Microsoft OAuth-Lücke: Hacker kapern Konten trotz MFA-Schutz
12.06.2026 - 19:55:12 | boerse-global.de
Selbst wer sein Passwort ändert, ist nicht sicher.
Sicherheitsforscher schlagen Alarm: Eine neue Generation von Phishing-Kampagnen setzt auf eine raffinierte Methode, um den Zwei-Faktor-Schutz (MFA) von Microsoft-365-Konten auszuhebeln. Die Angreifer nutzen dabei den sogenannten OAuth-2.0-Geräteautorisierungs-Fluss – ein Feature, das Microsoft eigentlich für Geräte ohne Tastatur wie Smart-TVs oder Drucker entwickelt hat.
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Wie die Angreifer vorgehen
Die Opfer erhalten geschäftlich getarnte E-Mails mit HTML-Anhängen oder Links. Diese führen auf die offizielle Microsoft-Anmeldeseite (aka.ms/devicelogin). Dort geben die Nutzer einen Code ein, der zuvor vom Angreifer generiert wurde. Das vermeintlich harmlose „Anmelden" gewährt dem Hacker jedoch vollen Zugriff auf das Konto – ohne dass ein Passwort gestohlen werden muss.
Das Tückische: Selbst wer später sein Passwort ändert oder die MFA-Einstellungen aktualisiert, bleibt verwundbar. Die Autorisierung des fremden Geräts bleibt bestehen. ReversingLabs beobachtete aktive Kampagnen noch am 12. Juni 2026. Die Angriffs-Kits senden dabei alle vier Sekunden einen neuen Gerätecode an den Phishing-Host, um die Verbindung aufrechtzuerhalten.
Phishing-as-a-Service: Ein Milliardengeschäft
Die Angriffsmethode hat sich professionalisiert. Sicherheitsforscher von Push Security verzeichnen einen Anstieg um das 37,5-Fache bei Phishing-Seiten für Geräte-Codes innerhalb des letzten Jahres. Im Umlauf sind inzwischen mehrere kommerzielle Kits wie EvilTokens, Ghost Hub, Cyb3r, Tycoon2FA und das Kali365-Ökosystem.
Besonders Kali365 macht von sich reden. Huntress entdeckte das Kit im April 2026. Die Aktivität nahm Mitte Mai massiv zu – mit Anmeldeversuchen von Tencent-Cloud-IP-Adressen ab dem 18. Mai. Der Höhepunkt folgte am 20. Mai 2026, als über 80 erfolgreiche Logins registriert wurden. Die Plattform ist hochindustrialisiert: über 100 API-Schnittstellen, ein eigener Domain-Marktplatz und rollenbasierte Zugriffskontrollen für Abonnenten.
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KI macht Phishing noch gefährlicher
Moderne Kits setzen auf ausgefeilte Tarnung. ReversingLabs entdeckte unsichtbare Unicode-Zeichen in den Köder-Mails sowie manipulierte Entra-ID-Token (EvoStsArtifacts), die bösartige Absichten verschleiern sollen.
Kaspersky identifizierte zudem eine Kampagne, die die Tencent-EdgeOne-Pages-Plattform missbrauchte. Innerhalb von 30 Tagen bis Anfang Juni verschickten die Angreifer über 8.000 Phishing-Mails, die auf Firmenzugangsdaten zielten. Einige Kits wie Kali365 bewerben inzwischen KI-gestützte Funktionen für Business-E-Mail-Kompromittierung (BEC). Die künstliche Intelligenz hilft dabei, überzeugendere Nachrichten zu verfassen und automatisiert mit Opfern zu interagieren.
Was Unternehmen jetzt tun müssen
Das FBI und zahlreiche Sicherheitsforscher warnen: Herkömmliche MFA ist kein Allheilmittel mehr gegen diese Form des Token-Diebstahls. Experten empfehlen daher drastische Maßnahmen:
- Device Code Flow blockieren, wenn die Funktion nicht zwingend benötigt wird
- Conditional-Access-Richtlinien einführen, um die Nutzung einzuschränken
- FIDO2-Hardware-Sicherheitsschlüssel einsetzen
- Token-Lebensdauer verkürzen
- Automatisierte Verhaltensanalyse nutzen, um ungewöhnliche Anmelde-Muster zu erkennen
Die Bedrohungslage zeigt: Was als Komfort-Funktion gedacht war, ist zum Einfallstor geworden. Unternehmen sollten ihre Sicherheitsstrategie dringend überdenken.
