Mehrweg-Glaskonserven: 24 Hersteller starten Pfandsystem
Veröffentlicht am: 31.08.2026 um 05:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Seit dem 12. August 2026 ist die neue EU-Verpackungsverordnung (Packaging and Packaging Waste Regulation, PPWR) in Kraft. Damit verschärfen sich die Anforderungen an die Gestaltung, Dokumentation und Verwertung von Verpackungen im europäischen Binnenmarkt erheblich.
Das Regelwerk sieht vor, dass ab dem Jahr 2030 strengere Vorgaben zur Recyclingfähigkeit greifen und bestimmte Einwegplastikverpackungen vollständig verboten werden. Für Unternehmen bedeutet dies eine tiefgreifende Umstellung ihrer Lieferketten und Datenmanagement-Systeme.
Herausforderungen bei Compliance und Datenintegration
Die PPWR verpflichtet Marktteilnehmer dazu, den Materialeinsatz sowie die Nachhaltigkeit ihrer Verpackungslösungen lückenlos nachzuweisen. Experten weisen darauf hin, dass die notwendige Zusammenführung von Produkt-, Verpackungs- und Artwork-Daten eine zentrale Hürde darstellt.
Zwar existieren bereits IT-gestützte Ansätze, wie etwa SAP-basierte Lösungen über SAP ECTR, doch in vielen Betrieben sind diese Informationen noch immer in getrennten Systemen isoliert. Dies erschwert die geforderte Compliance erheblich.
Zusätzlich rückt der Digitale Produktpass (DPP) in den Fokus der regulatorischen Umsetzung. Ab Februar 2027 wird dieser zunächst für Industriebatterien verpflichtend, bevor er stufenweise auf Elektronik, Textilien und Bauprodukte ausgeweitet wird. Er soll detaillierte Angaben über die Materialzusammensetzung, Herkunft und Recyclingfähigkeit enthalten.
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Während Organisationen wie EuroCommerce einen schlanken DPP auf Modellebene fordern, um den administrativen Aufwand zu begrenzen, nutzen Branchen wie die Stahlindustrie das Instrument bereits für CO?-Nachweise.
Mittelständische Unternehmen stehen hierbei vor einem massiven bürokratischen Aufwand. So berichtete der Leiter des Versandhändlers Relaxdays, Martin Menz, dass allein für die Einhaltung aktueller Regulierungen wie der Entwaldungsverordnung und des DPP ein Team von sechs bis sieben Mitarbeitern zuständig sei.
Ressourcenbedarf und ökologische Auswirkungen
Die angestrebte Abkehr von Plastik hin zu papierbasierten Lösungen erhöht den Druck auf die forstwirtschaftlichen Ressourcen. Zwar profitiert die Papierindustrie von der neuen Verordnung, doch der Holzbedarf steigt stetig. Dies ist kritisch zu betrachten, da lediglich 3 % der EU-Wälder als alt oder ursprünglich eingestuft werden.
Ein Beispiel für die Dimensionen der Produktion ist die Papierfabrik Mondi in Ružomberok, die jährlich 2,5 Mio. Bäume verarbeitet. Seit dem Jahr 2000 konnte das Werk seine Produktion vervierfachen und exportiert heute 90 % seiner Erzeugnisse, während es gleichzeitig die Fernwärme für einen Großteil der Stadt sichert.
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Auch die UPM Bioraffinerie in Leuna investiert massiv in diesen Sektor. Mit einem Investitionsvolumen von 1,3 Mrd. Euro und einer staatlichen Förderung von 20 Mio. Euro ist geplant, ab 2027 jährlich 500.000 m³ Buchenholz zu verarbeiten.
Innovative Mehrwegsysteme und Gesundheitsaspekte
Parallel zur Regulierung entstehen privatwirtschaftliche Initiativen zur Abfallvermeidung. Ein Verbund von 24 Herstellern, darunter Unternehmen wie Carl Kühne, Feinkost Dittmann und Monin, plant die Einführung eines einheitlichen Mehrweg-Pfandsystems für Glaskonserven. Das vom System Dotch organisierte Modell sieht Pfandsätze von 25 Cent für Schraubgläser und 50 Cent für Glasflaschen vor.
Die Initiatoren gehen davon aus, dass Gläser bis zu 50 Umläufe erreichen können, was bereits ab dem ersten Umlauf eine CO?-Einsparung von 50 % ermöglichen soll. Insgesamt könnten so bis zu 710.000 t Verpackungsabfall vermieden werden.
Der Druck auf Einweglösungen wird zudem durch neue Erkenntnisse zu Gesundheitsrisiken verstärkt. Öko-Test wies im September 2026 in 42 von 52 untersuchten Konservendosen eine hohe Belastung mit Bisphenol A (BPA) nach.
Die EU reagiert darauf mit einem Verbot des absichtlichen BPA-Einsatzes in Lebensmittelkontaktmaterialien ab Januar 2025; ab Januar 2028 ist zudem der Verkauf von Dosen mit BPA-Außenlacken untersagt.
Auch bei vermeintlich nachhaltigen Alternativen ist Vorsicht geboten: Eine Studie der NEAU und der UQ belegte, dass PLA-beschichtete Pappbecher bei Kontakt mit heißem Wasser 11,6 µg Kunststoff pro Liter abgeben – das Zwölffache im Vergleich zu PE-beschichteten Bechern.
Während die EU voranschreitet, zieht auch die Schweiz nach. Der Schweizer Bundesrat beschloss Recyclingvorgaben, nach denen Verpackungen ab 2030 so klein wie möglich gestaltet sein müssen. Ab 2032 drohen dort Pflichtziele und ein mögliches Pfandsystem, falls die vorgegebenen Plastikmengen nicht reduziert werden.
