Medikationsfehler, Wirkstoffe

Medikationsfehler: Fünf neue Wirkstoffe erhöhen Risiken bei älteren Patienten

12.06.2026 - 08:11:17 | boerse-global.de

Die Apothekenreform 2026 erweitert die Kompetenzen der Vor-Ort-Apotheken, doch Sparmaßnahmen gefährden die wirtschaftliche Stabilität der Branche.

Deutsche Apothekenreform: Neue Aufgaben und wirtschaftliche Risiken
Medikationsfehler - Nahaufnahme einer älteren Hand, die verschiedene bunte Pillen hält, mit verschwommenen Medikamentenpackungen im Hintergrund. 12.06.2026 - Bild: über boerse-global.de

Besonders ältere Patienten, die oft mehrere Medikamente gleichzeitig einnehmen müssen, rücken in den Fokus. Die Politik reagiert mit einer umstrittenen Reform.

Anzeige

Über 180 Wirkstoffe können im Alter plötzlich riskant werden und Schwindel oder Stürze auslösen. Dieser kostenlose PDF-Ratgeber deckt gefährliche Medikamente auf und zeigt sichere Alternativen für Senioren. Kostenlosen Medikamenten-Ratgeber hier sichern

Pharmazeutische Kompetenz gegen Medikationsfehler

Die Diskussion um die Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) wurde durch Sparvorschläge angeheizt. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen regte an, Medikamente teilweise in Drogerien oder per Versandhandel abzugeben.

Die Fachwelt lehnt das entschieden ab. Daniela Hänel, Vorsitzende der Freien Apothekerschaft, betonte: „Ein Wochenendkurs in einer Drogerie kann nicht die pharmazeutische Expertise ersetzen, die für die Erkennung komplexer Wechselwirkungen nötig ist.“ Das Vier-Augen-Prinzip zwischen Arzt und Apotheker diene als wesentlicher Schutzmechanismus. Einsparungen hier könnten zu hohen Folgekosten durch Fehlmedikationen führen.

Wie relevant dieser Schutz ist, zeigt ein Blick in die Schweiz. Der Ständerat beschloss im Juni 2026 die Einführung obligatorischer elektronischer Rezepte und Medikationspläne. Ziel: Medikationsfehler vermeiden, die jährlich rund eine Milliarde Franken kosten.

Neue Wirkstoffe erhöhen Therapie-Komplexität

Seit Anfang Juni 2026 stehen fünf neue Wirkstoffe auf dem deutschen Markt. Dazu gehört Remibrutinib zur Behandlung der chronischen spontanen Urtikaria. Fachleute warnen bei multimorbiden Patienten vor spezifischen Risiken: ein erhöhtes Blutungsrisiko und Wechselwirkungen mit dem Enzym CYP3A4, das am Abbau vieler anderer Medikamente beteiligt ist.

Anzeige

Ob Cholesterin oder Entzündungswerte – wer seine Laborergebnisse versteht, kann Fehldiagnosen vermeiden und die eigene Gesundheit besser schützen. Dieser 25-seitige Report von Dr. Ulrich Fricke erklärt Ihnen die wichtigsten Werte verständlich und praxisnah. Kostenlosen Laborwerte-Selbstcheck jetzt herunterladen

Auch bestehende Medikamente bekommen neue Einsatzbereiche. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) beschloss im Juni 2026 die Aufnahme von vier Wirkstoffen für die Off-Label-Behandlung von Long- und Post-COVID-Symptomen: Ivabradin, Metformin, Agomelatin und Vortioxetin. Da diese Substanzen oft zusätzlich zur Dauermedikation verordnet werden, steigen die Anforderungen an die Überwachung von Interaktionen und Nebenwirkungen.

Apothekenreform: Neue Aufgaben für Vor-Ort-Apotheken

Die im Frühjahr 2026 vom Bundestag beschlossene Apothekenreform (ApoVWG) soll die Vor-Ort-Versorgung stärken. Der Bundesrat berät Mitte Juni 2026 darüber. Die Reform sieht unter anderem vor:

  • Beratungsangebote: Screenings zu Herz-Kreislauf-Risiken, Diabetes und Raucherentwöhnung
  • Diagnostik: Schnelltests auf Influenza, RSV und Noroviren sowie venöse Blutentnahmen
  • Abgaberegelungen: Erleichterte Abgabe von Folgerezepten und flexiblere Handhabung bei nicht verfügbaren Rabattarzneimitteln

Die rund 16.600 Apotheken in Deutschland versorgen jährlich etwa 900 Millionen Packungen verschreibungspflichtiger Arzneimittel.

Wirtschaftliche Spannungen gefährden Versorgung

Trotz der Kompetenzerweiterung warnen Branchenvertreter vor finanziellen Risiken. Thomas Preis, Präsident des Apothekerverbandes Nordrhein, und Oliver Kirst, Vorsitzender des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie (BPI), kritisieren Sparvorhaben wie das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz.

Geplante Erhöhungen des Apothekenabschlags von 1,77 auf 2,07 Euro pro Packung könnten die wirtschaftliche Basis gefährden. Der BPI warnt vor einem massiven Verlust an gesamtwirtschaftlicher Wertschöpfung durch Zwangsrabatte. Das könnte langfristig Innovationskraft und Versorgungssicherheit am Standort Deutschland beeinträchtigen.

Experten plädieren für einen verstärkten Dialog zwischen den Heilberufen. Ein erheblicher Teil der Hausärzteschaft steht kurz vor dem Ruhestand – während Apotheken für 78 Prozent der Bevölkerung in weniger als zwei Kilometern Entfernung erreichbar sind.

de | wissenschaft | 69524292 |