt, da semantische Bedeutung, visuelle Form und Handbewegung zu einer einheitlichen Erinnerungsspur gebündelt werden.
Hinsichtlich rein passiver Begleitbeschäftigungen existieren differenzierte Befunde: Eine Studie von Jackie Andrade zeigte bei 40 Testpersonen, die während einer monotonen Audiobotschaft einfache Figuren ausmalten, eine um rund 29% höhere Gedächtnisleistung für genannte Namen und Orte gegenüber der reinen Hörgruppe, da simples Kritzeln Tagträumen unterbinde.
Ein späteres Forscherteam der kanadischen Universität Guelph konnte diese Verbesserungen bezüglich Aufmerksamkeit und Gedächtnis jedoch nicht eindeutig bestätigen; der Nutzen variiert demnach je nach Kontext und Art der Aufgabe.
Körperbewegungen und neuronale Mechanismen
Den Einfluss großräumiger Bewegungen untersuchten Luke Rosedahl, Yuka Sasaki und Takeo Watanabe in einer Studie für das Fachjournal Science Advances, gefördert durch die National Institutes of Health und die National Science Foundation.
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Im Rahmen eines VR-Experiments mit 80 Probanden (Durchschnittsalter 21,4 Jahre, Standardabweichung 5,2; 57,5% weiblich; 600 Durchläufe in 12 Blöcken) führten raumgreifende Armbewegungen wie virtuelle Lichtschwertschwünge zu einer signifikanten Verbesserung beim Erlernen von Information-Integration-Kategorien (?=0,27, SE=0,11, P=0,01, OR=1,31).
Auf regelbasierte Kategorien zeigte sich hingegen kein signifikanter Effekt (?=?0,10, SE=0,08, P=0,25, OR=0,90); die Interaktion zwischen Antworttyp und Kategoriestruktur lag bei ?=0,42 (SE=0,15, P=0,005, OR=1,52).
Der Lernvorteil blieb auch nach dem späteren Wechsel auf Tastendrücke bestehen. Als Anwendungsfelder gelten anspruchsvolle visuelle Mustererkennungen in der medizinischen Diagnostik und der Luftfahrt.
Grundlagenmechanismen im Gehirn analysierten Da Song und Andrew J. Peters von der University of Oxford in Nature Communications. Bei Versuchen an Mäusen während eines visuellen und auditorischen sensomotorischen Trainings bildete der anteriore präfrontale Kortex kontextabhängige Reaktionen auf beide Modalitäten aus, während der mediale präfrontale Kortex kontextunabhängige visuelle Antworten entwickelte.
Ein Verhaltenstransfer gelang dabei von visuellen auf auditorische Reize, nicht jedoch in umgekehrter Richtung. Dieser Transfer stimulierte auditorische Reaktionen in einem primär visuell responsiven Areal des Striatums, wobei die Reihenfolge des Trainings keinen Einfluss auf die Antworten im präfrontalen Kortex hatte.
Unterrichtsmedien im empirischen Vergleich
Die praktische Wirksamkeit visueller und plastischer Unterrichtsmedien wird auch in schulpraktischen Studien beschrieben:
- Im Schuljahr 2025/2026 untersuchten Jecelind Cheril Talitha Rahma, Riduan Febriandi und Andri Valen an der SD Negeri 3 Srikaton (Klasse V, 17 Schüler) den Einsatz von Diorama-Medien im Discovery Learning. In der Erhebung stieg der Mittelwert von 54,51 im Vortest auf 86,27 im Nachtest. Der Anteil der Schüler mit vollständigem Lernzielerfolg erhöhte sich von 11,76% (2 Lernende) auf 94,12% (16 Lernende; Normalitätstest ?²=5,3808 gegenüber Tabellenwert 11,070; Hypothesentest Z=5,81 gegenüber Z-Tabelle 1,64).
- Dini Hanipa, Wahyuni Mulia Helmi und Sry Apfani überprüften an der SDN 10 Lembah Melintang im Schuljahr 2025/2026 den Einsatz von Papierfiguren zur Förderung des Hörverstehens in dritten Klassen (47 Schüler; Experimentalgruppe mit 22, Kontrollgruppe mit 25 Schülern). Die Experimentalgruppe erzielte einen Posttest-Mittelwert von 88,42 gegenüber 76,35 in der Kontrollgruppe (t-Wert 8,165 bei einem Tabellenwert von 2,014; Signifikanz p < 0,001).
Zudem untersuchte Jehan Faris Yousif in einer fachdidaktischen Publikation aus dem Jahr 2019 die Wirkung molekularer Repräsentationsstrategien zur Entwicklung von Informationsgenerierungsfähigkeiten im Chemieunterricht der zweiten Stufe der Intermediate School, was die Bandbreite multisensorischer Modellansätze über verschiedene Bildungsstufen hinweg unterstreicht.
