Medikationsfehler: 84% der Pflegeheim-Bewohner gefährdet
Veröffentlicht am: 22.07.2026 um 20:05 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Arzneimitteltherapie älterer Menschen birgt erhebliche Risiken. Studien zeigen: In Pflegeheimen fehlt es oft an notwendigen Medikamenten, während anderswo gefährliche Überdosierungen passieren. Weltweit kämpfen Experten mit den Folgen von Fehlmedikationen.
Hohe Risiken in Pflegeeinrichtungen
Eine Analyse aus einer Prager Einrichtung untersuchte 74 Klienten mit einem Durchschnittsalter von 90 Jahren. Das Ergebnis: Bei 84 Prozent der Teilnehmer bestand ein hohes Risiko für Medikationsfehler. Die Forscher identifizierten insgesamt 170 problematische Aspekte. Am häufigsten fehlten notwendige Medikamente (42 Prozent), in 33 Prozent der Fälle empfahlen sie das Absetzen eines Präparats, in 15 Prozent eine Dosisreduktion.
Doch nicht nur systemische Risiken sind das Problem. In Winterthur erhielt ein Bewohner im Februar 2025 versehentlich die zehnfache Dosis Morphin. Ursache: eine Verwechslung von Milligramm und Milliliter. Der Patient verstarb kurz darauf, die Rechtsmediziner stellten jedoch Herzversagen als Todesursache fest. Das Verfahren gegen die beteiligten Pflegekräfte wurde im Sommer 2026 eingestellt. Als begünstigender Faktor galt mangelnde Gegenkontrolle wegen Personalknappheit.
Antibiotika: Zu viel des Guten
Ein weiteres Problem ist der übermäßige Einsatz von Antibiotika. Eine im Juli 2026 in Lancet Public Health veröffentlichte Studie untersuchte den Verbrauch in 186 Ländern. Ergebnis: In 72 Prozent der Staaten werden mehr Antibiotika verordnet als medizinisch nötig. Besonders kritisch sehen die Autoren den Einsatz von Breitbandantibiotika der „Watch“-Gruppe – in 99 Prozent der Länder werden sie zu häufig verwendet.
Schwindel, Stürze oder gefährliche Wechselwirkungen – viele Medikamente, die Senioren routinemäßig verschrieben werden, bergen im Alter unerkannte Risiken. Dieser kostenlose PDF-Ratgeber deckt auf, welche Wirkstoffe für Menschen ab 60 gefährlich werden können und welche sicheren Alternativen existieren. Die Priscus-Liste 2.0 jetzt kostenlos herunterladen
Auch Deutschland liegt über dem notwendigen Maß. Die Forscher führen das teilweise auf bestehende Leitlinienempfehlungen zurück. In Griechenland zeigt eine Analyse bis 2024: Fast die Hälfte der Bevölkerung erhält jährlich Antibiotika, aber nur neun Prozent der Verschreibungen entsprechen den offiziellen Richtlinien. Die Folge: multiresistente Keime breiten sich aus. Eine Untersuchung aus Südtirol wies bereits 2022 in einer Langzeitpflegeeinrichtung eine hohe Prävalenz resistenter Bakterienstämme nach.
Technik und Politik gegen Fehler
Um die Risiken zu senken, setzen Experten auf technische Lösungen. Der Gemeinsame Bundesausschuss empfahl im Sommer 2026, das Projekt „Tele-Kasper“ in die Regelversorgung zu überführen. Es handelt sich um eine telemedizinische Beratung, die Kliniken bei der optimalen Antibiotika-Verordnung unterstützt.
Auf politischer Ebene vereinbarten Bundesgesundheitsministerin Nina Warken und EU-Gesundheitskommissar Olivér Várhelyi im Juli 2026 Maßnahmen zur Stärkung des Pharmastandorts Europa. Ziel: weniger Abhängigkeit von Drittstaaten und mehr Produktion essenzieller Wirkstoffe in Europa – um Lieferengpässe bei kritischen Medikamenten zu vermeiden.
Viele Packungsbeilagen verschweigen, dass gängige Präparate im Alter oft völlig anders wirken als bei jüngeren Patienten. Erfahren Sie in diesem Experten-Report, warum über 180 Medikamente auf der aktuellen Warnliste stehen und wie Sie sich vor Fehlmedikationen schützen. Kostenlosen Medikamenten-Ratgeber für Senioren sichern
Auch die Fachgesellschaften passen ihre Standards an. Die Initiative „Klug entscheiden“ der DGIM aktualisierte Empfehlungen zur Antikoagulation bei Vorhofflimmern. Demnach spielt das Geschlecht bei der Indikationsstellung keine Rolle mehr – das soll die Entscheidungsfindung für Ärzte vereinfachen.
Rechtliche und wirtschaftliche Fragen
Die Sicherheit bei der Medikamentenabgabe wird zunehmend zum juristischen Fall. Seit Mitte Juli 2026 verhandelt das Landgericht Hannover gegen einen Mediziner. Ihm wird vorgeworfen, in den Jahren 2019, 2020 und 2025 Patienten unzulässige Medikamentendosen verabreicht zu haben. Die Verteidigung führt Aspekte der indirekten Sterbehilfe an.
Auch wirtschaftliche Fragen beschäftigen die Branche. In oberösterreichischen Heimen ist die Praxis bei Gebühren für die maschinelle Verblisterung von Medikamenten uneinheitlich. Manche Einrichtungen integrieren die Kosten, andere erheben zusätzlich rund 20 Euro pro Monat. Das sorgt für Unklarheit bei Angehörigen und Bewohnern. Dabei gilt die Verblisterung als wirksame Methode, um Dosierungsfehler bei der manuellen Stellung zu vermeiden.
Disclaimer zu unseren Artikeln: Keine Anlageberatung, keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung. Angaben zu Kursen, Unternehmen und Märkten ohne Gewähr; Änderungen jederzeit möglich. Börsengeschäfte können zu hohen Verlusten führen. Unsere Beiträge werden ganz oder teilweise automatisiert mit Unterstützung von AI erstellt und geprüft.
