Medizin-KI: 78% der Ärzte sehen große Chancen, nur 15% nutzen sie
Veröffentlicht am: 22.09.2026 um 01:42 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Der Einsatz künstlicher Intelligenz (KI) in der klinischen Praxis gewinnt zunehmend an struktureller Relevanz. Ein zentrales Beispiel für diese Entwicklung ist die Kooperation zwischen der Deutschen Telekom und dem in Langen ansässigen Start-up Prof. Valmed.
Gemeinsam stellen die Partner eine KI-Lösung bereit, die Mediziner bei Diagnose- und Therapieentscheidungen unterstützen soll. Diese Entwicklung steht im Kontext einer breiteren Digitalisierungswelle im Gesundheitswesen, die von neuen Zertifizierungen bis hin zu spezialisierten Anwendungen in der Genomik reicht.
Zertifizierte Unterstützung und Wissensbasis
Die Lösung von Telekom und Prof. Valmed basiert auf einem sogenannten RAG-System (Retrieval-Augmented Generation), das auf eine medizinische Wissensbibliothek zugreift. Diese umfasst laut den Unternehmen über 2,5 Millionen kuratierte und validierte Dokumente, darunter wissenschaftliche Studien und medizinische Leitlinien. Ein wesentliches Merkmal dieses Systems sei die Nachvollziehbarkeit der generierten Antworten, die durch Quellenbelege gestützt werden.
Nach Angaben der Telekom handelt es sich um das bundesweit erste für die CE-Klasse IIb zertifizierte Large Language Model, das fachübergreifend zur Unterstützung medizinischer Entscheidungen eingesetzt werden kann. Die Anwendung ist für die Integration in bestehende Krankenhausinformationssysteme (KIS) sowie Praxissoftware konzipiert.
Auf Basis patientenspezifischer Daten wie Alter, Geschlecht und Anamnese erstellt das System Empfehlungen, wobei die finale Verantwortung für Diagnose und Therapie ausdrücklich bei den behandelnden Ärzten verbleibt. Eine Bereitstellung über die Cloud der Telekom ist als folgender Ausbauschritt vorgesehen.
Effizienzgewinne in der klinischen Dokumentation
Parallel zu diagnostischen Assistenzsystemen rückt die Entlastung des Personals durch KI-gestützte Dokumentation in den Fokus. Die Charité – Universitätsmedizin Berlin hat hierfür mit „Clé“ eine eigene KI-Plattform eingeführt, die auf einer hausinternen Infrastruktur betrieben wird.
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In einem Pilotprojekt konnte die Zeit für die Umwandlung von Dokumenten in strukturierte Daten erheblich gesenkt werden – von durchschnittlich 30 auf zwei Minuten. Bei der Bearbeitung von 1.800 Dokumenten entsprach dies einer Ersparnis von 105 Arbeitstagen.
Auch Microsoft bietet mit dem Dragon Copilot Werkzeuge für die sogenannte „Ambient Documentation“ an. Dabei werden Patientengespräche erfasst und automatisiert in Entwürfe für klinische Dokumente, wie Arztbriefe oder Überweisungen, umgewandelt. Auch hier wird betont, dass die ärztliche Kontrolle und Freigabe zwingende Voraussetzung bleiben.
Einsatzgebiete von der Psychotherapie bis zur Genomik
In der ambulanten Versorgung zeigt sich der Nutzen der Technologie ebenfalls deutlich. Die Hochschulambulanz der TU Chemnitz nutzt seit etwa einem halben Jahr KI-Anwendungen für Dokumentation und Therapieplanung.
Angesichts langer Wartelisten – in Chemnitz stehen rund 200 Patienten auf der Liste bei einer durchschnittlichen Wartezeit von eineinhalb bis zwei Jahren – verwies TU-Professor Stephan Mühlig darauf, dass Zeitersparnisse bei Anträgen unmittelbar Kapazitäten für die Patientenversorgung freisetzen könnten. Er warnte jedoch auch davor, dass KI bei der Einschätzung akuter Krisen oder Suizidalität an Grenzen stoße.
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In der hochspezialisierten Diagnostik präsentierte das Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik im September 2026 bioinformatische Werkzeuge zur Analyse des Genoms. Das Werkzeug „Dicast“ konnte in Untersuchungen pathogene Strukturvarianten präzise identifizieren und Fehlalarme reduzieren. Da bisher nur etwa 30 bis 40 Prozent der Patienten eine klare molekulare Diagnose erhalten, wird der KI hier ein hohes Potenzial zugeschrieben.
Akzeptanz und regulatorische Rahmenbedingungen
Trotz des technologischen Fortschritts bleibt die Implementierung im Alltag eine Herausforderung. Eine Studie des Branchenverbandes Bitkom vom September 2026 verdeutlicht das Spannungsfeld: Zwar sehen 78 Prozent der befragten Ärzte in Deutschland die KI als große Chance, doch erst 15 bis 18 Prozent setzen entsprechende Werkzeuge bereits aktiv ein.
Zudem äußerten drei Viertel der Befragten den Wunsch nach einer strengen Regulierung und fühlten sich nicht ausreichend auf den Einsatz der neuen Technologien vorbereitet.
Fachgesellschaften wie die Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DEGUM) betonen unterdessen den Wert der KI für die Standardisierung. In der Pränataldiagnostik könne die Technik etwa prüfen, ob alle notwendigen Untersuchungsebenen erfasst wurden.
Professor Christian Enzensberger von der Uniklinik RWTH Aachen unterstrich in diesem Zusammenhang, dass die KI die Qualität sichere, jedoch keine Verantwortung für die Beratung oder Therapie übernehmen könne.
