Medikamentenengpässe: Praziquantel und Lokelma nicht verfügbar
09.06.2026 - 01:30:57 | boerse-global.de
Klinische Experten warnen vor den Folgen fehlender Alternativpräparate. Gleichzeitig führen geplante Gesetzesänderungen zu massiven Investitionskürzungen bei Pharmaunternehmen.
Nischenmedikamente werden knapp
Mediziner schlagen Alarm: Immer mehr Spezialpräparate sind nicht mehr verfügbar. Ein Beispiel ist der Wirkstoff Praziquantel gegen Schistosomiasis. Viktoria Schneitler von der Uniklinik Düsseldorf betonte am 8. Juni 2026, dass es in der EU keine gleichwertige Alternative mehr gebe. Bleibt die Behandlung aus, drohen schwere Langzeitfolgen wie Leberfibrose oder Harnblasenkarzinome.
Der Grund: Hersteller ziehen sich zurück, wirtschaftliche Anreize fehlen.
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Doch nicht nur die Verfügbarkeit ist das Problem. Auch administrative Hürden bremsen die Versorgung. Ein Fall aus Oelde zeigt die Absurdität: Ein Apotheker versuchte Anfang Juni, das Medikament Lokelma gegen Hyperkaliämie direkt bei AstraZeneca zu bestellen. Der Großhandel konnte nicht liefern. Die Antwort des Herstellers: Neuanlage einer Kundennummer – mit 14 Tagen Wartezeit. Auf den Hinweis zur Dringlichkeit hieß es, der Patient müsse sich eine andere Bezugsquelle suchen.
Gerichtsurteil zu Lieferausfällen
Wer haftet, wenn Medikamente fehlen? Das Sozialgericht München hat diese Frage nun präzisiert. Es wies eine Klage der Barmer gegen Glenmark ab. Die Kasse hatte rund 248.000 Euro Schadensersatz gefordert – wegen Lieferausfällen bei Desloratadin und Trazodon zwischen 2019 und 2021.
Das Gericht urteilte Anfang Juni: Die in den Rabattverträgen vereinbarten Vertragsstrafen reichen aus. Weitergehende Ansprüche gibt es nicht. Das entspricht der Linie des Bundessozialgerichts. Glenmark hatte die Engpässe mit Nachfragespitzen und gesetzlichen Änderungen begründet.
Pharmakonzerne streichen Milliarden-Investitionen
Das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz (BStabG) zeigt erste Folgen. Es soll die Krankenkassen um 16 bis 20 Milliarden Euro entlasten. Dafür sind dynamisierte Herstellerabschläge geplant: ab 2027 bei 3,5 Prozent – laut juristischen Gutachten könnten sie bis 2030 auf über 20 Prozent steigen.
Die Reaktion der Industrie ist heftig:
- Boehringer Ingelheim streicht geplante Investitionen von 900 Millionen Euro für deutsche Standorte (2027 bis 2030).
- Eli Lilly reduziert das Investitionsvolumen für ein neues Werk in Alzey von 2,5 Milliarden US-Dollar auf die Hälfte.
Jasmina Kirchhoff vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) nannte am 8. Juni 2026 fehlende Planungssicherheit als Grund. AOK-Chefin Dr. Carola Reimann konterte: Die Milliardengewinne der Konzerne machten solche Kürzungen inakzeptabel. Ein Gutachten des Sachverständigenrats für Gesundheit habe zudem gezeigt, dass das Preisniveau für Arzneimittel keinen direkten Einfluss auf Standortentscheidungen habe.
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Patienten müssen tiefer in die Tasche greifen
Ab 2027 drohen Versicherten höhere Zuzahlungen. Statt 5 bis 10 Euro sollen dann 7,50 bis 15 Euro pro Packung fällig werden. Auch Leistungen wie Homöopathie und bestimmte Hautkrebs-Screenings stehen vor der Streichung. Ärzteverbände wie die Freie Ärzteschaft protestieren und warnen vor Rationierung.
Am 7. Juni 2026 kam es zudem zu einem Rückruf für bestimmte Chargen des Antidepressivums Sertralin Winthrop. Grund: verkürzte Haltbarkeit wegen möglicher Nitrosamin-Verunreinigungen. Für Sertralin-Präparate wird ein allgemeiner Lieferengpass bis Ende Juni erwartet.
Während die Versorgung mit Bestandsmedikamenten unter Druck steht, liefern Langzeitstudien neue Erkenntnisse. Die in JAMA Ophthalmology veröffentlichten 8-Jahres-Daten der LAMP-Studie stützen das kontrollierte Absetzen von niedrigdosiertem Atropin bei kindlicher Myopie. Die klinische Einordnung der Effekte dauert allerdings noch an.
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