MS-Forschung: Neue Galectine-Therapie gegen stille Hirnschäden
Veröffentlicht am: 16.09.2026 um 06:42 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Multiple Sklerose gilt weiterhin als eine der komplexesten Autoimmunerkrankungen des zentralen Nervensystems. Nach Angaben der la Caixa Foundation leben in Spanien mehr als 55.000 Menschen mit dieser Diagnose, rund 1.900 Neuerkrankungen kommen dort jährlich hinzu, fast 70 Prozent der Betroffenen sind Frauen.
Vor diesem Hintergrund untersucht das CaixaResearch Institute in Barcelona unter Leitung des Immunologen Gabriel Rabinovich einen neuen Ansatz: eine Galectine-Immuntherapie, die gegen sogenannte stille Hirnschäden bei MS gerichtet ist – also Schädigungen, die auch unabhängig von klinisch sichtbaren Schüben fortschreiten können.
Grenzen bestehender Therapien
Der Ansatz aus Barcelona fügt sich in eine Debatte ein, die derzeit auch in der Fachwelt geführt wird. Laut einer Übersicht von Medscape aus dem September 2026 senken B-Zell-depletierende Therapien zwar die Schubrate und das T2-Läsionsvolumen im MRT, zeigen jedoch über einen Zeitraum von zwei Jahren keine signifikante Besserung bei der Behinderungsprogression.
Genau diese Lücke – zwischen kontrollierten Entzündungsschüben und der schleichenden neurologischen Verschlechterung – ist es, an der neue Immuntherapieansätze wie die Galectine-Forschung ansetzen wollen.
CAR-T-Zellen als weiterer Forschungsstrang
Parallel dazu rückt die CAR-T-Zell-Technologie stärker in den Fokus der MS-Forschung, da sich gezeigt hat, dass entsprechend modifizierte Zellen die Blut-Hirn-Schranke überwinden können. Erste klinische Studien dazu laufen bereits.
Ein Team der Huazhong University unter Leitung von Dai-Shi Tian testete an 16 Patienten mit MS oder verwandten neurologischen Autoimmunerkrankungen einen Ansatz, bei dem eine einmalige Virus-Injektion im Körper selbst CAR-T-Zellen gegen B-Zellen entstehen lässt.
Laut der im September 2026 berichteten Studie linderte die einzelne Injektion die MS-Symptome in dieser kleinen Kohorte, ohne dass es zu schweren Nervenentzündungen kam.
Bei elf Teilnehmenden trat eine vorübergehende Entzündungsreaktion auf, die nach rund zwei Wochen abklang. Über sechs Monate hinweg verbesserten sich Symptome und Krankheitsmarker; eine Kontrollgruppe gab es in dieser frühen Studie allerdings nicht.
Weitere Entwicklungsprogramme
Viele MS-Therapien kontrollieren die Schübe — doch die schleichende Verschlechterung läuft oft weiter. Genau hier setzen neue Ansätze an: von der Galectine-Forschung in Barcelona bis zu ersten CAR-T-Studien. Der kostenlose Report ordnet die Studienlage verständlich ein und liefert Ihnen einen Fragenkatalog für Ihr nächstes Arztgespräch. Kostenlosen MS-Report anfordern
Neben den zellbasierten Ansätzen befinden sich weitere Wirkstoffkandidaten in unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Quantum BioPharma teilte mit, dass die US-Arzneimittelbehörde FDA eine IND-Genehmigung für den Kandidaten Lucid-MS erteilt habe, wodurch Phase-2-Studien bei progressiver MS beginnen können. Das Unternehmen präsentierte sein Programm zudem beim dritten ArcStone-Kingswood Growth Summit in Toronto durch Anthony Durkacz.
Auch BioNxt Solutions arbeitet an einem MS-relevanten Wirkstoffkonzept: Das Unternehmen versandte Testmaterialien für eine pharmakokinetische Studie an eine Forschungseinrichtung in China, um zwei sublinguale Everolimus-Formulierungen in Form von Filmen (ODF) mit einem oralen Referenzprodukt in einer Dosierung von 1 mg im Großtiermodell zu vergleichen.
Untersucht werden dabei Kennwerte wie Cmax, tmax und AUC. Nach Angaben des Unternehmens werden erste Messungen etwa zwei Monate nach Probeneingang erwartet. Es handelt sich um präklinische Forschung, aus der sich noch keine Aussagen zu Wirksamkeit oder Sicherheit beim Menschen ableiten lassen.
Grundlagenforschung zu Krankheitsmechanismen
Ergänzend zu den therapeutischen Entwicklungen liefert auch die Grundlagenforschung neue Hinweise darauf, wie Immunreaktionen im zentralen Nervensystem gesteuert werden. Eine im Fachjournal Nature Neuroscience beschriebene Mausstudie zeigte, dass T-Zellen ihre Anweisungen aus den Lymphknoten erhalten und nicht direkt aus dem Gehirn.
Wurden dendritische Zellen aus den Lymphknoten entfernt, verschwanden CD8-T-Zellen im Gehirn, und Hirnschäden gingen deutlich zurück – bei gleichbleibender Menge an Tau-Fibrillen. Die Mäuse behielten dabei ihre kognitiven Fähigkeiten.
Solche Mechanismen, die zunächst im Kontext neurodegenerativer Tauopathien untersucht wurden, könnten grundsätzliche Erkenntnisse dafür liefern, wie Immunzellen ins Gehirn gelangen und dort Schäden verursachen – ein Prinzip, das auch für Autoimmunerkrankungen wie MS relevant sein könnte.
Einordnung
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Die Beispiele aus Barcelona, China, Kanada und den USA zeigen, dass Forschung zu MS-Immuntherapien derzeit auf mehreren Ebenen parallel vorangetrieben wird: von zellulären CAR-T-Ansätzen über neue Wirkstoffformulierungen bis zu Grundlagenforschung über Immunmechanismen im Gehirn.
Die meisten dieser Ansätze befinden sich jedoch noch in frühen klinischen oder präklinischen Phasen. Für Patientinnen und Patienten bedeutet das, dass belastbare Aussagen über Wirksamkeit und Zulassungsreife der einzelnen Programme noch ausstehen.
