Multiple Sklerose: Neue Blutzellen-Therapie zeigt Toleranzbildung
Veröffentlicht am: 02.09.2026 um 13:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Behandlung der Multiplen Sklerose (MS) steht vor einem potenziellen Paradigmenwechsel. Während herkömmliche Therapien das Immunsystem oft breitflächig unterdrücken, konzentriert sich die aktuelle Forschung verstärkt auf Verfahren, die das Immunsystem präzise umerziehen. Ein Team der Universität Zürich (UZH) hat in diesem Bereich einen neuen Ansatz zur Toleranzinduktion entwickelt, der nun erste klinische Ergebnisse vorweist.
Gezielte Immunreaktion durch modifizierte Erythrozyten
Forschende der Universität Zürich haben in Zusammenarbeit mit dem Karolinska-Institut und der Universität Innsbruck ein Verfahren erprobt, bei dem körpereigene rote Blutkörperchen (Erythrozyten) als Träger für Myelinpeptide genutzt werden. Diese pcRBCs (peptide-coupled Red Blood Cells) sollen dazu dienen, die fehlerhafte Autoimmunreaktion bei MS-Patienten gezielt zu stoppen. Das Ziel ist es, die Toleranz des Immunsystems gegenüber dem körpereigenen Myelin wiederherzustellen, ohne die allgemeine Immunabwehr zu schwächen.
In einer ersten klinischen Studie mit 10 MS-Patienten untersuchte das Team die Sicherheit und Verträglichkeit dieser Methode. Die Ergebnisse, die am 31. August 2026 in der Fachzeitschrift PNAS publiziert wurden, belegen laut den Forschenden die Verträglichkeit des Ansatzes.
Nach einem Zeitraum von drei Monaten ließen sich bei den Probanden zudem regulatorische T-Zellen nachweisen, was als Indikator für eine beginnende Toleranzbildung gewertet wird. Die Biotech-Firma Cellerys übernimmt die weitere Entwicklung dieser Therapieform. Während eine nächste Studie zur Wirksamkeit bereits in Planung ist, bleibt die Finanzierung für diesen nächsten Schritt derzeit noch offen.
Forschung zur Remyelinisierung und neue Fördergelder
Parallel zur Toleranzinduktion rückt die Wiederherstellung beschädigter Nervenhüllen, die sogenannte Remyelinisierung, in den Fokus der Wissenschaft. Die Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU Mainz) verfolgt hierfür einen Ansatz mit einem Theophyllin-Pflaster. Für dieses Forschungsprojekt wurden Fördermittel in Höhe von 1,1 Millionen Euro durch die Organisation ForTra bereitgestellt.
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Geplant ist zunächst eine Phase-I-Studie mit gesunden Probanden, um die Grundlagen für eine spätere Phase-II-Studie an MS-Patienten zu schaffen. Dieser Therapieansatz könnte eine Ergänzung zu immunmodulierenden Verfahren darstellen, da er direkt an der Regeneration der betroffenen Nervenstrukturen ansetzt.
Autoimmunerkrankungen stellen eine erhebliche gesellschaftliche Herausforderung dar, da sie nach Angaben der UZH mehr als 5 % der Bevölkerung betreffen.
Innovationen im Pharmasektor und klinische Studienerfolge
Auch die pharmazeutische Industrie meldet Fortschritte bei der medikamentösen Behandlung der schubförmigen MS. Der Pharmakonzern Novartis legte Daten aus den Phase-III-Studien REMODEL-1 und REMODEL-2 vor. Darin wurde der orale BTK-Hemmer Remibrutinib im Vergleich zum etablierten Wirkstoff Teriflunomid getestet.
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Die Ergebnisse zeigen, dass Remibrutinib den primären Endpunkt – die jährliche Schubrate – erreicht hat. Zudem erwies sich das Medikament in allen sekundären Endpunkten als überlegen, was insbesondere die MRI-Läsionen und die Progression der Behinderung betrifft.
Ein wesentlicher Aspekt der Studie war das Sicherheitsprofil: Remibrutinib zeigte keine Anzeichen von Leberschäden. Novartis plant, diese Daten auf dem Fachkongress MSToronto2026 zu präsentieren und bereitet einen Zulassungsantrag vor. Am Kapitalmarkt stieg die Aktie von Novartis nach Bekanntgabe der Studienergebnisse um 5 %.
Diese Entwicklungen verdeutlichen eine zweigleisige Strategie in der MS-Forschung: Einerseits die Optimierung der medikamentösen Standardtherapie durch hochspezifische Wirkstoffe und andererseits die Entwicklung zellbasierter Verfahren zur dauerhaften immunologischen Toleranz.
